128
Ne eee
8
328 8
Organ der ebangelischen goltsgemeinswhaft
Erscheint zunächst wöchentlich am Samstag. Bezugspreis: 50 Pfg. monatlich frei ins Haus.
Für Rücksendung ungewünschter Manuskripte wird nicht garantiert
Schriftleitung: Pfarrer Hamburger in Staden(Oberh.)
1. Jahrgang.
Abonnements⸗ u. Anzeigen⸗Annahmestelle, Druck⸗ und Ausgabestelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher 1362. Postscheckkonto 8437 Frankfurt⸗M.
Verlag: Evangelische Volksgemeinschaft.
—
W
Anzeigenpreise: die zomm breite Kleinzeile auswärts 30 Pfg., am Ort 15 Pfg., die 90 mm breite Kleinzeile im Text 120 Pfg., Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Bei Wiederholungen Vergünstigung.
Nn
5 dener en in 2 drr Religion und Wirtichaft.
Von D. Georg Michaelis, Reichskanzler a. D.
In theokratischen Staaten, in denen Gott selbst[Himmels und einer neuen Erde nach Seiner Verhefßung, als der Geber und Ueberwacher der Wirtschaft auftritt, in welcher Gerechtigkeit wohnt“—, die weltlichen, die ist der Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaft] wirtschaftlichen Fragen gehen sie nichts an. dem Verständnis klar. Das sehen wir im Alten Testa⸗ Hiermit stehen wir im Zentrum der Probleme, de⸗ ment. Nach ewigen Grundsätzen der Gerechtigkeit wer⸗ ren Aufrollung nicht etwa bloß eine der Neuerungs⸗ den die Verhältnisse von Eigentum und Erbe, von sucht entsprungene Modesache ist. Sie ist geboren aus Herren und Knechten, von Arbeitszeit und Ruhepausen, der Not der Zeit. Die langen Friedensjahrzehnte, die von Ausgleich zwischen arm und reich geregelt und die wir in Deutschland durchlebten, der damalige wirtschaft⸗ Beziehungen zu Fremdvölkern ganz naiv unter die Fol⸗ lich wellhin befriedigende Zustand und eg, die so⸗ gen der Ge ensätlichkeit der religiasen Anschauungen u. ziale Fürsorge, für die wir als Pioniere die richtige Gesetze gestellt. Der soziale Fortschritt wird von den Bahnen zu finden suchten, die Friedenssicherheit noch Propheten nach göttlichem Recht gefordert— so wenn außen und innen, an die die meisten, weil sie es wünsch⸗ Hosea sagt:„Darum säet euch Gerechtigkeit und erntet ten, glaubten, ließen Konflikte nur vereinzelt auftau⸗ Liebe, pflüget ein Neues, weil es Zeit ist den Herrn zu chen,— sie wurden nicht zum Problem. Insbesondere suchen, bis daß er komme und regne über euch Ge- brauchten sich die ernst christlich Denkenden nicht im
nber 1925.
rechtigkeit“. Gewissen gef 27 8 25 5 0 ssen geschlagen zu fühlen, wenn sie sich vom öffent⸗ Wo der Wortlaut des Gesetzes aber vom Geist über⸗ lichen, wirtschaftlich mitarbeitenden, mitstreitenden wunden wird, entsteht die Spannung. Je unbeschränk⸗ Leben fernhielten und sich als„kleine Herde“ abson⸗ ter die Freiheit wird, desto schärfer die Antitbese, desto] derten. 5
schwieriger das Problem. Christus sprengt die Buch⸗ staben⸗Tyrannei mit dem königlichen Gebot der Liebe: „Ihr wißt, daß zu den Alten gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen; ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, bit⸗ tet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ Gerade
Jetzt aber liegen das deutsche Volk und viele Völ⸗ ker neben ihm und draußen in der Welt am Boden, aus tiefen Wunden blutend,— das ganze Volk, einzelne Klassen und Stände in besonderer Weise, leiblich und sittlich verwundet, ja weithin zu Tode getroffen, und die, die ihr Volk wahrhaft lieb haben, schauen schmerz⸗ erfüllt nach dem„barmherzigen Samariter“ aus, der hier allein helfen kann. Die Erkenntnis bricht sich durch die Dämmerung Bahn, daß der Geist wahren, freien Christentums anhebt durch die Lande zu wehen, und die von ihm berührten beginnen, intuitiv das Bild hinter den Wirrnissen des Vordergrundes zu erkennen. Wor Augen und Ohren für die geistigen Bewegungen und Impulse im Volk besitzt,— Bewegungen und Impulse in viel weiterem Umfange, als die Alltagsmenschen se⸗ hen und sehen wollen,— der beobachtet, wie die Hoff⸗ nung und der Glaube sich regen, daß das, was wir brauchen,— führende Menschen, die sich opfern können, die frei sind von falschen Vorurteilen des Standes und der Klasse, frei von der Herrschaft materieller Bedürf⸗ nisse, frei von Eigennutz und Gewinnsucht, Menschen voll Liebe für die leidenden Brüder,— am ehesten und sichersten unter der Herrschaft dessen gefunden und gefestigt werden können, der von sich sagen konnte, daß er auf diese Welt gekommen sei, nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu ge⸗ ben für viele.
