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ist, auch die Menge der gesuchten Stoffe zu errechnen und damit die voraussichtliche Lebensdauer eines Betriebes festzustellen, braucht nicht besonders ausgeführt zu werden.
Stratigraphie und Tektonik, die Lehre von der Schichtenfolge und vom Bau der Erdrinde, sind so gewichtige Hauptabschnitte der Beschreibenden Geologie. Natürlich braucht der Geologe dazu Kenntnis der Erdoberfläche in ihrer Gestaltung, mit der Wasser⸗ und Lufthülle und der Verteilung der Lebewesen. Aber von der Oberfläche der Erde hinweg geht der Blick auch in die Tiefen, den aus sehr schweren Elementen bestehenden Erdkern. Freilich erfahren wir über ihn nichts durch direkte Beobachtung, sondern nur durch vergleichende und physikalische Antersuchungen. Die Erdbebenkunde ist dabei besonders wichtig, weil sie uns aus dem Verhalten der Erde gegen mechanische Erschütterungen Hinweise auf die Zusammensetzung des Erdinneren gibt. Diese und andere physikalische Methoden werden in jüngster Zeit angewandt, auch den Bau der Erdrinde selbst aufzuklären, ein schnell entwickeltes Wissenschaftsgebiet, dem von der Praxis(besonders Bergbau) weiteste Beachtung geschenkt wird. Seitens der Aniversität Gießen sind schon vor einiger Zeit die nötigen Schritte bei der Regierung getan, um dieser vielversprechenden neuen Methodik eine Forschungs⸗ stätte in Gießen zu bereiten.
Freilich ist das Wort„Forschungsstätte“ vorläufig nur bildlich zu verstehen, denn die Räume des Geologischen und Mineralogischen Instituts der Aniversität sind so außerordentlich beschränkt und un⸗ zulänglich, daß manche zu dauerndem Arbeiten benutzte schon 1914 von der Regierung als„menschenunwürdig“ bezeichnet wurden, daß schon vor 25 Jahren, als unter sehr viel kleineren Ver— hältnissen die Geologie fast keine Rolle spielte, der Raummangel zum ersten Male betont wurde. Man kann das Gießener Institut mit seinen vollgepfropften, durch das ganze Vorlesungsgebäude zerstreuten Räumen, mit seiner Fülle von(gegen 200) Kisten ein⸗ gepackter Sammlungsgegenstände ruhig als das kümmerlichste unter den deutschen Aniversitätsinstituten bezeichnen. Möge es der Negierung bald gelingen, die Volksvertretung zu überzeugen, daß hier eine Abhilfe dringend nottut. Grundlegender Anterricht für so lebenswichtige Fächer wie Landwirtschaft und Forstwissenschaft wird auf das äußerste bedroht, wenn keine Ae bungsräume, kein genügender Platz für Anterrichtsmaterial vorhanden ist, wenn in den Vorlesungen immer wieder auf eingepackte und unauffindbare Stücke hingewiesen werden muß.
Die Beschreibende Geologie, deren Ziel die Kenntnis des Auf- baues der Erde ist, nimmt den gegebenen Stoff als ruhend hin, um ihn überhaupt erst einmal kennenzulernen. Aber in der Erde ist nichts ruhend. Seit sie als ein Teil des Sonnensystems entstand, ist nichts in und auf ihr unverändert geblieben. Die Stoffe haben sich nach ihrer Schwere geordnet, so daß nach außen hin immer leichtere auftreten. Die feste Erdrinde bildete sich und ist seit den Jahrmillionen, die über sie hinweggegangen sind— der Geologe war schon vor der Inflation ein Mann der großen Zahlen—, der Schauplatz großer Katastrophen und langsamer, aber ebenfalls gründlicher Veränderungen, denen alles Vorhandene, auch Pflanze, Tier und Mensch unterliegt. Die Erdrinde ist eine Zone dauernder Bewegung, ähnlich dem unteren Teil der Lufthülle, dessen launisches Gesicht uns ja viel zu schaffen machte.(Beide zusammen sind die Bewegungszonen der Erde, an die das Leben ursächlich geknüpft ist.)
