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Die deutſche Höflichkeitsſprache.
die Kinder der Edelleute duzen; Eltern duzen die Kinder, bis ſie in einen höheren Stand treten.“ Erſt am Ende des ſechzehnten Jahrhunderts trat allmälig eine Aenderung dieſer Beſtimmungen dadurch ein, daß das Pronomen Ihr den ihm bisher eigenen Charakter einer auszeichnenden Anrode verlor, und auch da angewendet wurde, wo man entweder eine ſehr große Vertraulichkeit oder einen gewiſſen Grad von Geringſchätzung ausdrücken wollte, während Du gleichzeitig noch lucher herabſank, und faſt nur mehr im Umgange mit den nächſten Bekannten oder Verwandten, oder wo man es mit Leuten der unterſten Stände zu thun hatte, gebraucht wurde. Je mehr aber Ihr ſeinen urſprünglichen Charakter einbüßte, um ſo mehr erhob ſich zum Ausdrucke der höflichſten Anrede das Pronomen der dritten Perſon Er oder Sie(je nachdem ein männliches oder weibliches Weſen angeredet wurde), zu welchem man natürlich das Verbum in der dritten Perſon ſingularis konſtruirte. Man ſagte alſo gleichzeitig, wenn man ſich ſehr höflich ausdrücken wollte:„Er thut wohl daran, daß er dem falſchen und nichtigen Vorgeben keinen Glauben ſchenket“,—„Es iſt ihr nicht zu ver⸗ argen, wenn ſie das Andenken einer ſo hochbegabten Perſon mit unausſetzlichen Klagen verehret“ u. ſ. w., wo⸗ mit die Sprache noch am Schluſſe des ſiebenzehnten Jahr⸗ hunderts übereinſtimmte. Um dieſe Zeit rückte man aber, mit der angeführten unnatürlichen Anredeweiſe noch nicht zufrieden, das Er und Sie des Singulars immer häufiger in den Plural, ſetzte Sie, zu dem nnn ſelbſtver⸗ ſtändlich auch das Verbum im Plural konſtruirt werden mußte. Lange allerdings hatte dieſe neue Anredeweiſe mit Ihr ſowohl als namentlich mit dem Er und Sie zu kämpfen,— endlich gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts er⸗ langte ſie aber doch, trotz ihrer Sonderbarkeit, jene Be⸗ deutung, welche ſie in der Gegenwart ausſchließlich be⸗ ſitzt. Wir reden heut zu Tage jeden, mit dem wir nicht auf ſehr vertrautem Fuße ſtehen, oder dem wir nicht unſere Geringſchätzung beweiſen wollen, mit Sie an, und laſſen Du nur mehr, dem früheren Gebrauche analog, da eintreten, wo entweder große Vertraulichkeit, wie zwiſchen Eheleuten, Geſchwiſtern, nahen Verwandten, intimen Freunden ſtattfindet, oder ein Abhängigkeitsver⸗ hältniß herrſcht. Ihr hat in unſerer Zeit nicht nur auch jene Bedentung verloren, welche es früher in vertrauli⸗ chen Kreiſen und da, wo man einen geringen Grad von Geringſchätzung ausdrücken wollte, bcheffen hat, ſondern iſt auch als Anrede Untergebener, wozu es heut zu Tage allein gebraucht werden kann, überhaupt ſelten, was auch bei Er und Sie der Fall iſt, welche wir gegenwärtig nur mehr gegen ganz geringe Leute und da, wo man einen hohen Grad von Geringſchätzung an den Tag legen will, auwenden.
Noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aber war neben dem pluralen Sie das ſingulare Er und Sie nicht nur eine höfliche und gewählte Anrede⸗ weiſe, ſondern behauptete auch noch wie in der Zeit ſeines Entſtehens den Rang vor dem damals gleichfalls noch in ehrender, allerdings aber im Verhältniß zu dem Gebrauche früherer Zeiten in weit geringſchätzenderer Weiſe verwendeten Ihr. Und während dieſes zur Anrede von Geſellen, Soldaten, Bauern, Knechten und Mägden ver⸗ wendet wurde, redete man mit Er die Meiſter an. Der Edelmann erzte den Pfarrer und Gerichtsſchreiber, der Schwiegerbater den Eidam, der Mann die Frau, ja, wie bekannt, hat Friedrich der Große ſeine höheren Civil⸗ und Militärbeamten mit Er angeredet, um ſie auszuzeichnen. Es wirkte alſo, wenn auch nicht mehr klar erkannt, damals noch die Idee, welche die Einführung dieſer Redeweiſe veranlaßt hat und ihr zum Grunde lag.
