Jahrgang 
1864
Seite
378
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Feuilleton.

Nimmermehr!.

Man hatte den Trennungsplatz erreicht. Peter ſchied auf kurze Zeit von ſeiner Braut, um zu dem häuslichen Herde der Tante nach Treuenbrietzen zurückzukehren.

Bis morgen, ſagte Adelgunde und drückte einen milden Kuß auf die blonde Stirn ihres Verlobten.

Bis morgen, ſagte Peter mit erſtickter Stimme, denn er kaute zufällig an einem Stück Napfkuchen, dem erſten Pfande ihrer Liebe.

Unter dem Kauen des Napfkuchens eilte Peter von dannen, liebevoll blickte ihm Adelgunde nach.Treues Gemüth, flüſterte ſie,kann es denn einmal kein Krieger ſein von der ſchlanken Geſtalt der Lieutenants, ſo magſt Du es doch ſein, der die zarte Blume pflückt und in den Kranz ſeines Lebens flicht, auf daß ſie nicht ungepflückt verwelke! Er hat 18 Ahnen, er iſt mein!

Sie wandte ſich zum Gehen.

In dieſem Augenblick war es, wo der wandelnde Stern ihres Glückes leuchtend aufging. Hell blitzte es durch die Büſche wie ein blanker Knopf, ihm folgte ein zweiter und dritter, eine ganze Reihe, athemlos ſchaute Adelgunde darauf hin, durch die Bäume ſchimmerte es wie blau und rothes Tuch ein Degen funkelte, und heraus trat mit zögerndem Schritt eine ſchlanke Lieutenants⸗ Geſtalt ach, ſo ſchlank und näherte ſich ihr zagend, und ſprach ſie an mit dem lieblichſten Wohllaut ſeiner Stimme:Mein Fräulein... o Gott!

Es war Adolar! O, warum mußte ſie ihn erblicken!

Armer Pinſel!

III.

Adolar von Ladeſtock war erſt 29 Jahr alt und ſchon Sekonde⸗Lieutenant.

Adolar war ein Muſter als Held und Jüngling. Seine ſchlanke Geſtalt erhob ſich in ätheriſcher Dürre auf hohen aber beſcheidenen Beinen. Sein Hals ragte ſchwa nengleich aus den engen Schranken des ſteifen Kragens empor; ſein Rock hätte ſich vergeblich bemüht, auf ſeiner Bruſt zu ſchlottern, denn eine ſanfte Rundung von Watte verlieh ihr die eines Adonis würdige Wölbung. Das lichte Braun ſeiner Locken, ſoweit dieſelben nicht von dem ſanften Mondſchein ſeines Hauptes verdrängt waren, wett⸗ eiferte mit der Farbe der Torniſter, die im röthlichen Sonnenlicht erglänzen. Kein plebejiſches Roth verunzierte ſein ariſtokratiſch bleiches Geſicht, das wie überzogen ſchien vom ſchimmernden Mondenſchein, der die letzten Spuren der Abendſonne verſcheucht hat. Einzelne ſtarre Härchen in ſeinem Antlitz deuteten wie Wegweiſer zukünftiger Größe ſchon jetzt den Weg an, den einſt ein männlich voller Bart vielleicht nehmen würde.

Wie ein Krieger es ſoll, verſchmähte Adolar den ſchnö⸗ den Mammon, denn er hatte keinen. Jene weichlichen Ge⸗ nüſſe, welche als Auſtern und Champagner den Wohlge⸗ ſchmack anderer Jünglinge verderben, hatten nur dort ſei⸗ nen keuſchen Gaumen berührt, wo er Gaſt war. Geſtützt auf die eine Hälfte ſeines Soldes, ſchritt er mit ſeinem Burſchen Euſebius Striegel in ſpartaniſcher Einfachheit durch das Leben dahin; die andere Hälfte opferte er als Lackſtiefel, Glacé⸗Handſchuh und Reſſourcen⸗Gelder getreu- lich auf dem Altar ſeiner Standesehre.

Aber was ſind all' dieſe kleinlichen Vorzüge gegen⸗

jene Eine Zierde Adolars, in welcher ſich der Kulmina⸗ tionspunkt des Helden mit dem des Adonis vereinigte ſeine Taille!

Euſebius Striegel wußte, was dieſe Taille zu ſagen hatte! Er war es, der alle Morgen den Schönheitsgürtel, welcher ſich als feſter Lederriemen um dieſe Taille ſchlang, mit kraftvollem Rucken feſtziehen mußte, um ſie in ihrer dünnſten Schlankheit erſcheinen zu laſſen. Er war es, der jedes ausgefallene Frühſtück wett machen mußte, durch ein engeres Loch in welches er den unbedeutenden Umfang des Riemens einzwängte.

