—
uder den
ſcher Be
den oder gründete hatte,
Die deutſche Höflichkeitsſprache. 4 375
der geringſten und verächtlichſten Dinge Werth ſteigt, alſo wächſt jetzt der Titel auch bei den nichtswürdigſten Sterblichen über Gebrauch“ ſagt ein gleichzeitiger Schrift⸗ ſteller von dieſer Zeit. Und in dieſer Sucht griff man zunächſt namentlich in ſchriftlichem Verkehr zu Anreden wie Euer Gnaden und ähnlichen, welche anfänglich nur fürſtlichen Perſonen, ſpäter Grafen, Freiherren zuka⸗ men, wieder ſpäter aber ſchon auf gewöhnliche Edelleute ausgedehnt wurden.
Schon in der Mitte des ſiebenzehnten Jahrhunderts findet ſich dieſe Anrede, wie wenig ſie aber damals noch durchgedrungen, ja wie wenig ſich damals überhaupt be⸗ reits feſtſtehende Normen in dieſer Beziehung entwickelt hatten, geht deutlich daraus hervor, daß nicht etwa nur gleichzeitig, ſondern bisweilen in einem und demſelben Schreiben alle dieſe bisher erwähnten Anredeweiſen neben einander gebraucht werden, obgleich gleichzeitig verſchiedene Schriftſteller auf dieſen Fehler d trerkjam machen und nachdrücklichſt vor demſelben warnen. Je mehr ſich aber Er und Sie auf die unteren Schichten der Bevölkerung ausdehnte, um ſo mehr griffen in gewählterem ſowohl mündlichen als ſchriftlichen Verkehr dieſe Titulaturen um ſich, die aber jetzt im Gegenſatz zu dem Gebrauche im ſechzehnten Jahrhundert, in dem Euer Gnaden ꝛc. noch mit dem Singular konſtruirt wurde, ſämmtlich das Ver⸗ bum im Plural zu ſich nahmen.„Geruhen Euer Gnaden zu vernehmen“—„Euer Geſtrenger belieben zu verleihen“— u. ſ. w. erſcheint jetzt allgemein, wie man ſchon früher ſagte:„Euer Durchlaucht tragen ſonder Zweifel annoch in gutem und gnädigſtem Andenken“— „Euer Erleuchtigkeit werden ſich gnädigſt erinnern u. ſ. w.“—
Stand aber einmal das Verbum im Plural, ſo mußten natürlich auch ſofort alle Pronomina, welche ſich wie immer auf dieſe Titulaturen bezogen, in den Plural gerückt werden. Und wie ſchon in der Mitte des ſieben⸗ zehnten Jahrhunderts ſteht:..„ich erkühne mich, Euer Hoch⸗Edel⸗Geſtreng gehorſamlich zu erſuchen, daß ſie an Herrn N. meine Wenigkeit großgünſtig zu befehlen geruhen wollen“— oder:....„Nun wäre zwar Ihrer churfürſtlichen Durchlaucht wohl zu gönnen, daß Sie in dero guten Ruh und Frieden, deſſen Sie von höchſter⸗ meldten beeden Cronen genugſam verſichert geweſen, be⸗ ſtändig zu verharren hätten belieben mögen: Daß aber anjetzo Ihr Churfürſtlichen Durchleucht, da Sie gleichſam mit Gewalt den Krieg von andern ab, auff ſich gezogen, und dero Land dardurch in dieſe Unruh geſetzet, nicht ehe wegen Abtragung einer Raßfion traktiren zu laſſen gemeint ſeyn, bis vorhero dieſelben oberwähnter Maßen unter anderen auch einer ganz beſtändigen Ruh von allen kriegenden Theilen geſichert dyn können u. ſ. w.(in einem Schreiben von Feldmarſchall Wrangel vom 23. Juni 1648)“— ſo heißt es jetzt ausſchließlich:„Ich ſetze mein Vertrauen auf Euer Gnaden und bitte, Sie wollen mir mit Rath und That beiſtehen“— oder:„Euer Gnaden, weil ſie nicht zu Hauſe anzutreffen, als ich ſie zum zweitenmale auffwartig geſucht, habe ich hiermit meinen Abſchied ſchriftlich verrichten ſollen.“ u. ſ. w.
