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g Samstag, den 7. November 1925.

Evangelischer Kirchengemeindetag in Fürth i. O.

Der Gemeindetag den die Landesgruppe Hessen des Deut⸗ schen Evangelischen Gemeindetages in Fürth veranstaltete, nahm einen über alles Erwarten erhebenden und in reichstem Maße befriedigenden Verlauf Als ein Zeichen dafür, daß bis weit in die Reihen der schlichtesten Gemeindeglieder hinein die Erkenntnis lebendig ist, daß Christenglaube sich in der Tat auswirken muß und mit toter, äußerer Kirchlichkeit nicht er⸗ schöpft ist, mag die Tatsache angesehen werden, daß an dieser Ta⸗ gung sich nicht nur solche beteiligten, denen ihr Amt oder Beruf die Arbeit in der Gemeinde und an der Gemeinde auferlegt sondern daß gerade eine große Anzahl Gemeindeglieder sich an den Darbietungen beteiligte und den Verhandlungen mit Inte. resse und Aufmerksamkeit folgte. Die Tagung wurde mit einer Morgenandacht eröffnet, in der Pfarrer Scriba von Obermossau mit dem Worte diente. Er legte seiner Predigt das Schriftwort 1. Korintherbrief 3,16 zugrunde und führte aus, daß der Mensch nicht um seiner selbst willen im Leben steht, sondern um derer willen, die mit ihm leben. Das muß die höchste Lebensaufgabe eines jeden Menschen sein, eine sinnenfällige Darstellung Gottes der unsichtbarer Geist ist, zu werden und den Mitmenschen das Dasein und das Wesen des heiligen und gütigen Gottes durch seine ganze Lebensführung zur Darstellung zu bringen. Nicht Pflege des Glaubenslebens in stiller Abgeschlossenheit, sondern ein Hinaustragen des rechten christlichen Geistes in die Oeffent⸗ lichkeit und eine Durchdringung des öffentlichen Lebens mit christlichem Geiste, das ist die Aufgabe des Christenlebens. So entstehen und wachsen die lebendigen Gemeinden, die wir um unsres Volkes willen brauchen. Kraftvoll unterstrich Dekan Bernbeck zu Hirschhorn in seinen Begrußungsworten, die er dem Gemeindetage im Namen des Dekanates Erbach entbet, die Ausführungen des Predigers. Wir brauchen lebendige Gemein⸗ den, die zum Gewissen und zum Quell innerster Lebenskraft für unser Volk werden. An den Gottesdienst schloß sich sofort eine Versammlung an, in der Professor D. Matthes von Darmstadt über das Verhältnis von Kirche und Wirtschaft sprach. Kirche und Wirtschaft, so sagte er, haben nach der landläufigen An⸗ schauung nichts miteinander zu tun. Der Redner wies nach, daß Kirche und Wirtschaft oder Religion und Wirtschaft sehr viel miteinander zu tun hatten und noch zu tun haben. Das Reli⸗ gionsbekenntnis hat die Entwicklung des Wirtschaftslebens in entscheidender Weise beeinflußt. Es ist eine nicht wegzuleug⸗ nende Tatsache, daß in protestantischen Ländern das Wirt⸗ schaftsleben einen viel regeren Aufschwung genommen hat als in katholischen Ländern; man denke besonders an England und Nord⸗Amerika. Der Protestantismus steht seinem innersten We⸗ sen nach, da er die irdischen Güter positiv wertet, dem wirt⸗ schaftlichen Leben ganz anders gegenüber als der Katholizis⸗ mus. Es ist sehr zu begrüßen, daß die evangelische Kirche sich ihres Einflusses auf das Wirtschaftsleben wider bewußt zu werden beginnt, wie das in der sozialen Kundgebung des Deut⸗ schen Evangelischen Kirchenausschusses hervorgetreten ist. Un⸗ sere Zeit fordert gebieterisch eine Durchdringung des Wirt⸗ schaftslebens mit evangelisch-christlichem Geiste. Nur dadurch kann die tiefe Zerklüftung unseres Volkes überwunden und ge⸗ bessert werden.