Manche der geologisch unruhigen Zeiten der Gegenwart und langen Vergangenheit mögen durch noch nicht genügend aufgeklärte Wirkungen des Kosmos bedingt sein. Einer dauernden, langsam, aber beharrlich wirkenden Beeinflussung unterliegt die Erdrinde seitens der Wasser⸗ und Lufthülle und auch der Organismen: Durch die Verwitterung werden die Gesteine in nie ermüdender Arbeit zermürbt und zerstört. Dadurch entsteht als obere Verwitterungs⸗ schicht der Boden, wichtig als Standort der Pflanzen. Er wird selbständig erforscht von einer gerade für Gießen mit seinen vielen Studierenden der Landwirtschaft und Forstwissenschaft bedeutsamen Disziplin, der Verwitterungslehre und Bodenkunde, und ist Haupt⸗ forschungsrichtung des derzeitigen Fachvertreters der Geologie,
Die durch Verwitterung entstandenen Zerstörungsprodukte der Gesteine werden unter dem Einfluß von Wasser, Wind, Eis und
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Schwerkraft hinweggeführt und an anderen Stellen wieder abgesetzt, indem sich zugleich Reste von Organismen beimischen oder gar selbständig etwa als Kohle oder Kalk anhäufen können. Neue Gesteine entstehen so. Als sog. Schichtgesteine setzen sie in erster Linie die obengenannten Schichtenfolgen zusammen.
Aber nicht nur von oben her wird die Erdrinde angegriffen, sondern auch von unten. Die feuerflüssigen Massen der Tiefe ver⸗ suchen emporzudringen und schaffen in und auf der Erdrinde das gewaltig-schöne Schauspiel des Vulkanismus. Bebenerschüttert krampft sich die Erdrinde zusammen und wird wohl von den Tiefen⸗ gewalten, vielleicht auch unter dem Einfluß der Zusammenziehung, zum Zerbrechen, zum Verbiegen und Faltenwurf gezwungen: die großen Gebirge entstehen. Geologisch vollzieht sich dies schnell, nach menschlichem Empfinden langsam und unmerklich. Willenlos sind die Gesteine der Erdrinde alledem ausgesetzt und werden vielfach weitgehend umgewandelt. Das Antlitz der Erde wechselt so dauernd, und die Organismen werden in ihrem ruhigen Lebensfortgang gestört. Sie antworten dadurch, daß sie sich entweder den neuen Kräften anpassen und ihre Tracht verändern oder auswandern bzw. aussterben. So werden festländische Raubtiere in das Meer gedrängt und bilden sich zu den Walen um, die nur Fischform haben, ohne Fisch zu sein, so verschwinden die großen Saurier oder die Ammonshörner nach hoher Blüte vollständig. Die Entwicklung der Tiere und Pflanzen ist ein dauernder Gestaltenwandel, verursacht durch die Nuhelosigkeit der Erde, richtunggebend beeinflußt von eigenen Gesetzen. Selbst in die Kulturgeschichte der Menschheit greifen geologische Ereignisse ein(Sündflutsagen und manche ge— schichtliche Ereignisse sind beredte Zeugnisse dafür).
Die reiche Fülle des Erscheinungswechsels zu übersehen und wo⸗ möglich zu begründen, ist Sache des zweiten großen Hauptabschnittes unserer Wissenschaft, der Genetischen Geologie. Ihr Ziel ist dabei, den anorganischen und organischen Gestaltenwandel in der„Erd⸗ geschichte“, der Geschichte der Erde und des Lebens, geschichtlich und ursächlich darzustellen. Aus dem räumlichen Lebereinander der Schichtenfolgen wird so ein zeitliches Nacheinander. Aus den stillen Gesteinen und den schweigenden Nesten ausgestorbener Tiere und Pflanzen ersteht dem Geologen das bunte und wechselvolle Bild einer langen Vergangenheit der Erde. Die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte stellen nur den letzten kurzen Augenblick dieser unermeßlich langen Zeiträume dar.
Nach zwei auseinander strebenden Richtungen, für das praktische Leben und für die wissenschaftliche Erkenntnistheorie ergeben sich aus der Erdgeschichte wichtige Folgerungen.
