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Endlich raffte er ſich wild auf; mit der Kraft der Verzweiflung machte er es in gewaltiger Anſtrengung möglich, den Riemen ſeiner Taille noch um ein Loch zu verengern— ſeiner Taille, die jetzt ſein letzter Troſt, ſeine letzte Hoffnung war, und wild ſtürzte er fort, Verzweif lung im Herzen und keinen Athem in der Bruſt.
VII.
Zwei traurige Tage hatte Adelgunde mit ihren Thrä⸗ nen gleichſam fortgeſchwemmt, bis endlich Beſonnenheit und Faſſung ihr wiederkehrten. Ja, Adalgiſa hatte Recht gethan, nimmermehr durfte ſie ihre Standesehre vergeſſen,
wenn es auch ihr Leben koſtete— aber der Schlag hattes
ſie hart getroffen, bis mitten in das Herz hinein.
Doch ſie war ja eine Buſenflach! Sie durfte nicht verzagen, nicht zögern, den Glanz ihres Namens in Gel⸗ tung zu erhalten.— Noch blieb ihr ja der Baron von Pinſel⸗Ohnewas mit 18 Ahnen.
Haſtig ſteckte ſie die Kapſel mit dem Bilde Adolars und dem blauen Bande in den ſüßen Kerker ihres Bu ſens, was ihrem Gewande eine kleine aber bemerkbare Rundung verlieh. Dann griff ſie entſchloſſen zur Feder und ſchrieb:
Mein Süßer!
Suche nicht die geheimen Falten eines keuſchen Mäd⸗ chenherzens zu erforſchen! Zu Dir kehre ich zurück, nach dem nur eine kurze Spanne Zeit mich von Dir trennen konnte.
Forſche nicht, was vorgegangen. Dein bin ich jetzt ganz, und harre erwartungsvoll der Zeit, wo Du zu mir
eilſt, um mich— ach, recht bald,— aus der drängen den Schar meiner Freier als liebende Gattin heimzu⸗ führen! Mein Herz treibt wich.— Eile zu mir, denn
Dein harrt manch' ſchmackhafte Gabe der Liebe und Deine getreue Adelgunde v. Buſenflach. NB. Ringe habe ich beſorgt. Herrn Baron v. Pinſel⸗Ohnewas.
VIII.
Hochßuverehrendes Frailein!
Haſte geſehn! Als der Herr Baron is geworden ßu werden main Schwiegerſohn, indem er wird heiraten maine Tochter Veilche Rebeckche, werd ich Se gefälligſt bitten, daß Sie'n laſſen ßufrieden mit Ihre Schraibebriefe; As er is geweſen ßu haben, da hoben Sie'n niſcht gewollt, un nu Sie'n wöllen, hat er gemachts Geſchäft mit mir, was mer koſt't hat baare 10,000 Tholer koſcher Geld, was ich gebe meine Veilche Rebeckche mit, weil ſe wird Frau Baronin!
Die Frau Hofräthin v. Dürr hat mer vorgeſchlagen den Handel un das Maſſematche is gemacht.
Wiſſen Se, was Se mer thun konnen? Leid könu'n Se mer thun! Nebbich! womit ich mer ßaichne als
Ihr gehorſamer Diener Itzig Moſes Roſenſtock.
Als Perlobte empfehlen ſich:
Meilche Rebecca Moſenſtock, Veter, Baron von Vinſel-Ohnewas,
Nauen. Treuenbrietzen.
Entſetzt ſtarrte Adelgunde auf das niederſchmetternde Schriftſtück. In dumpfem Schweigen ſtarrte Adalgiſa mit.
Aber das Unglück ſchmilzt die Stenge der Menſchen. und ruft die Milde in ihre Herzen zurück. Auch Adelgunde und Adalgiſa erfuhren das. Kaum waren zwei Stunden nach Empfang dieſes Schreibens verfloſſen, als die bei⸗ den Frauen die Strenge ihres Herzens dahinſchmelzen fühlten wenn Adolars Vorzüge an ihrem inneren Auge vorüberzogem und nur noch mit verſöhnlicher Milde ge⸗ dachten ſie ſeiner Mängel.