„Liebet eure Feinde,— widerstrebt nicht dem Uebel, — wenn jemand mit dir über deinen Rock rechtet, dem gib auch den Mantel,— wer dich schlägt auf die rechte Gau, dem biete die linke auch dar“, wird die Frage breennend: Wie kann Christi Lehre, das Christentum entscheidend sein für politische, für soziale, für wirt⸗ schaftliche Fragen? Es entstehen die unüberbrückbar erscheinenden Ge⸗ gensätze zwischen Christi Gebot und den realen Verhält⸗ nissen in Staat und Volk und im internationalen Leben —, die Auffassung von der doppelten Moral, die dem Staatsmann, dem Diplomaten, dem Handelsmann, ja jedem wirtschaftlich tätigen Menschen zu Gebote stehen müsse, wenn er nicht im Wettkampf unterliegen will. Weite christliche Kreise, und zwar gerade die schlicht und eifrig Bibelgläubigen, erweitern den Riß. Machtwille, Staatsgewalt, politische Wirtschaftskämpse, Geldgewinn sind„Welt“, und—:„die Welt vergebet mit ihrer Lust“. Wer sich in diesen Strudel des Lebens begibt, „zieht am fremden Joch mit den Ungläubigen“, und „wer der Welt Freund sein will, wird Gottes Feind Ihre Losune ist: Wir warten ab nes neuen
sein“.
dag Ehristkind. ö Das Heilige, das von dir geboren wird,
wird Gottes Sohn genannt werden. Lukas 1, 35.
Vom Sachsenherzog Widukind wird erzählt, daß er sich heimlich am Weihnachtsabend in das Lager der christlichen Franken geschlichen habe, um zu sehen, was denn die Christen an diesem festlichen Abend alles tun würden. Der Christenfeind mußte Klarheit haben über das Treiben bei dem Feste, das er als das größte christ⸗ liche Fest geschildert bekommen hatte. Er wollte seinen Jeind Karl den Großen in seinem höchsten Glanze und einer ausgelassenen Herrschergröße sehen. Aber was ah er? Er mußte sehen, wie sein großer Gegner auf den Knieen lag vor dem, der unendlich größer ist als irgend ein Mensch. Da habe Widukind demütig er⸗ kannt, daß der Christengott doch gewaltig viel größer
ein müsse, als seine germanisch⸗heidnischen Gottheiten. Das war der Anfang seiner Bekehrung.
Es liegt etwas Wahres in dem, was da in dem Er⸗ sebnis des Sachsenherzogs dargestellt wird. Weihnach⸗ den hat so etwas Wunderbares und Anziehendes an sich, Haß selbst Spötter und ungläubige von ihm berührt wer⸗ den. Sie eilen am heiligen Abend zur Kirche, die sie das ganze Jahr nicht von innen sehen. Weihnachten nit seiner fröhlichen, seligen Botschaft übt seine An⸗ liehungskraft auch auf sie aus.