In der Nachmittagsversammlung machte der Vorsitzende der Hessischen Landesgruppe des Deutschen Evangelischen Ge⸗ meindetages, Prosessor D. Matthes, zunächst einige geschäftliche Mitteilungen, und Pfarrer Diestelmann⸗Fürth überbrachte die Grüße und Wünsche der durch ihn vertretenen Gemeinde. So⸗ dann nahm Landesjugendpfarrer Lie. von der Au das Wort zu einem Vortrage Über die Mitarbeit der Gemeindeglieder in der hessischen Vergangenheit. Die hessische evangelische Kirche wollte von ihren Anfängen an nicht einePastorenkirche, sondern eine Volkskirche sein. Der Reformator Hessens, Martin Bucer, legte das größte Gewicht auf möglichst weitreichende Heranzie⸗ hung nichtgeistlicher Kräfte zur Mitarbeit am Gemeindeleben Eine reiche Fülle von Segen ist aus dieser Betätigung der da⸗ mals Senioren genannten Kirchenvorstände geflossen, nament⸗ lich in den Zeiten der Reformation und des 30jährigen Krieges. Diese Senioren sind auch heute noch nicht nur nach dem, was sie nach den Bestimmungen der ältesten hessischen Kirchenver⸗ fassung leisten sollten, sondern nach dem was sie in schwersten Zeiten für ihre Glaubensgenossen und damit für ihr Volk ge⸗ leistet haben, ein leuchtendes Vorbild. In die Gemeindearbeit der Gegenwart führte dann endlich ein Vortrag des Kirchen vor⸗

hatte auch die Empfindung gehabt, daß jenes Gebet eine himmlische Labung war in schweren Augenblicken. Aehnliches hat jeder, der ein Gebetsleben führt, schon hundertfach erlebt. Im Gebet fand er Trost, Kraft und Besinnung. Es war ihm, als habe ihm der Ewige die Hand gereicht aus Himmelshöhen, ihn aufgerichtet und wieder auf die Füße gestellt. Ich wage zu behaup⸗ ten, daß Menschen, die beten können, vor einer Welt von Feinen nicht fürchten. Die größten Männer unserer deutschen Geschichte, wie Luther und Bismarck, bewei⸗ sen es, aber jeder Fromme hat es nacherlebt. Nur schade, daß man in unserer Zeit um das Wichtigste herumgeht wie die Katze um den heißen Brei. Vom wirtschaftlichen und intelektuellen Aufschwung unseres Volkes wird viel geredet, mir scheint der seelische Auf⸗ schwung viel wichtiger zu sein. Und der kommt nicht ohne Rückkehr zur Religion. Ht.

zum Reformationstag.

D. E. K. Einundreißigster Oktober. Vorabend vor Allerheiligen. Wie Schlachtgesang braust der Orgelton, Wort und Klang Waffe und Wehr. Ein Riesenbild geht durch die Abendschatten, gewaltig, urwelthaft. Martin Luther. Herzog der deutschen Seele, Mann einer versunkenen Zeit, wir haben niemand heute nöti⸗ ger als Dich. Zwar Du bist völlig unmodern, glück⸗ licherweise. Es fehlt Dir jede Objektivität, die in vor⸗ nehmer Beschränkung nicht hier anstößt und nicht dort,

Evangelische Warte

stehers Scheuermann zu Worms, der ein lebendiges Bild von dem vielgestaltigen Leben in der Luthergemeinde in Worms zeichnete. Gerade diese ganz auf das Praktische eingestellte Dar⸗ stellung war geeignet, den Hörern das zu zeigen, worauf es heute ankommt: Sammlung all der Kräfte, die gewillt sind, der Kirche und damit dem Volke zu dienen. In der sich anschlie⸗ ßenden Aussprache zeigte es sich, daß all die gegebenen Anre⸗ gungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren, und daß viele bereit sind, in ihrer Gemeinde mitzuarbeiten. Aber auch das trat mit erfreulicher Deutlichkeit hervor, daß viele von den aus⸗ gesprochenen Gedanken schon in die Wirklichkeit umgeseßzt sind. Hoffentlich gelingt es, die Gemeindeglieder in noch höherem Maße als es seither geschah, zur Mitarbeit in den Gemeinden heranzuziehen, damit wirklich lebendige Gemeinden erstehen. Mit dem Wunsche, daß dies geschehen möge zum Heil unserer evangelischen Kirche und unseres nach innerer Stärkung ver⸗ langenden Volkes, schloß Professor D. Matthes die interessante und lehrreiche Tagung.

Provinzialtagswahl für die Provinz Oberhessen.

