Ausgabe 
4.7.1850
 
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Dirigent der Regierungskommission in Mainz. Freiherr Reinhard v. Dalwpigk ist eines unserer jüngsten Mini⸗ sterialmitglieder, denn er ist noch in den Vierzigen. Hr. v. Dalwigk besitzt Verstand und Bildung; ob er aber den jetzigen schwierigen Verhältnissen als Minister gewachsen ist, kann erst die Folge lehren. In Worms war er ziemlich beliebt, mit desto größerem Haß ver⸗ folgte ihn die demokratische Partei in Mainz.

Diesen Notizen erlauben wir uns noch folgendes beizufügen: i

Herr v. Dalwigk ist von den Göttern mit der Gabe des Witzes begnadigt worden. Er hat als Student das berühmte klassische, Examen Pistors, aus welchem wir vielleicht einmal gelegentlich einige Proben in un⸗ serem Feuilleton mittheilen werden, verfaßt.

Seiner politischen Stellung nach scheint Herr v. Dalwigk ein Bureaukrat, aber ein Bureaukrat von jener tapferen ritterlichen Sorte zu sein, die nicht mit Furcht sondern mit souveränster Geringschätzung auf das sou⸗ veräne Volk herabschaut. Als er bei Gelegenheit eines Aufstandes, der in den Märztagen gegen einen mißlie⸗ bigen vexatorischen Marktmeister in Mainz stattfand, von einem aufgeregten Volkshaufen verfolgt wurde, drehte er sich plötzlich nach der aufgeregten Menge, die ihn unaufhörlich mit wenig schmeichelhaften Zurufen behelligte, herum, und sprach, den Hohn auf der ge⸗ krümmten Unterlippe und indem er seinen Hut tief ab⸗ zog:Ich mache dem souveränen Volk mein Com⸗ pliment! Hr. v. Dalwigk hat das souveräne Volk bis jetzt nur in seinen Kinder- und Flegeljahren kennen gelernt und es scheint, als habe er keinen rechten Glauben an die Bildungsfähigkeit und dereinstige Männ⸗ lichkeit desselben; aber Hr. v. Dalwigk hat jedenfalls Witz genug, seine Meinung zu ändern, sobald er den männlichen Ernst dieses, der That nach, allerdings sehr souveränen Volkes, einmal näher kennen gelernt haben wird.

Hr. v. Dalwigk soll früher einmal und vor dem Märzedicte gesagt haben: Gagern sei unfähig, im Groß⸗ herzogthum Hessen auch nur die Stelle eines Sau hirten zu versehen. Gleichwohl diente er später unter Hrn. v. Gagern. Dies war nicht ritterlich, wohl aber bureaukratisch, denn unter einem Mann, der nicht fähig ist, Sauhirte zu werden, dient ein ächter Ritter nicht; das beweist aber doch auch, daß Hr. v. Dalwigk den Umständen Rechnung zu tragen versteht. Erwarten wir von dieser letzten Eigenschaft unseres neuen Ministers das Beste.

Hr. v. Dalwigk hat einmal, wie wir nachträglich bemerken, ein, wenn wir nicht irren, ein stimmiges

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Mißtrauensvotum von dem rheinhessischen Bezirksrath erhalten. Möge dasselbe bald durch ein Vertrauens⸗ votum der Vertreter des ganzen Großherzogthums aufgehoben werden! Möge Hr. v. Dalwigk wenigstens das Wort bewähren, das er, wie dieMainzer Ztg. berichtet, schon am 2. März 1848 auf dem Stadthaus von Mainz vor dem versammelten Gemeinderath und in Gegenwart vieler Bürger gesprochen hat:Ich war stets ein Freund der freien Presse und ein bitterer Feind jeder Censur!