Ist es nur das Christkind, das diese wunderbare Kraft auf den Menschen ausübt? Wenn wir beim Kinde stehen bleiben, dann hätten wir eine tiefe Stim⸗ mung, aber weiter nichts. Stimmungen verrauschen, Stimmungen werden auch gestört. Stimmungen erhal⸗ en nichts Bleibendes! Darum fühlen wir an Weih⸗ nachten die Wirkungen des Mannes, der die große Hei⸗ andsaufgabe in der Menschheit löst. Wir ermessen an Weihnachten alles das, was der Heiland der Welt ge⸗ chenkt hat. Wer war dieser Jesus? Wer war dieser
Wundermann? In diesem Christkinde ist ers Hoffnung Israels. Er war es, von dem die Propheten kündeten. Er war es, von dem Jesaja sagt:„Er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewigvater, Friedefürst!“ Er ist es, von dem die Engel singen:„Euch ist heut der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids“, Er ist es, von dem die Jünger nach jahrelanger Bekanntschaft mit ihm bekennen:„Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Wie deut⸗ lich müssen diese Jünger das Geheimnisvolle in der Per⸗ son des Heilandes gefühlt haben! Dieser war größer als alle Großen, die sie kannten, und von denen sie ge— hört hatten.
Nun sind es über neunzehnhundert Jahre her. Wie⸗ viel ist in dieser Zeit vergessen worden! Jesus lebt! Jesus und sein Fest wird nicht vergessen. Streicht das Weihnachtsfest aus dem Kalender, was kann man Aehn⸗ liches an seine Stelle setzen? Nichts gibt es, was ihm gleichen kann, kein Julfest, lein Sonnenwendfest. Was sind das so arme Dinge, die künstlich aus heidnischer Versenkung hervorgeholt werden und so unzeitgemäß erscheinen, wie eine alte Postkutsche neben einem mo⸗ dernen Postauto. Ja, das Weihnachtsfest bleibt immer, was es ist und ist keiner Mode unterworfen.
Hinter was für Geheimnisse sind wir in diesen neun⸗ zehnhundert Jahren gekommen! Was ist alles erfunden worden zur Beherrschung der Naturkräfte! Was da⸗ mals noch als unheimliche Macht gefürchtet wurde, be⸗ kommen heute die Kinder in den Volksschulen erklärt und begreiflich gemacht. Das Unheimliche ist dadurch verloren gegangen. ber hinter das Geheimnisvolle der Person Jesu ist heute noch kein Mensch gekommen. Auch Jesus selbst war sich dieses Geheimnisvollen be⸗ wußt. Sonst hätte er seine Jünger nicht gefragt:„Was sagen die Leute, daß ich sei?“ Jesus wußte die Schwie⸗ rigkeit, die für die Menschen aller Zeiten besteht, ihn zu erklären. Aber den Petrus preist er selig, daß er ihn erkannt hat als den Sohn des lebendigen Gottes.
öffentliche Leben, im kleinsten Kreise
ser Worte, wie schwer, ja wie unmöglich es ist.
mmer 8.
r
beginnend, bis zu denen, die berufen sind, Hebel in der Hand zu halten für das Triebwerk der Gemeinde, des Volkes, der Welt.
Religion und Wirtschaft sind nicht nebeneinander⸗ liegende Kreise, die, wenn sie ineinander übergreifen und sich überschneiden, ihre Wesensart verlassen, sich beirren und abstoßen. Diese Kreise können sich zwar in diesem Aeon nie in ihren Peripherien decken, auch werden ihre Mittelpunkte durch Schuld der Menschen sich nie dauernd und völlig einen, aber das Streben der Gutgesinnten, derer, die aus Liebe handeln, muß und kann dahin gehen, die Kreise konzentrisch werden zu lassen. Das Zentrum, der Geist, aus dem die Kreise Leben schöpfen, muß der Geist der Nächstenliebe sein.