Ist die geologische Geschichte einer Gegend bekannt, dann weiß man auch Bescheid über die Geschichte der nutzbaren Ablagerungen, ihr Vorkommen und ihre praktisch wichtigen Eigenschaften, über die einiges schon oben angegeben wurde. Die auf beschreibender und genetischer Grundlage erworbenen geologischen Kenntnisse lassen sich überhaupt für zahlreiche Zwecke praktisch verwerten. Zur Er⸗ schließung von Wasser, für Tunnel⸗, Kanal⸗ und Straßenbau, selbst als Kriegs-, Gerichts- und Verwaltungsgeologie finden die wissenschaftlichen Erfahrungen eine vielseitige und erfolgreiche An⸗ wendung. Für Landwirtschaft und Forstwissenschaft werden un⸗ entbehrliche Grundlagen in verschiedenster Richtung gegeben. Aeberraschend ist es oft, wie einsame, nur um ihrer selbst willen erworbene Kenntnisse plötzlich nutzbringend verwertbar werden.
Der allgemeinen Erkenntnistheorie erwachsen wichtige Schlüsse aus der Erdgeschichte. Die Veränderlichkeit aller irdischen Erschei⸗ nungsformen und auf der anderen Seite das Gleichbleiben des Stoffes, der Materie, die nur in immer neuen Attributen erscheint, sind Grundgedanken mancher philosophischer Systeme. Die Be⸗ harrlichkeit und große Wirkung langsamer, dem menschlichen Be— wußtsein fast unmerklicher Vorgänge zwingen zum Staunen, an⸗ dächtig steht der Geologe vor dem gewaltigen Wirken der Zeit. Die Abhängigkeit aller Organismen, auch des Menschen, von den anorganischen Veränderungen rühren an das viel umstrittene Problem der Willensfreiheit. Weltanschauungsfragen tun sich auf, und so gelangen wir, ausgehend von der Betrachtung des einfachen erd⸗ gebundenen Steines, zu der Gedankenwelt von Philosophie und Metaphysik.
Der Neubau des Physiologischen Instituts der Landesuniversität Gießen.
Von Professor Dr. K. Bürker, Direktor des Instituts.
II.
5 In einem ersten Artikel“) wurde mit Hinweis auf das Goethesche ort „Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?“ darzulegen versucht, welch große Bedeutung die Kenntnis der normalen Lebensvorgänge für das Leben des Einzelnen und das der Gesamtheit hat und welches Interesse damit für den Hessischen Staat besteht, daß in dem Neubau auf dem Seltersberg ein leistungs⸗ aha Institut für die Erforschung und Lehre der Lebensvorgänge entstehe. Der vom Hessischen Hochbauamt unter Leitung von Herrn Baurat Kuhlmann geplante Neubau ist seitdem unter Dach
) Gießener Anzeiger, Familienblatt Nr. 13 vom Samstag, dem 29. März 1924.
gekommen; wie er gegliedert und seine Verwendung im einzelnen gedacht ist, darüber soll im folgenden berichtet werden.
In einem wissenschaftlichen Institut, das der Forschung und Lehre zugleich dienen soll, ist eine räumliche Trennung in eine Forschungs⸗ und Anterrichtsabteilung erwünscht, denn mit dem Massenbetrieb des Anterrichts läßt sich die auf Ruhe und Konzen— tration eingestellte Forschungsarbeit nicht vereinbaren. Hinzu⸗ kommen muß ferner eine Abteilung für Verwaltung, Bibliothek, Sammlungen und ähnliche Zwecke, woraus sich die Dreiteilung des Instituts ergab, die auch äußerlich bei der Betrachtung von der Friedrichstraße her zum Ausdruck kommt: Den Grundstock bildet die mittlere, die Forschungsabteilung, daran reiht sich rechts der Rundbau mit der Anterrichtsabteilung und links die Verwaltungs- abteilung, wie sie kurz genannt sei.
Die Forschungsmethoden müssen bei der Vielseitigkeit der Lebenserscheinungen auch vielseitige sein, mit allen Hilfsmitteln