Dieſe Wespen⸗Taille war die Zierde des Regiments,

ſie war der Stolz Adolars und die Stärke Euſebius Striegels, in deſſen Händen ſie manche Blaſe als fühl⸗ baren Beweis ihres Daſeins zurückgelaſſen hatte.

So war Adolar und ſo hatte ihn Adelgunde erblickt. Sie ſah ihn und ſeine Taille und fühlte einen wonnig⸗ ſüßen Stich in ihr Herz, einen Stich von dieſer Wespe, der es auf ewig verwundete.

Adolar hatte Adelgunden ſchon früher erblickt auf den Straßen Treuenbrietzens, und ſchon da war ihm ihr Bild wie ein neuer Stern in der Dunkelheit ſeines Lebens erſchienen. Er kam heraus auf den idylliſchen Landſitz und ſah ſie auf ihrem Vorwerk, und ſein Herz loderte in Liebesgluth, die zu ſeinen Augen herausflammte.

Du und Dein Vorwerk, hatte er in Gedanken ge⸗ jauchzt,ich und mein Degen klar zeigt mir der Him⸗ mel, was für mich geſchaffen, und erringen muß ich Euch oder untergehen.

Adolar hatte Adelgunden geleitet. Beide ſchritten dem ländlichen Hauſe zu, ohne zu ſprechen. Nur Seufzer tön⸗ ten in den märkiſchen Sand hinaus, der liebreich ſeiner Wolken im Abendwinde erhob, als wolle er ſie damit ſchützend umhüllen. Keiner ſprach, doch ſie verſtanden ſich.

An der Gartenthür ſagte Adolar mit einem langen Seufzer Lebewohl und floh von dannen.

Adelgunde blickte verklärt zu dem aufſteigendem Monde empor und murmelte ſelig:

Zwei auf Einmal!

W.

Abermals waren drei Tage verfloſſen und abermals ſtieg die keuſche Luna über die Kuſcheln von Treuenbritzen empor.

Dreimal in dieſer Zeit hatte Adolar Adelgunden wiedergeſehen und dreimal ſtärker war das Band nein, das Tau geworden, das Amor um Beide gewunden.

Aus den Kuſcheln von Treuenbrietzen tönte es hervor wie Girren zärtlicher Tauben und Flüſtern koſender Stimmen.

Arm in Arm aneinandergeſchmiegt wandelten ſie dahin, die jungen Liebenden, und ſeufzten zum Monde und lächelten zur Sonne, wie Jeder den Andern nannte, und Adolar warf ſich auf die Knie in den Sand, der liebend ſein weichſtes Polſter unter ihm ausbreitete, und ſchüttete die ganze Gluth ſeines Innern zu den Füßen der keuſchen Jungfrau aus.

Mein Herz und meinen Degen weihe ich Dir, Ge⸗ liebte, rief er,nimm ſie an und reiche mir Deine Hand und Dein Vorwerk! Willſt Du, o Holde? und innig zog er die Erröthende an ſeine ſchlanke Bruſt.

Sprechen Sie mit meiner Tante, flüſterte Adelgunde in Seligkeit, ein Kuß ſchallte auf die ſchlanken Lippen des Geliebten und ſchüchtern eilte ſie von dannen zu der harrenden Tante.

Ve

Nachdenklich ſaß Fräulein Adalgiſa von Kinkerlink in ihrem Zimmer und dachte an das Glück der jungen Adelgunde als Baronin von Pinſel⸗Ohnewas.

Da ſtürzte Adelgunde herein und lehnte verſchämt das Köpfchen mit den vier ſchwarzen Locken an ihre Schulter.

Was iſt Dir, mein Kind? fragte Adalgiſa.Haſt Du Deinen Verlobten geſehen hat Er dies keuſche Roth auf Deine Wangen gerufen?

Er? Bah! ſagte Adelgunde im Tone des gerechten Unwillens.Dieſer Baron iſt mir unausſtehlich! O. Tante wenn Sie es wüßten! 4

Fräulein Adalgiſa wußte aber nicht und ſo ſchüttete Adelgunde den ganzen Inhalt ihres Herzens vor ihr aus, noch vermehrt durch das, was Adolar ſoeben hinein⸗ geſchüttet. 3 Penelope! rief in würdevoller Ekſtaſe Adalgiſa