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grünen nassen Schleier zurück; einen blauen Blumenkelch hielt sie in der Hand, und aus den goldnen Staubfäden wuchsen die Arabesken hervor; und ein leises Klingen zog drüber hin, ein melodisches Rauschen, wie ein Lied von ferner Zeit. Ge- wiss: das war die schöne Lahnnixe. Aber war Vergangenheit oder Zukunft der Inhalt des Liedes? O lasst mich laâuschen und alles vergessen, was rings um mich ist.
So sass ich lange einsam auf einer Bank(denn mein Freund, der mich auf den Seltzerberg begleitet, war in die Stadt zurückgekehrt) und horchte; aber das leise Klingen wollte sich nicht wieder verncehmen lassen.
Und mittlerweile ist es Abend geworden, die Dämmerung webt ihre Schleier über das Landschaftsbild. Nur wenige Wandrer sind noch auf den Strassen und Feldwegen, der Landmann, der vom Acker ins Dorf kehret, der Landkrämer, der seinen bescheidnen Einkauf in der Stadt besorgt hat;— bald schwinden die dunklen Gestalten in den Schatten. Auch die Formen der Gebüsche am Ufer, welche noch vor kurzem so scharf hervorgetreten in der letzten Helle des Horizonts, verschwimmen jetzt in breite und undeutliche Massen. Da tritt der Mond aus den schweren Wolkenschichten hervor und grell beleuchtet sein bläulicher Schein den alten Thurm auf dem Gleiberg; in der gespenstigen Beleuchtung scheint mir dieser jetzt näher als am Tage. Schaurig still ist's rings um mich her; nur der gedämpfte Schall eines Studentengesanges dringt aus der Stadt herüber. Bald verstummet auch er und lauter wird jetzt das Rauschen der Wasser. Gewiss: das ist die Nixe hinter den Büschen. Sie hat jede Hülle abgelegt und wiegt sich auf den Wassern im Mondenstrahl und erzält von Geschicken alter Zeiten, die sie gesehen. Ich horche, was sie verkündet.
Wie die magischen Töne leise erklingen, verändert sich vor meinen Blicken das Bild der ganzen Landschaft. Ich sehe die Wasser frei und wild dahin rauschen, noch trägt der Strom kein Brückenjoch. Dichter Urwald bedecket die Höhen und die Ebene an beiden Ufern; unter den alten heiligen Bäumen aber streifen kühne Jäger umher, mit durchdringenden Blicken aus blauen Augen. Hier wandeln Jünglinge, ungeduldig nach
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