Sie bezog ſich alſo anfänglich, wie aus den ange⸗ führten Beiſpielen hervorgeht, auf die ſtatt des Anrede⸗ pronomens geſetzten Titulaturen, durch welche es ebenſo nothwendig bedingt wurde, wie früher Er und Sie durch die Titulaturen Herr und Frau hervorgerufen waren.*)
*)„Wie iſt es zugegangen,“ ſagt Kant 1798 in ſeiner Anthropologie,„daß die wechſelſeitige Anrede, welche in den alten klaſſiſchen Sprachen durch Ich und Du, mithin unitariſch ausgedrückt wurde, von verſchiedenen, vor⸗ nehmlich germaniſchen Völkern pluraliſch durch Ihr und Sie umgewandelt worden, wozu die letzteren noch einen mittleren zur Mäßigung der Herabſetzung des Angere⸗ deten ausgedachten Ausdruck, nämlich den des„Er(gleich als wenn es gar keine Anrede, ſondern Erzählung von
Hatten ſich aber einmal in Folge dieſer neuen Titulatur gewiſſe Pronomina feſtgeſetzt, ſo durften ſie natürlich bald auch da angewendet werden, wo der Titel nicht wie in den eben angeführten Beiſpielen unmittelbar dabei ſtand, ſondern leicht aus dem vorhergehenden Satze, aus der Anrede u. ſ. w. ergänzt werden konnte, wie es z. B. der Fall iſt, wenn Martin Zeiller an einen Freiherrn ſchreibt:„Sie werden, wenn Sie ſo fortfahren, eine ſchöne Bibliothek bekommen.“— Niemals erſchien aber anfänglich das Pronomen Sie ohne eine ſolche direkte Beziehung auf eine Titulatur.
Nachdem es ſich jedoch durch einen langen der⸗ artigen Gebrauch bereits eine ziemliche Allgemeinheit ver⸗ ſchafft hatte, löſte es ſich allmälig auch von dieſer ur⸗ ſprünglichen Grundlage vollends ab, und trat, als ſpäter die Titulaturen wieder auf ein richtigeres Maß zurück⸗ geführt wurden und dabei auch Euer Gnaden und ähnliche auf einen engeren Kreis beſchränkt wurden, als ſelbſt⸗ ſtändiges Anredepronomen auf.„Sie haben die Ge⸗ wogenheit gehabt u. ſ. w.“ wurde jetzt nicht nur ohne die Titulatur zu ſetzen, ſondern auch ohne an die Titulatur zu denken, ſo allgemein und ſelbſtſtändig geſagt, wie früher:„Er hat Gewogenheit gehabt u. ſ. w.“ geſagt wurde, ohne daß Jemand dabei an die Titulatur Herr dachte.
Eigenthümlich iſt, daß ſeit längerer Zeit wieder da eine Titulatur gebraucht wird, wo man früher nur das Anredepronomen zu ſetzen pflegte:„Haben Herr Geheim⸗ rath bereits Kunde davon erhalten?“—„Werden der Herr Präſident dabei erſcheinen?“ hört man nicht ſelten in aufmerkſamer Rede, und zeigt dadurch wieder jene Scheu, das für zu familiär erachtete Anredepronomen zu gebrauchen, durch welche die Sprache auch ſchon früher von dem Pronomen zur Titulatur getrieben wurde. Ob dieſer Gebrauch, der anfänglich nur bei Untergebenen vor⸗ kam, noch eine größere Tragweite annehmen und ſich auch da einbürgern wird, wo man dadurch nicht Ehrerbietung ausdrücken will, iſt wohl abzuwarten, erſcheint aber an ſich, namentlich wenn man die ganze Richtung unſerer Zeit bedenkt, nicht unmöglich. Eben dieſer Möglichkeit wegen iſt es aber auch Pflicht, dieſer Anredeweiſe nach Kraͤften entgegenzutreten, da man ſich durch dieſelbe nur noch weiter bon dem natürlichen Standpunkt der Anrede ent⸗ fernte. Sind wir doch leider von demſelben ſchon an und für ſich ſo weit abgekommen, daß man es anderen Völkern, welche glücklicherweiſe bei einer vernünftigeren Anredeweiſe ſtehen geblieben ſind nicht verdenken kann, wenn ſie uns wegen unſerer Art anzureden, welche trotz ihrer Umſtändlichkeit nicht einmal den Vortheil allſeitiger Deutlichkeit gewährt, und daher auch mit ganz vereinzelten Ausnahmen*) von keinem unſerer Schriftſteller je in Schutz genommen worden iſt, bemitleiden.
einem Abweſenden wäre) erfunden haben, und endlich zur Vollendung aller Ungereimtheiten, der Demüthigung unter dem Angeredeten und Erhebung des Anderen über ſich, ſtatt der Perſon, das Abſtraktum der Qualität des Standes des Angeredeten(Euer Gnaden, Hoch⸗wohl⸗-edel ꝛc.) in Gebrauch gekommen? Alles vermuthlich durch das Feudalweſen, nach welchem von der königlichen Würde an durch alle Abſtufungen bis dahin, wo die Menſchen⸗ würde gar aufhört und blos der Menſch bleibt d. i. dem Stande des Leibeigenen, der allein von ſeinem Oberen durch Du angeredet worden, oder eines Kindes, was noch nicht einen eigenen Willen haben darf, der Grad der Achtung, der dem Vornehmeren gebührt, ja nicht verfehlt werde.“—
*) Zu dieſen Ausnahmen zählt namentlich Lichtenberg, der ſich im vierten Bande ſeiner vermiſchten Schriften über unſere Anredeweiſe alſo äußert:„Es iſt ein rechter Favorit⸗Spott der Ausländer, zumahl der Engländer und Franzoſen, über unſere Sprache, daß ſie ſagen’, es ſei thöricht von uns gehandelt zu Einer Perſon, bald Du
——————