Gießen, 2. Juli. Ueber das endliche Schicksal unseres Freundes Fendt, sind wir auch heute noch außer Stand unsern Lesern bestimmte Nachricht zu geben. Schon vor 8 Tagen erfuhren wir von Leuten die es wissen konnten, Fendt werde unverzüglich nach Darmstadt gebracht werden, heute erfahren wir, daß er sich noch hier befindet. Die überflüssigen und klein⸗ lichen Drangsalirungen, welche Fendt erdulden muß,

empören um so mehr, wenn man hört, wie human die

politischen Gefangenen in Darmstadt und Mainz be⸗ handelt worden sind. Nicht nur, daß man denselben die häufigsten Besuche ihrer Freunde gestattete und sie in gesunden Zimmern(Sälen) mit großen Fenstern wohnen ließ, hat man sie auch ganz mit den Feuerge fährlichkeitsmaßregeln verschont, welche Herr Nöllner gegen unseren Gefangenen in Bezug auf Rauchen, Kaffeekochen und Lichtbrennen in Anwendung gebracht hat. Die Darmstädter und Mainzer Gefan⸗ genen rauchten, so viel sie wollten; die letzteren hatten einen Singverein im Gefängniß gestiftet und übten vierstimmige Lieder ein; sie lasen nicht nur die deutschen demokratischen Zeitungen, sondern auch die französischen. Die Disciplinargesetze der Arresthäuser von Mainz und Darmstadt sind freilich andere als die des Arrest⸗ hausesvon Gießen, welche bekanntlich aus der Selbst fabrik des Hrn. Nöllner geflossen sind. Wann wird endlich der Scandal aufhören, daß ein einziger Mann die gesetzgebende Gewalt über Bürger ausübt, die weil sie sich hülflos im Gefängniß befinden, des Rechts- schutzes mehr bedürfen, als die in Freiheit lebenden. Die gesetzgebende Gewalt im Großherzogthum Hessen gehört dem Großherzog und den Landständen, und nicht Hrn. Nöllner. Hoffen wir daß unsere nächsten Land⸗ stände, die von Hrn. Nöllner aufgestellten, den Grund⸗ rechten zuwiderlaufenden, Gesetztafeln zur Hand nehmen und der längst verdienten Vernichtung überliefern werden.

Darmstadt, 1. Juli. Herr Jaup ist alsoauf sein Nachsuchen, Gesundheitsrücksichten halber, unter der Ernennung zumwirklichen geheimen Rathe mit

benannt und dort die constitutionelle Verschwörung stattfinden soll. Jede der drei constitutionellen Parteien soll einen Haupt⸗ verschwörer wählen, dem sich Andere besonders eifrige, als Frei⸗ willige anschließen dürfen.

Die Altreactionäre haben, als die bei weitem zahlreichste Partei, nicht nöthig gefunden einen ihrer Häupter zu senden und deßhalb einen Kammerdiener gewählt; die reactionären Con⸗ stitutionellen, zwar viel zahlreicher als die Absoluten, aber jetzt in einer bedrängten Lage, haben einen ihrer Häupter zur Wahl ausersehen. Bei der letzteren Partei bewarben sich zwar eben⸗ falls die Häupter um die Wahl, allein, es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß keiner derselben Hoffnung hat, und daß ein Mitglied desjenigen Standes gewählt werden wird, aus welchem die Mehrheit besteht. Bekanntlich bildeten nämlich bei der con⸗ stitutionellen Wahl nach Erfurt Orts⸗ und Polizeidiener und Hirten die überwiegende Mehrheit. Von diesen sind nun na⸗

türlich Orts⸗ und Polizeidiener nebst dem Kuhhirten der Partei

der reactionären Constitutionellen zugefallen. Die Schafhirten

haben sich in der jetzigen Zeit von der Politik zurückgezogen, die Schweinhirten dagegen sind somit die zahlreichsten und die eifrigsten Mitglieder der absoluten Constitutionellen. Dieselben beabsichtigen, nur Einen ihres Standes zu wählen, und ohne Zweifel wird die Wahl auf ein ausgezeichnetes Mitglied fallen, etwa ein solches, daß sich durch Verfertigung einer Adresse, wie, wenn wir nicht irren, in Grünberg der Fall sein soll, großen Ruf erworben hat.

So werden wir denn bald die merkwürdige Verschwörung auf dem hessischen Rütli erleben.

[Gewerbliches.] Auf der Industriausstellung in London wird man auch das Bruch band zeigen, welches gegen den nächsten europäischen Bruch in Anwendung gebracht werden soll. Verfertiger desselben ist der rühmlist bekannte Bandagist Niklas aus Petersburg. Es ist von Juchtenleder und wird in einem besonders geheimen Kabinette aufbewahrt.