Für die am Sonntag, den 15. November 1925, stattfinden⸗ den Wahlen zum Provinzialtag der Provinz Oberhessen sind 15 Wahlvorschläge zugelassen. Der Wahlvorschlag Nr. 12 ist der⸗ jenige, der uns Evangelischen zusagt:

Kennwort: Evangelische Volksgemeinschaft.

1. Völker, Theodor, Lich, Bürgermeister, 2. Seum, Wilhelm, Fauerbach b. Nidda, Landwirt, 3. Dr. Unverzagt, Karl Alsfeld, Dekan, 4. Stock, Thomas, Blitzenrod, Landwirt und Bürger⸗ meister, 5. Eichelmann, Emilie, Münzenberg, Hausfrau, Ww. geb. Jung, 6. Weidner, Heinrich, Herchenhain, Kaufmann, 7. Hensel, Heinrich, Hirzenhain, Bürgermeister, 8. Hirz, Baltha⸗ sar VI., Watzenborn⸗Steinberg, Altbürgermeister und Landwirt, 9. Beyrich, Johannes, Münzenberg, Pfarrer, 10. Weber, Fried⸗ rich Wilhelm, Eschenrod, Landwirt, 11. Lind, Ludwig, Geiß⸗ Nidda, Bürgermeister, 12. Müller, Heinrich, Schotten, Verwal⸗ tungsinspektor, 13. Schmidt, Johannes II., Friedberg, Arbeiter, 14. Rusteberg, Karl, Gedern, Lokomotivführer, 15. Sattler, Karl, Wieseck, Pfarrer, 16. Hensel, Christoph II., Rödgen, Bürgermeister und Landwirt, 17. Findt, Philipp Heinrich II., Lich, Schuh⸗ machermeister, 18. Knodt, Karl II., Eichelsdorf, Landwirt und Bürgermeister, 19. Möbus, Philipp, Ostheim, Pfarrer, 20. Feuk, Karl J., Rainrod bei Schotten, Landwirt, 21. Schlaudraff, Karl, Gießen, Missionar, 22. Renkel, Karl, Bad⸗Salzhausen Post⸗ schaffner, 23. Jaeger, Heinrich Eduard, Glauberg, Pfarrer, 24. Schäfer, Karl III., Watzenborn-Steinberg, Bürgermeister, 25. Si⸗ mon, Adolf, Ober⸗Lais, Rechner, 26. Jäger, August, Hirzenhain, Kirchenvorsteher, 27. Hamburger, Edwin, Staden, Pfarrer, 28. Hansel, Friedrich, Glashütten, Kreisstraßenwart i. R., 29. van Bashuisen, Georg, Schwalheim, Gemeinderechner, 30. Weidner, Ernst, Ober⸗Lais, Pfarrer.

Kreistagswahl für den Kreis Gießen.

Für die Wahl der Kreistagsmitglieder am 15. November 1925 sind 8 Wahlvorschläge zugelassen; darunter ist der Wahl⸗ vorschlag Nr. 6 der unsrige:

6. Wahlvorschlag. Kennwort: Evangelische Volksgemeinschaft.

1. Völker, Theodor, Lich, Bürgermeister, 2. Sattler, Karl, Wieseck, evangelischer Pfarrer, 3. Schäfer, Karl III., Watzenborn⸗ Steinberg, Bürgermeister, 4. Stoll, Wilhelm, Steinheim Land⸗ wirt, 5. Schmidt, Heinrich VI., Lollar, Bürgermeister, 6. Wagner, Friedrich, Lich, Bahnarbeiter, 7. Hartmann, Albrecht, Alten⸗ Buseck, evangelischer Pfarrer, 8. Schlaudraff, Karl, Gießen, Missionar, 9. Nicolaus, Karl, Lich, Orgelbaumeister, 10. Stau⸗ bach, Robert, Watzenborn⸗Steinberg, evangelischer Pfarrer.

Aus unserer Bewegung.

Fauerbach b. Nidda, 3. Novpb. Ansere Versamm⸗ lung im Saale des Gastwirts Edelmann am letzten Samstag Abend war sehr gut besucht. In seiner Be⸗ grüßungsansprache legte unser Freund, Landwirt Wil⸗ helm Seum, der im Kreis Büdingen und auf der Pro⸗ vinzliste an 2. Stelle steht, in klaren Ausführungen unser Programm dar. Pfarrer Weidner sprach dann ausführlich über unsere Bewegung. Der reiche Beifall, sowie die Tatsache, daß die Anwesenden den nahezu zweistündigen hochinteressanten Darlegungen bis zuletzt mit größter Aufmerksamkeit folgten, waren der beste

Beweis, daß man wie anderwärts, so auch in unserer Gemeinde für die Evangelische Volksgemeinschaft großes Verständnis hat; das zeigte auch die Geldsammlung am Ende der Versammlung für unsere Werbearbeit.

