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in Städten über 100000 Einwohnern lebt. Zudem hat auch für die Militärtauglichen durch den Fortfall der Dienstpflicht diese hervor⸗ ragende Körperschule, um die uns einst die ganze Welt beneidete, aufgehört zu bestehen, und vermissen wir bei unserer heutigen Jugend nur zu sehr diese straffe körperliche Zucht, die an Ordnung und Anterordnung gewöhnte. 52
Daß hier dringend Abhilfe geschaffen werden muß, wenn unser deutsches Volk nicht entarten und zugrunde gehen soll, ist wohl allen verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten klar geworden, N sie aber ein tatkräftiges Eingreifen noch vielfach sehr vermissen!
Aber wie ein gesunder Körper sich gegen eine Krankheit, die ihn befallen hat, selbst zu helfen sucht, so sehen wir auch bei uns im deutschen Vaterlande den an sich gesunden Volkskörper gegen die ihn bedrohenden Gefahren Front machen. And wie einst zu Zeiten der Nenaissance, der französischen Revolution und Preußens Wiedergeburt, der Ruf nach„Rückkehr zur Natur“ erschallte und das Gleichgewicht zwischen Körper- und Geisteskultur wieder angestrebt wurde, so haben auch bei uns nach dem Kriege die Leibes⸗ übungen einen Aufschwung genommen, der die Hoffnung in sich trägt, daß unser Volkskörper die schwere Krisis glücklich über⸗ stehen wird.
Diese Woge der Volksgesundung zu erhalten und in die rechten Bahnen zu lenken, muß das Bestreben der Staatsregierungen und der Kommunen sein. Die Stadtverwaltungen beginnen sich auch ihrer Pflicht gegenüber der Volksgesundheit allmählich mehr bewußt zu werden. Die Großstädte Hannover, Köln, Berlin sind auf diesem Wege mit gutem Beispiel vorangegangen und haben in groß⸗ zügiger Weise trotz der geringen, ihnen zur Verfügung stehenden Mittel im engem Zusammenarbeiten mit den Leibesübungen treiben⸗ den Vereinen ihrer Stadtjugend Gelegenheit geschaffen, Leib und Seele draußen auf dem grünen Rasen, im tiefen Wasser, in Licht und Luft zu üben und zu kräftigen.
Das Neichsspielplatzgesetz, dessen Verwirklichung immer noch auf sich warten läßt, verlangt auf den Kopf der Bevölkerung drei Quadratmeter Spielfläche, eine Forderung, die in Amerika und Eng⸗ land, die längst den Wert von Sport und Spiel für die Volksgesund⸗ heit erkannt haben, als selbstverständlich gilt, bei uns aber erst von einigen wenigen Städten erfüllt worden ist.
Außer Spielplätzen und Badeanlagen brauchen wir aber jugend⸗ frische Pädagogen, die unseren Nachwuchs zu kräftigen, willens⸗ starken Menschen und charaktervollen, verantwortungsfreudigen Persönlichkeiten heranziehen. Wie wir bereits sahen, ist ein großer Teil unserer Jugend in seiner Gesundheit schwer geschädigt, während vor dem Kriege die Zahl der kränklichen und mißbildeten Schulneulinge in den Großstädten bis zu 45% betrug, müssen wir jetzt auch in kleineren Städten mit Zahlen rechnen, die über 60% hinausgehen.
Die Mitwirkung des Arztes in der Jugenderziehung ist daher mehr als bisher unbedingt erforderlich; denn gerade die kränklichen und schwächlichen Schüler beiderlei Geschlechts bedürfen zur Wieder⸗ herstellung ihrer Gesundheit besonders der körperlichen Ertüchtigung, wenn sie zu gesunden, glücklichen Menschen und brauchbaren, Mit⸗
gliedern unserer Volksgemeinschaft heranwachsen sollen. Am die der Fürsorge Bedürftigen auszuwählen und für jeden einzelnen die geeigneten Körperübungen zu bestimmen, bedarf es einer be⸗ sonderen ärztlichen Ausbildung. Gelingt es doch der modernen Orthopädie, selbst infolge von fehlerhafter Anlage, Krankheit, falscher Ernährung bestehende schwere Mißbildungen erfolgreich zu bekämpfen, wenn sie rechtzeitig erkannt und zur Behandlung kommen.