Wie man nämlich ſchon frühzeitig Perſonen höherer Stände verſchiedene Titel beilegte, und ſie dann ſtatt wie früher mit dem Pronomen, dann immer mit dieſem Titel anredete, ſo ſetzte man im ſiebenzehnten Jahrhunderte, dieſen Gebrauch offenbar nachahmend und mit der Anrede durch das Pronomen auch beim Mittelſtand nicht mehr
zufrieden, um die Suprematie des Angeredeten über den Anredenden auszudrücken, ſtatt des Pronomens emphatiſch Herr oder Frau als Titel. Während man alſo früher ſagte:„daß Ihr mit Euerer Gegenwart unſer Haus beehren wollet u. ſ. w.“, heißt es jetzt in feinerem Style in einem Schreiben vom Jahre 1659:„Daß der Herr unſer Haus mit ſeinem Beſuche beehren will, freut uns. Iſt demſelbigen gefällig bei ſeiner Rück⸗ kunft uns heimzuſuchen, ſoll er alsdann wie jedesmal willkomm ſein, und was jüngſthin verabſäumt worden, wider eingebracht werden. Inzwiſchen wünſchen wir dem Herrn zu ſeiner antretenden Reiſe des Höchſten Geleitſchaft und alles ſelbſtverlangtes Wohlergehen, welches mein Hauswirth dem Herrn nebſt freundlicher Be⸗ grüßung zu bedeuten mir anbefohlen.“— Und während damals Wendungen wie:„Ihr ſeid ſchön, edle Jung⸗ frau, gleich den edlen Sternen ac.“ bereits zu weniger aufmerkſamen gehörten, ſchrieb man in feinem Tone: „Dieſem nach trockne ſie, Jungfrau, ihre Thränen, ſie erheitere ihr Angeſicht mit der Hoffnung künftiger Freudenbegebenheit u. ſ. w.“— Daneben erſcheinen aber faſt gleichzeitig Stellen wie folgende:„Desſelben an⸗ geführte Entſchuldigung halte ich gar leichtlich für ſtatt⸗ haft, und iſt er nicht ſchuldig geweſen meine freundliche Warnung mit weitläuffiger Verantwortung zu erwiedern, weil es aber ſelben alſo beliebt, ſo wird er mir ver⸗ zeihen, wenn ich ferneres meine Gedanken eröffne“— oder:„Derſelben Beliebtes hat mich ſattſam verſtändi⸗ get, wie ſie auf ſchwerem Fuß mit vieler Traurigkeit einhergehe, und ꝛc.“— in denen alſo die Subſtantiva Herr, Frau wieder ausgelaſſen und die Pronomina der dritten Perſon allein geſetzt ſind, wozu, abgeſehen von der dadurch erſtrebten Erleichterung und Verkürzung der Rede, offenbar der Umſtand beitrug, daß man dieſe Sub⸗ ſtantiva als das auffaßte, was ſie waren, als bloße Höf⸗ lichkeitsbezeichnuungen. Waren ſie nämlich nicht weſent⸗ liche Beſtandtheile des Satzes, ſo ergab ſich von ſelbſt die Folgerung, ſie auch wieder wegzulaſſen, wobei man aber freilich das durch dieſelben veranlaßte Pronomen der dritten Perſon um ſo weniger mehr aufgeben oder ändern konnte, als ſich dieſe auf der Titulatur gegründete Anredeweiſe raſch zu allgemeiner Geltung erhoben hatte, und das früher zur feineren Anrede gebrauchte Pronomen Ihr infolge deſſen längſt eine andere Stellung erlangt hatte und höchſtens mehr neben dem Er und Sie in altem Sinne gebraucht wurde. So leſe ich in einem Briefe vom Jahre 1647, der alle Eigenthümlichkeiten der damaligen Anredeweiſe vereint:„Demſelben füge ich nebſt dienſtlicher Begrüßung in Gegenantwort, daß mir ſein jüngſtes wohl eingehändigt worden, daraus ich zwar des Herrn zugeſtandnes Unglück mit herzlicher Betrüb⸗ niß verſtanden, mit noch mehr ſchmerzlichem Mitleiden aber ſein Mißtrauen gegen Gott erſehen müſſen. Habt ihr das Herz an dem Reichthumb ſo verhofft, daß ihr beides zu gleich verloren? Wie ſoll ich anders wähnen, als daß ihr aus dem Mammon euern Abgott gema⸗ chet? Wann euch Gott nicht arm gemacht hätte, ſo hätte er euch nicht geliebt....... Gott, von dem alle gute und vollkommene Gaben kommen, welcher betrübet und wieder erfreuet, wolle euch mit ſeiner Gnade gnä⸗ diglich beiſtehen, und nach ſeinem väterlichen Willen in vielfältige eure Wege reichlich wiederum ergetzen. Wann ich an meinem geringen Theile dem Herrn mit Rath und That werde beiſtändig ſein können, ſo hat er nur zu befehlen ſeinem Diener.“—. Nicht lange war man indeß mit dieſer Anredeweiſe durch ein Pronomen zufrieden, und auch der Mittelſtand wollte in jener lächerlichen Zeit, die wahre Titel⸗Ungeheuer in’s Leben rief, nicht nur wieder mit einem Titel, ſondern mit einem höheren als Herr oder Frau angeredet ſein. „Das Wort Herr, ſo hiebevor Niemanden als großen Standes Leuten gegönnt worden iſt, iſt jetzto ſo gemein, daß man dies Ehrenwort auch gemeinen Bürgern und Hand⸗ werksleuten, ja Bauern mittheilt. Gleich wie aller, auch


