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368 Julius Roſen: Eine Vergnügungsreiſe.
Marien gewendet ſprach er wie ein ſiegestrunkener Held:„Gnädige Frau, ſeien Sie außer Sorge, er iſt ſchon ſo gut, wie auf der Anatomie.“
Karl bewunderte noch den Heldenmuth ſeines Onkels, als dieſer plötzlich kreideweis wurde und mit ſchlotternden Knien bei der Thüre ſtehen blieb. Er hatte eine ſehr bekannte Stimme vernommen, eine Stimme, die ihm einſt vor achtundzwanzig Jahren Muſik geſchie⸗ nen und ihn nun zittern machte.
„Nur hinein, wir werden ihn ſchon finden,“ ſprach im Vorhauſe Lukretia, die treue Gattin des Herrn Rummel.
Vorbei war es nun mit Kampfluſt und Sieges⸗ muth und nur das Eine ſtand feſt vor ſeinem Geiſte, daß ihn ſeine Lukretia nicht in Geſellſchaft einer hübſchen Dame treffen dürfe.„Neffe, Herzensjunge,“ ſtammelte er,„Gnade, habe Erbarmen!“ Und wie ein Pfeil ſchoß er in die nächſte Thüre, welche in Wühlers Zimmer führte. In demſelben Augenblicke trat die ſanfte Lukretia Rummel mit ihrem Löchterchen Julie ein.„Da iſt ja der Karl,“ rief ſie dieſem zu und umarmte ihn länger, als es ihm, mit Rückſicht auf die anzuhoffende Umarmung der Tochter, lieb war. „Nicht wahr, Du wunderſt Dich, mich hier zu ſehen? Ich habe es aber nicht ausgehalten. Ich mußte meinen Mann überraſchen! Wo iſt er denn?“
Dieſe Frage mußte ſie einige Male wiederholen, denn Karl hatte ſeine Couſine beim Kopfe erwiſcht und war zu ſehr beſchäftigt damit, um allſogleich zu antworten.„Er iſt bei einem Freunde zu Beſuch,“ ſprach er endlich und Lukretia hörte die Antwort nur mit halben Ohren, denn ſie hatte Marien bemerkt und muſterte ſie mit eiferſüchtigen Blicken.
Die arme Marie wußte vor Verlegenheit nicht aus noch ein. Sie wartete jeden Augenblick von Karl angeklagt zu werden und beſchloß die Feier des Wieder⸗ ſehens mit Julien zu benützen, um ſich Lukretien vorzuſtellen.„Sie kennen mich wohl nicht, gnädige Frau,“ ſprach ſie,„und doch ſind wir Nachbarn. Ich habe die Ehre, Ihren Herrn Gemal zu kennen.“
„So, Sie kennen meinen Mann,“ entgegnete eifer⸗ ſüchtelnd die Alte.
„Vom Sehen,“ korregirte Marie,„geſprochen habe ich ihn nie. Sie kennen mich gewiß auch. Ich bin die Fuchs.“
„Ach, die Fuchs, ja freilich kenne ich Sie,“ rief Lukretia.„Wie geht es denn Ihrem Stiefſohne?“ ſetzte ſie biſſig hinzu.
Marie hatte keine Zeit zu antworten, denn in Wühlers Zimmer erhob ſich ein Lärm. Mit flüſtern⸗ der Stimme verſuchte Kummel Herrn Wühler, wel⸗ cher fürchterlich brüllte, zu beſänftigen.
„Gehen Sie zum Teufel,“ hörte man den letztern rufen und gleich darauf kam Rummel mit einer Ener⸗ gie aus Wühlers Zimmer, als ob er hinausgeworfen worden wäre.
„Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen,“ rief er zurück und ſtellte ſich dann, als ob er ſeine Gattin erſt jetzt erblickt hätte, auf die er entzückt zuſtürzte.
„Ach, dieſe Ueberraſchung, dieſe Freude!“ rief er und wollte ſie umarmen.
Sie aber wehrte mit ſtrenger Miene ſeine Zärt⸗ lichkeit und fragte ihn, woher er komme.
„Von einem Freunde,“ ſtotterte er ſehr gut miteinander.
„Wie mich dünkt, hat der gute Freund Dich hin⸗ ausgeworfen,“ fragte ſie weiter.
„Spaß,“ ſtammelte er,„nichts als Spaß, wir hatten einen kleinen Streit mit einander. Er iſt ein Weiberfeind und nannte alle verheirateten Männer Narren.“
„Du haſt ſaubere Freunde,“ entgegnete ſie.„Wie heißt denn der Flegel?“
„Wie er heißt,“ ſtotterte RKummel,„Fink heißt er. O, es iſt ein ſehr luſtiger Patron.“
„Dem ich meine Meinung ſagen werde,“ ſetzte ſie hinzu.„Er hat uns Damen beleidigt, und das dür⸗ fen wir uns in dem freien England nicht gefallen laſ⸗ ſen.“ Sie ging auf Wühlers Thüre zu, öffnete und bat ihn, ein wenig herauszukommen.
Die Situation Rummels wurde immer kriti⸗ ſcher. Er verlegte ſich aus Verzweiflung auf die Zeichen⸗ ſprache und bedeutete Wühler zu ſchweigen. Ueber dieſen fiel nun die ſanfte Lukretia her.„Herr, Sie haben uns beleidigt,“ rief ſie,„Sie haben ſich unterſtan⸗ den, unſere Ehemänner zu ſchelten. Sie ſind ſelbſt ein Narr.“
Verwundert ſah Wühler bald ſie, bald die übri⸗ gen an und wußte nicht, was er denken ſollte.
„Sie ſind ein ſauberer Fink“ fuhr ſie, ſich in den Zorn hineinredend, fort;„augenblicklich leiſten Sie Abbitte, oder Sie werden ſich mit meinem Manne ſchlagen.“
„Aber Gattin,“ ſtotterte Rummel.
„Ruhig ſein,“ rief ſie und ſtampfte mit dem Fuße. „Iſt das die Manier der Finken, ihre Freunde zur Thüre hinauszuwerfen? Pfui Teufel, Fink!“
Das war unſerem Wühler zu viel.„Warum nennen Sie mich denn immer Fink,“ donnerte er ihr entgegen,„jch bin kein Fink, und dieſer Herr da iſt nicht mein guter Freund.“
„So? warum iſt er denn zu Ihnen gekommen?“ fragte ſie.
„Was weiß ich, entgegnete er.„Er ſtürzte zu mir in's Zimmer und bat, ich ſolle ihm ein Aſyl gewähren, da ihn ein Drache bis nach London verfolgt.“
Rummel und Lukretia waren außer ſich. Er⸗ ſterer trat von einem Fuße auf den andern und trällerte mit weinerlicher Stimme ein Liedchen, letztere aber ſah ihn groß an und fragte:„Drache? London? Mann, Gatte, rede Du!“
Nun hieß es Geiſtesgegenwart haben. Rummel ſtellte ſich demnach ſehr zornig, agirte mit den Händen in der Luft herum und erklärte, der Herr ſei ein Lügner, mit dem er ſich auf Armſtrong⸗Kanonen ſchießen müſſe. Er werde ſogleich welche holen. Damit ſchoß er zur Thüre hinaus, den weitern Verlauf der Sache dem Schickſale überlaſſend.
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