Die preußische Staatsregierung hat die Bedeutung dieser Frage auch erkannt und durch Gesetz vom 6. Mai 1920 die öffentliche Krüppelfürsorge geregelt; die anderen Bundesstaaten haben ähn⸗ liche Bestimmungen getroffen. Hierin wird vor allem auch die An⸗ zeigepflicht für Arzte und Lehrer unter Strafandrohung festgesetzt, wenn sie in Aus übung ihres Berufes bei einer Person unter 18 Jahren eine Verkrüppelung wahrnehmen. Die Voraussetzung für den Erfolg einer umfassenden Krüppelfürsorge ist aber die Stellung aller Jugend⸗ lichen bis zum 18. Lebensjahre unter ärztliche Aufsicht, d. h. Schaffung von Schul⸗ bzw. Fürsorgeärzten(innen) und anderer⸗ seits die Vertrautheit der Lehrer(innen) mit den Grundlagen des Baues und der Entwicklung des menschlichen Körpers und mit den Gefahren, die ihn durch Krankheiten und unvernünftigen Lebens⸗ wandel bedrohen.
Diese Kenntnisse sind für den Lehrer auch bei der körperlichen Erziehung der ihm anvertrauten Jugend unerläßlich, denn diese darf nur nach biologischen Gesichtspunkten erfolgen, wenn sie möglichst Vollkommenes erreichen soll.— Nur durch enges Zusammen⸗ arbeiten von Arzt und Pädagogen kann unser Volkskörper wieder zur Gesundung kommen.
Die Ausbildung auf dem Gebiete der Körpererziehung und Jugendpflege übernimmt in Gießen das Institut für Körperkultur, das mit Mitteln, die zunächst von der Hochschulgesellschaft und von privater Seite vorschußweise zur Verfügung gestellt wurden, im Oktober 1920 an unserer Aniversität ins Leben gerufen wurde. Dieses bisher einzigartige Institut dient neben der Lehrtätigkeit auch der wissenschaftlichen Forschung und untersucht den Einfluß der Leibesübungen auf Leib und Seele und ihren Nutzen für das gesundheitliche und sittliche, wirtschaftliche und politische Leben unseres Volkes. Außerdem hat das Institut noch eine sehr wichtige und praktische Aufgabe zu erfüllen. Es soll neben der ärztlichen Aberwachung und Beratung der Studierenden unserer Aniversität auch die schulärztliche Tätigkeit in den Gießener Fortbildungs⸗ und Mittelschulen übernehmen. Die ärztliche Antersuchung und Beratung der Studentenschaft ist dank der freiwilligen Beihilfe von Dozenten und Assistenten der Medizinischen Kliniken und Institute und mit Mitteln, welche die Studentenhilfe zur Verfügung stellte, seit dem Sommersemester 1923 durchgeführt. Leider konnte die zur Durchführung der Aufgaben des Instituts dringend erforderliche Anstellung von zwei Assistenten bisher nicht erreicht werden, dabei sollte gerade eine Vollsregierung bedenken, daß die für die Volks⸗ gesundheit aufgewandten Mittel das beste Anlagekapital sind und sich hoch verzinsen durch Hebung unserer Volkswirtschaft und, was noch viel wertvoller ist, durch Stärkung und Mehrung der deutschen Volkskraft.
Die Leibesübungen an der Universität Gießen.
Von Geh. Med.-Nat Professor Dr. Sommer in Gießen.
Bei dem Akademischen Olympia in Marburg, Juli 1924, war eine vom Oeutschen Hochschulamt für Leibes⸗Abungen veranstaltete Ausstellung von Plänen und Bildern über die Turn⸗ und Sport⸗ plätze der deutschen Hochschulen, sowie die darauf vorhandenen oder geplanten Bauten zu sehen, so daß man in vergleichender Weise den Zustand an einer Reihe von deutschen Hochschulen studieren konnte. Andererseits haben manche Hochschulen überhaupt noch keine eigenen Plätze, so daß die Studenten auf die Benutzung der Anlagen von Sportvereinen in den betreffenden Städten angewiesen sind. Es ist jedoch unverkennbar, daß der Fortschritt an den Hoch⸗ schulen in der Richtung eigener Plätze und entsprechender baulicher Anlagen geht, wie dies die Aniversität Marburg bei dem Olympia in mustergültiger Weise gezeigt hat. Dadurch ist die Beteiligung der Studentenschaft an anderen Sportsvereinigungen in keiner Weise beschränkt.