Ober⸗Seemen, 2. Nov. Die Evangelische Volksge⸗ meinschaft hatte für gestern nachmittag zu einer Ver⸗ sammlung in der Gastwirtschaft Kneip eingeladen. Die Versammlung nahm einen für die neue Bewegung in jeder Hinsicht günstigen Verlauf. Nach kurzer Be⸗ grüßung durch Pfarrer Weidner⸗Oberlais sprach zu⸗ nächst Bürgermeister Völker⸗Lich, der Spitzenkandidat der Provinzliste. Er entwickelte in klaren verständlichen Ausführungen die Richtlinien und Ziele der Volksge⸗ meinschaft und erntete für seine Darlegungen reichen Beifall. Landwirt Seum von Fauerbach bei Nidda legte als zweiter Redner überzeugend dar, daß gerade auch für den Bauernstand durch die neue Bewegung eine Partei geschaffen worden sei, die seine Belange durchaus vertrete. Sodann sprach Pfarrer Weidner⸗ Oberlais über die Gründe, die die Gründung der Evan⸗ gelischen Volksgemeinschaft in Deutschland nötig ge⸗ macht haben. Von den vielen Fällen in Hessen aus⸗ gehend, die offenkundig die Unterdrückung der evange⸗ lischen Interessen in Hessen dartun, zeigte er im Laufe seiner Ausführungen an den wichtigsten Bestimmungen des Bayerischen Konkordates, wie dieser Vertrag den bayerischen Staat völlig zum Diener der katholischen Kirche mache. Sichtlichen Eindruck machten die Aus⸗ führungen, in denen er nachwies, daß die Unterstützun⸗ gen, die der Stagt der katholischen Kirche zukommen lasse, weit besser sei als dieser Kirche im Vergleich zur evangelischen nach der Zahl ihrer Bekenner in Bayern zukäme. Auch dieser Redner erntete wie Landwirt Seum den vollen Beifalle der Versammlung. Kirchen⸗ vorsteher Nies von Oberseemen gab in einer kurzen An⸗ sprache seiner Freude darüber Ausdruck, daß endlich auch die Evangelischen sich zu einer Volksgemeinschaft zusam⸗ menschließen, um evangelische Interessen im öffentlichen Leben wirksam vertreten zu können. Die Stimmung sämtlicher Anwesenden, worunter sich auch zahlreiche Arbeiter befanden, zeigte, daß die Ausführungen der drei Redner auf einen fru baren Boden gefallen waren. a

Stammheim. Der hiesige Zweigverein des Evan⸗ gelischen Bundes veranstaltete Sonntag, den 25. Okto⸗ ber, seinen ersten Vortragsabend im Saale der Gast⸗ wirtschaft Geis. Der Vorsitzende, Herr Lehrer Bergk, begrüßte die Erschienenen und den Redner des Abends, Herrn Pfarrer Hoch-Selters. An der Hand pracht⸗ voller und klarer Lichtbilder schilderte er im ersten Teile seines Vortrages Land und Leute in Japan. Nach einer Pause ging der Redner gäher auf die religiösen Verhältnisse Japans ein. Neben den heidmischen Re⸗ ligionen des Schintoismus, Konfuzionismus und Budd⸗ hismus spielt heute das evangelische Christentum eine bedeutende Rolle in diesem Lande. Um dem Christen⸗ tum immer größeren Einfluß und weitere Ausbreitung zu ermöglichen, warb Redner warm für die Anter⸗ stützung der Japanmission. Leider war dieser lehrreiche Portrag nicht so besucht, wie man erwartet hatte. Zwar waren viele Besucher von Staden herüber gekommen, aber gerade von den Mitgliedern des hiesigen Zweig⸗ vereins vom Evangelischen Bunde fehlten unbegreif⸗ licherweise die meisten, wie Herr Lehrer Bergk in seinem Schlußwort feststellte. Am 13. November will derselbe Verein als zweite Winterveranstaltung den Film Glaube und Heimat vorführen. Hoffentlich ist dann der Besuch der zweiten Veranstaltung besser wie der oben beschriebene Lichtbildervortrag.

