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keit gefielen und von ihrer Wohnung, deren Anständigkeit ihrer Herkunft und ihrer selbstständigen Würde entsprechen musste, jene kleinen hausbürgerlichen Einrichtungen ferne hielten, welche eine Hausfrau oft für unentbehrlich halten würde, und welche, obwohl sie alles gleich zur Hand stellen sollen, doch die Bequemlichkeit meistens eher hindern, als fördern.
Um übrigens einen malerischen Gesammtüberblick Schif- fenbergs selbst, das ist: des Herrenhauses mit den Wirth- schaftsgebäuden und dem eigenthümlichen Kirchthurme zu ge- winnen, muss man einen ausserhalb desselben etwas unter- halb gelegenen Standpunkt auf dem Kornfeld, unfern des Waldsaumes, aufsuchen. Dann zeigt sich rechts der Abhang des Berges mit hübschen Baumgruppen besetzt, oben die Gebäulichkeiten in der Perspective,— links der Wald hinab, und zwischendurch öffnet sich die reizendste Fernsicht auf Felder, Vorhöhen und Berge, deren sanfte Konturen in einer magischen Abendbeleuchtung verschwimmen.
Es ist indessen Zeit geworden, an die Heimkehr nach Giessen zu denken, und ich schicke mich dazu an. So ver- lasse ich denn das Haus Schiffenberg und folge wieder dem anmuthigen Waldpfade, der mich den Berg hernieder auf die breite Fahrstrasse bringt. Hier seh ich wieder den forstbota- nischen Garten und kann nicht umhin, demselben gegenüber in den Wald einzulenken, um mir den Weg nach dem Lud- wigsbrunnen zu suchen, von dessen anmuthiger Lage ich schon manches vernommen habe. Da komme ich aufwärts steigend, zuerst zu einem mit Basalt eingefassten runden Bassin, einem Plätzchen, wohl werth, sich eben so gut einen Herman bei Dorotheen als Staffage hinzu zu denken, wie bei jenem Brunnen vor Wetzlar. Zwar ist die Oertlichkeit hier durchaus nicht so eng umschlossen wie dort, wo die Treppe hinab in der engen Brunnennische gerade nur Raum genug für ein liebendes Paar ist; aber hier kommen aus allen Schluchten der Waldeinsamkeit die freundlichen Elfen herbei, und schlin- gen unsichtbar den unlösbaren Kreis um Jüngling und Jung- frau, und Vöglein singen ihnen von allen Zweigen ein süsses Brautlied. Ich eile die Höhe im Walde weiter empor; da