Die Aniversität Gießen hatte in Marburg den Grundriß ihres akademischen Turnplatzes sowie den Plan des beantragten Sports⸗ häuschens und eine Reihe von Momentphotographien von leicht⸗ athletischen Abungen ausgestellt. Tatsächlich hat sich die Beteiligung der Gießener Studentenschaft an Leibes⸗Abungen wesentlich infolge des eigenen Platzes sehr gut entwickelt. Im Folgenden gebe ich eine Abersicht über das bisher Geschehene und das weiter zu Schaffende.
Nachdem sich 15 längere Jahre vorher ein akademischer Aus⸗ schuß für Leibes⸗Abungen um diese Aufgaben bemüht hat, wurde mit Hilfe einer von der damaligen Regierung der Aniversität überwiesenen Stiftung von 65000 Mark im Jahre 1915 aus dem Besitz der Stadt Gießen ein Gelände von 35000 Quadratmeter zwischen Schützenhaus und Wald erworben. Als damaliger Rektor der Aniversität und gleichzeitig als Stadtverordneter habe ich mich lebhaft bemüht, dieses Werk zustande zu bringen, was durch das verständnisvolle Entgegenkommen der Stadtverwaltung gelungen ist. Die Stadtverordnetenversammlung hat den Verkauf des Geländes
zu dem mäßigen Preis von 1 Mark pro Quadratmeter einstimmig genehmigt. Es durfte jedoch bei den Kriegsverhältnissen vorläufig nur ein Zehntel des ganzen Geländes verwendet werden. Trotzdem wurde alsbald der Gesamtplan aufgestellt, der bis jetzt als Richt⸗ schnur gedient hat. Die Zeichnungen wurden nach den Angaben des Ausschusses im Städtischen Bauamt in Gießen hergestellt, wobei ich besonders der Tätigkeit des verstorbenen Oberbausekretärs Köhler gedenken möchte.
Nach diesem Plan sollte das nach dem Walde zu abfallende Gelände in drei Terrassen angelegt werden, von denen die unterste den Hauptsportplatz mit Laufbahn von 450 Meter umfaßte. 1916 wurde zuerst die mittlere Terrasse im Amfang von ca. 3000 Quadrat⸗ meter mit Hilfe von russischen Kriegsgefangenen, die von dem benachbarten Gefangenenlager gestellt wurden, angelegt und als Platz für Leichtathletik bergerichtet. Dieser war an den vier Seiten mit Meßpflöcken im Abstand von 5 Meter versehen, um alle Leistungen beim Speer⸗ und Diskuswurf usw. durch einfaches Visieren in allen Fällen feststellen zu können. Schon während des Krieges wurde diese Anlage verhältnismäßig stark benutzt, auch wurden eine kleine Amkleidehalle gebaut und gute Turngeräte(Neck, Barren, Sprungeinrichtungen) aufgestellt. Von dem das Gelände in der Richtung der Siechenanstalt durchziehenden Strang der Schiffenberger Wasserleitung wurde eine Leitung in die Halle ab⸗ gezweigt und mit Duschen versehen.— Diese ganze Einrichtung ist während des Krieges auch zur Abung von Jugendlichen viel verwendet worden, erwies sich aber nach Rückkehr der Studentenschaft aus dem Krieg, wie erwartet war, als zu eng, besonders da wesentlich durch die Bemühungen des Hochschul⸗Turnlehrers, Herrn Dr. Werner, die Beteiligung der Studentenschaft immer stärker wurde. Besonders war die Amkleidehalle ebenso wie der Platz für den Andrang viel zu klein.
Es erhob sich immer mehr die Aufgabe, die untere Terrasse mit dem eigentlichen großen Sportplatz herzustellen. Durch das