„Fort mit dem dickbäckigen Baron, deſſen plebejiſch feiſten Backen gut genug ſein mögen für die orientali⸗ ſchen Lippen einer Veilche Rebecca, nicht aber für eine Adelgunde von Buſenflach!“ ſagte dieſe Letztere mit er⸗ hobener Stirn.„Warum ſoll ich zögern, dieſen Pinſel von mir zu werfen und mich einem Beſſern zuzuwenden! Noch bleibt mir ja mein Adolar!“
Und das ſilberne Kugelſieb mit ſeinem Bilde an ihr Herz drückend, eilte ſie mit beflügeltem Schritt auf ihr Zimmer und griff zur Feder.
IX.
Mein Süßer!
Verdunkelt werden kann die Sonne der Liebe von den Wolken hämiſcher Neider, aber untergehen kann ſie nicht! Dein war ich und bin ich auf ewig, mein Adolar! Frage nicht, zögere nicht, bange nicht— alle Hinderniſſe ſind beſeitigt, aller Widerſtand iſt beſiegt! Eile zu mir— ach, recht bald!— um(mich aus der rängenden Schar meiner Freier heimzuführen als Dein liebendes Weib! Dein auf ewig, erwartet Dich mit offenen Armen der Liebe
Deine getreue Adelgunde v. Buſenflach. NB. Die Ringe habe ich beſorgt. Herrn Lieutenant Adolar v. Ladeſtock.„
Zwei Stunden waren verfloſſen, ſeit dieſer Brief auf den Flügeln der Liebe und in der Taſche des betriebſamen Landmanns vom Vorwerke mit langen Schritten nach Treuenbrietzen, zur Wohnung Adolars geeilt war.
In banger Erwartung ſaßen Adelgunde und Adalgiſa im traulichen Zimmer und harrten ſeiner. An Adelgunde'’s Lippe, beſchattet von den vier ſchwarzen Locken, ruhte die ſilberne Kapſel mit Adolars Bild.
Da dröhnte es wie Grabesſchritt auf den Dielen des Flures und herein trat— nicht Adolar, ſondern ſein Burſche Euſebius Striegel.
In der einen Hand hielt er Adolars Lederriemen, ge⸗ ſchlungen um den uneröffneten Brief Adelgunde's. Die andere Hand preßte er verzweiflungsvoll in das eine ſeiner Augen, aus welchen dicke Thränen über ſein länd⸗ liches Antlitz kugelten. In kurzen Stößen entrang ſich lautes Schluchzen ſeiner Kehle.
„Was iſt's?“ rief Adalgiſa krampfhaft.
„Mein Adolar— wo iſt er?“ kreiſchte Adelgunde in ahnungsvollem Entſetzen und leiſe löſten ſich die ein⸗ zelnen Härchen ihrer vier ſchwarzen Locken, um ſich lang⸗ ſam empor zu ſträuben.
„Der Herr ſein todt!“ ſchluchzte Euſebius hervor und leckte die ſalzigen Thränen ſeines Harmes in ſich hinein, als hoffe er, ſich daran zu vergiften.
Adalgiſa ſtand ſprachlos. Adelgunde lag in tiefer Ohnmacht auf ihrem Stuhl. Euſebius ſchnappte nach Luft und Thränen.
Es war ſo, wie er geſagt. Vom Vorwerk zurück⸗ gekehrt, hatte Adolar in Reue und Verzweiflung gegen ſich ſelbſt gewüthet. Den mächtigen Riemen ſeiner Taille, zuſammengeſchnürt zu einer furchtbaren Enge, hatte er nicht wieder abgelegt. Noch heute Morgen hatte ihn Euſebius mit wahrem Ingrimm an demſelben zerren ſehen. Als er eine Stunde ſpäter wieder in das Gemach ſeines Herrn trat, lag Adolar todt am Boden.
Er hatte ſich erſchnürt.
Zum letzten Male hatte er heute hinauseilen wollen,


