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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
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auch in kleineren Kreisen abstufe, neben dem engeren Platz den grösseren Gewinn. Jene drei Erscheinungen sind die In- dustrie, das Volksschulwesen und die Humanität. Am hell- sten leuchtet mir die letztere ins Auge, am wärmsten ins Herz. Die Armenanstalt, das Bürgerhospital, die Plock'sche, Schott'sche und Todtanwarbsche Stiftung, vor allen die Ar- menschule, in welcher jedes Kind des Mittellosen bis zur Konfirmation Speise, Bekleidung und Unterricht erhält, welcher grossartige Wirkungskreis für den Wohlthätigkeits- sinn, und welcher grossartige Wohlthätigkeitssinn(füge ich hinzu), der sich einen solchen Wirkungskreis liebevoll erschafft! Und wie schöner, wenn Industrie und Volksschulwesen, die ich beide unter dem höheren Begriffe der Humanität zusam- menfasse, durch ihre heranreifenden Folgen, durch die gei- stige und moralische Bildung der Nachkommenschaſt auch die Möglichkeit verschaffen, von früh auf durch eigene Kraft die Kluft zwischen Armuth und Wohlstand auszufällen! Und wie verknüpfet das heilige Band der Menschenfreundlichkeit die geselligen Kreise immer enger und fester! Dies schöne Wir- ken zaubert über die Physiognomie des geselligen Lebens jene behagliche Heiterkeit hin, die mich von vornherein gewinnt; es ist jene wahre innere Zufriedenheit, die aus der Reinheit des Bewusstseins entspringt und mit ihrem reinen Abglanz Alles um sich her verschönert.

Und wie das Léeben, so gewinnt auch die Stadt von Jahr zu Jahr ein helleres, freundlicheres Aeussere. Sie streift(von 1807 bis 1810) das alte steinerne Gewand mit den steifen Spitzen und Zacken der Aussenwerke und Wälle ab und schmückt sich dafür mit frischem Grün. Die düstren engen Festungsthore mit ihren Zugbrücken werden niedergerissen, und frei zieht jetzt Handel und Verkehr in die Stadt, frei die Wissenschaft, die ja Geméingut der ganzen Menschheit ist, die sich unter keinem Schlagbaum, vor keiner Thorwache, wie überhaupt vor nichts Irdischem bücken soll. Nein, die Wis- senschaft braucht keine Festungsmauern, ist sie doch selbst die feste Burg des Nationalgeistes! Wo sonst das Schilder- haus stand, wie eine ausgespreitzte hölzerne Livre, in welche der Soldat hineinschlüpfte, wo dieser sonst trotaig auf- und