Neliaion ist nicht das Sonntagsverhültnis der Men⸗ schen zu Gott, das mit dem Gesangbuch und der feier⸗ licheren Kopfbedeckung einmal wöchentlich hervorgeholt und dann im Geschäfts⸗ und Berufsleben des Alltags abgestreift wird,— Religion ist nicht die Feier des Er⸗ öffnungsgottesdienstes beim Beginn der parlamenta⸗ rischen Sessionen, die selbst von denen, die sich nicht als leere altmodische Form ansehen, vielfach als das einzige sichtbare Zeichen der Bindung des öffentlichen Lebens an göttliche Forderung betrachtet wird. Religion, die Bindung des menschlichen Willens an den ewigen guten Willen Gottes, soll die Kraft der Durchdringung des öffentlichen Lebens, auch des wirtschaftlichen Lebens, beweisen.
Diese geistige Kraft kann nicht in umstürzlerische Zwangssysteme umgesetzt werden, keine Zwangs⸗Wirt⸗ schaftsordnung kann den Frieden zwischen den Klassen, den Völkerfrühling auf Erden heraufführen. Solange die Erde steht, wird der Widerstand derer, die sich gött⸗ lichen Bindungen nicht fügen wollen, ungebrochen blei⸗ ben. Aber eins ist möglich: daß der gute göttliche Geist Besitz von einzelnen Menschen nimmt und sie in besonderer Weise ausrüstet, daß sie die menschlichen Satzungen für das Zusammenleben der Volksgenossen mit Versöhnung und Liebe. mit Reinheit und Gerechtig⸗ keit durchdringen, daß der unvermeidlich bleibende Kampf mit Waffen der Milde und Menschlichkeit ge⸗ führt und dem guten Willen Gottes der Weg bereitet wird. Das ist's, was Christus von seinen Jüngern ver⸗ langt, wenn er zu ihnen sagt:„Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt!“ Nicht der Mar⸗ rismus, nicht die zum Gesetz gestempelten Forderungen Jesu in der Bergpredigt bringen das Heil. Das Heil, die Anbahnung der Versöhnung, die Linderung der Wunden der Wirtschaftskämpfe kann nur durch die Trä⸗ ger der Gedanken der göttlichen Liebe und Gerechtigkeit kommen, die in den Riß treten. F en, die in den Riß treten. n
Wir haben viele Namen für Jesus. Als Christ⸗ kind feiern wir ihn an Weihnachten. Wir lesen in den Apostelschriften vom Sohne Gottes, vom Herrn, von dem, der von göttlicher Gestalt war. Das sind lauter
Versuche, das Geheimnis Jesu in menschlichen Worten
auszudrücken. Wir sehen aber auch an der Vielheit die⸗ Jesus ragt eben hoch über alles Menschliche hinaus. Wie die Alpenberge hoch über unsere deutsche Heimat ragen, so ragt Jesus hoch empor über alles Menschliche. Wenn man berühmte Zeitgenossen Jesu auf ihre Leistungen, ihr Denken und Lehren untersucht, so passen sie nur in ihre Zeit hinein. Bei Jesus erleben wir diese wun⸗ derbare Tatsache, daß er in alle Zeiten hinein n ißt. Deshalb durfte er sagen:„Himmel und Erde veeden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“. Wenn wir heute am Weihnachtsfeste dies alles überdenken, da haben wir erst eine kleine Ahnung davon, was doch in diesem Feste darinliegt. Wer geglaubt hat, es mit einem Kinderfeste zu tun zu haben, mit froher äußerlicher Heiterkeit, wird durch das Versenken in solche Gedanken ernster werden. Es handelt sich bei diesem Christkind um eine für dein Leben wichtige Persönlich⸗ keit, die noch leben wird, wenn wir alle gestorben sind. Heute glaubst du vielleicht mit Jesus machen zu können, was du willst! Einstmals wirst du vor Jesus stehen als ein Bettler, der um Gnade bitten muß. So sehr wir uns heute über die Geburt des Heilandes freuen wollen, so sehr dürfen wir auch nicht die ernste Seite unseres Heilandes vergessen. 5 So wollen wir heute Weihnachten feiern in rechter
Freude wie in rechtem Ernste und mit Paul Gerhard rechen:
Ich will dich mit Fleiß bewahren,
ich will dir leben hier
und mit dir heimfahren;
mit dir will ich endlich schweben
voller Freud ohne Zeit
dort im anderen Leben.
Hr.
Amen.