Aus Nah und Fern.

» Deutscher Bund für christl.⸗evangel. Erziehung in Haus und Schule, Ortsgruppe Gießen. Im Johannessaal war heute am 5. Nov., abends 8 Uhr, Familienabend, verbunden mit Vortrag von Herrn Prof. Keller⸗Friedberg über: Unsere Zukunft, Ge⸗ danken zu Spenglers Untergang des Abendlandes.

Büdingen, 3. November. Zwei neue Kraftpostlinien sollen Büdingen mit 6 Orten des südlichen Vogelsberg und 8 Orten

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niemand zu nahe tritt und hinter das Tatsächliche sich zurückzieht. Du zogst Dich niemals zurück, warst immer mit dem Herzen dabei und hast kräftig angestoßen, da⸗ für hobst Du die Welt aus den Angeln, das hat bei uns keine Gefahr. Du hast gepoltert und gelärmt und bist maßlos grob gewesen, es ist leicht, aus Deinen dicken Bänden einen ganzen Lästerkatalog zusammenzustellen, der alles andere ist, nur nicht fein aber dafür hattest Du etwas zu sagen, trafst immer den Nagel auf den Kopf und bist verstanden worden, alles Dinge, die heute einigermaßen in Abgang gerieten. Du bist un⸗ endlich fleißig gewesen und hast unglaublich viel ge⸗ schrieben über Teufel und Papst, Bürger und Bauer, Zins und Kram, Glauben, Gott, Hölle und Tot. Man findet die interessantesten Sachen und Sprüche bei Dir, aber eins sucht man völlig vergebens, die Phrase und das fromme Gerede, davon ist hernach genug über die Welt gekommen. Herzerfrischend ehrfurchtslos bist Du gewesen, Du hast nie begriffen, daß Titel und Wür⸗ den etwas sind, ja Karriere zu machen kam Dir nicht einmal in den Sinn, bei allem schuldigen Respekt und angeborener Mannentreue gegen Kaiser und Fürst waren Dir die großen Hansen letztlich arme Madensäcke, weil die große Ehrfurcht in Dir war, vor dem, was in der Welt das Letzte ist, und Du alles sub specie geteér⸗ nitatis sahst. Du warst ein Mann, der in die Welt gut paßte, hast Deine Lust gehabt an ihren einfachsten und besten Freunden, sogar Kinder hast Du besessen und über die eigene hinaus noch fremde Brut großgefüttert, trotzdem Du garnicht rechnen konntest und so unprak⸗ tische Grundsätze hattest, man könne, dürfe, solle und

müsse all sein Vertrauen setzen auf den ewigreichen Gott, aber nie warst Du der Dinge und der Menschen Knecht; warst als Ehristenmensch in Glauben und Ver⸗ trauen frei und jedermann untertan als eben solcher durch die Liebe. Von Politik hast Du garnichts ver⸗ standen, gleichwohl stehen die Diplomaten und Lebens⸗ künstler vor Dir wie die Maulwurfshaufen vor den Gra⸗ nitbergen der Vorzeit. Kompromisse waren Deine Sache nicht, Dein Ja war ja und Schwarz war Dein schwarz, Du hast noch nicht gewußt, daß alles relativ ist. Für Problematik hattest Du keine Zeit, wo die Wasser des Lebens vor Deinem Ohr rauschten; was Theotie und System, wenn es ums Leben geht, ewig selig oder ewig verdammt! Den Kopernikus hast Du für einen Narren gehalten und Deine naturwissenschaftlichen Kenntnisse waren sehr fragwürdig, aber daß die unendliche Welt außer ihrer natürlichen auch ihre religiöse Seite hat, daß Gott redet und wo, das hast Du gewußt und hast ihn nicht übel gekannt. Martin Luther, Mann der al⸗ ten Zeit, von Dir reden sie heut, was sonst selten genug geschieht, reden gut oft und geistvoll und dann wirst Du wieder vergessen und Dein Riesenbild ist unter der Haustür schon verblaßt. Der Papst, Dein alter Feind hat Glück. Ein Funken Deines Geistes in 20, in 10 Herzen bei den Gemeinden, die heut sicherbauen las⸗ sen, so, daß er zu Tat, zu Leben, zu Gesinnung sich ver⸗ dichtet, und der päpstliche Stuhl wäre in Deutschland eine historische Reminiscenz und die Zeit der Konkor⸗ date vorüber.