Jahrgang 
1864
Seite
364
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Die Adreßdebatte aber hat nicht nur einen Eindruck im Volke, ſondern auch im Miniſterium, ja auch im Ab geordnetenhauſe ſelbſt hinterlaſſen. Das Haus hat ſich einen Weg vorgezeichnet, auf dem es zu größerer und er ſprießlicherer Wirkſamkeit gelangen wird und von dem es ohne Schädigung ſeines eigenen Anſehens nicht abwei chen kann.

In der Sitzung vom 5. December ſprach der Mini ſter des Innern, Lanza über die Streitfrage, ob der Sep⸗ tember⸗Vertrag für Italien nützlich ſei, und ſtützte ſeine Beweisführung auf den ganz unumwunden ausgeſproche nen Satz der Unverträglichkeit der weltlichen Papſtmacht mit dem modernen Nationalſtaate.Wir alle, ſagte er wörtlich,haben eingeſehen, daß die weltliche Gewalt des Papſtes gegen die Intereſſen Italiens iſt. Stets hat die päpſtliche Regierung die Fremden zu Hilfe in's Land ge rufen, und ſo lange ſie beſteht, iſt die Gefahr einer frem den Intervention nicht gehoben. Die weltliche Gewalt iſt weder nöthig zum Glanze, noch zur Unabhängigkeit der geiſtlichen. Doch das iſt eine moraliſche Frage, und wir haben erklärt, daß dieſe Frage dem Fortſchritte der Ci⸗ viliſation überlaſſen bleiben müſſe. Es galt zuvörderſt, das Aufhören der Intervention zu erlangen und den Papſt allein ſeinen Unterthanen gegenüber zu laſſen. Dieſe Frage war nur im Einvernehmen mit Frankreich zu löſen, da dieſes die erſte katholiſche Macht iſt, und der Grundſatz der freien Kirche im freien Staate bietet die Baſis zur Löſung ſelbſt. Kraft der Konvention hört die Einmiſchung

des Auslandes, das der weltlichen Papſtmacht zu Hilfe

eilen wollte auf. Bricht eine Bewegung auf päpſtlichem Gebiete aus, ſo iſt Italien nicht verpflichtet, dieſelbe zu unterdrücken, es iſt blos verpflichtet, nicht anzugreifen und nicht angreifen zu laſſen. Somit iſt die Konvention gün ſtig für Italien, und wenn die Verlegung der Hauptſtadt auch unbequem iſt, ſo iſt ſie doch zur Befeſtigung der Dy naſtie und der Einheit Italiens erſprießlich. Menabrea nahm das frühere Miniſterium in Schutz; dasſelbe habe die Konvention nur nach reiflicher Ueberlegung abgeſchloſ ſen. Aus der Geſchichte der Verhandlungen erhelle auch die Unhaltbarkeit Turins aus ſtrategiſchen Gründen; die Konvention ſei nothwendig zur Konſtituirung der Nation geweſen.

In London bringt faſt jeder Tag ſeinen Leitartikel über Oeſterreich und Italien, um deren Stellung zu ein ander ſich jetzt vorzugsweiſe die Spekulation der Zeitun⸗ gen dreht; und die gemäßigten Liberalen, d. h. die im Sinne der Regierung ſchreibenden, hoffen eine Ausſöh nung oder einen mehrjährigen Waffeuſtillſtand zwiſchen dem Wiener und dem Turin⸗Florentiner Kabinet zu Stande kommen zu ſehen. Auch die Ganz⸗ und Halbradikalen däm pfen auf eine Weile ihren Eifer für die Befreiung Vene⸗ tiens, weil eine Befeſtigung der öſterreichiſchen Macht jetzt wünſchenswerth iſt als Schranke gegen die Ehrſucht Preu⸗ ßens, weil man wie ſich eines der Sonntagsblätter ausdrückt den Wiener Thurm gegen den Berliner Springer braucht.

Seit dem Tage, da Graf Mensdorff in Wien in das Miniſterium des Auswärtigen trat, begann diePoſt dem Kaiſerſtaat Frieden und Fortſchritt zu prophezeien. In dieſem Sinne kommentirt ſie auch jetzt fortwährend jede Lebensäußerung der öſterreichiſchen Regierung und jedes Wort, das im Reichsrath fällt. Auch die Politik des Herrn v. Schmerling, gegen welche ſie ſonſt mit den Ungarn und Polen zu ſympathiſiren pflegte, erſcheint ihr jetzt in einem andern Lichte; als eine Politik, die ſich von der Joſephs II., Schwarzenbergs und Buols ſehr we ſentlich unterſcheide, da ſie mit einem verſöhnenden, die Ueberlieferungen der nichtdeutſchen Stämme reſpektirenden Repräſentativſyſtem verbunden ſei. Der öſterreichiſche Reichsrath ſagt diePoſt überholt die Regie rung in ſeinem Streben, eine Politik innerer Verſöh nung anzubahnen. Die Regierung hat vor wenigen Ta⸗ gen dem Kriegszuſtand in Venetien ein Ende gemacht, und jetzt hat der Reichsrath in ganz verſtändlichen, wenn

Julius Roſen: Eine Vergnügungsreiſe.

auch nicht direkt tadelnden Ausdrücken, die Fortdauer des Ausnahmszuſtandes in Galizien verdammt. Herr von Schmerling iſt zu klug und zu verſöhnlich, um nicht den Anſichten der Kammer, die zur Durchführung ſeiner eige⸗ nen Politik von höchſter Bedeutung ſind, ſich anzuſchließen. Es iſt plötzlich ein großer Umſchwung im Charakter und in der Politik der Regierung eingetreten. Und in dem Maße, als der Turiner Hof ſich im Innern konſolidirt hat, iſt er in ſeinen auswärtigen Beziehungen immer kon⸗ ſervativer, immer mehr geneigt geworden, ſich mit dem Gewinn zu begnügen, den eine rein friedliche Politik ihm zutragen mag. So wird es denn für Oeſterreich und Ita lien immer thunlicher, einander auf friedlichem Fuße zu begegnen; und die veränderte politiſche Stimmung, die aus gegenſeitigen Zugeſtändniſſen entſprungen iſt, kann kein anderes Reſultat haben, als daß die öſterreichiſche Regierung das Königreich Italien aner kennen wird. Die größte Wichtigkeit dieſer Friedens⸗ und Verſöhnungsten denz liegt vielleicht darin, daß ſie eine Entwaffnungspolitik beider Theile bedeutet. Beide Theile ſind zu einer ſolchen Erklärung reif.... Die formelle Herſtellung freundlicher Beziehungen zu Italien iſt Alles, was Oeſterreich braucht, um den vonHerrn v. Schmerling großentheils gebillig⸗ ten Vorſchlägen des Reichsraths vollſtändig Folge geben zu können... Graf Mensdorff und Herr v. Schmerling vertreten der Hauptſache nach die populäre Idee von der innern und auswärtigen Politik, welche Oeſterreich befol⸗ gen ſollte; und wir glauben, daß dieſe Politik im gemein⸗ ſamen Intereſſe Oeſterreichs und Italiens iſt.

Eine Vergnügungsreiſe.

Humoreske von Julius Roſen.

1. Kapitel.

Herr KRummel wird ein verfluchter Kerl!

Aber er war auch außerdem noch Ehemann und Vater, Ehemann einer alten und Vater einer

& jungen Dame, ð. Mann. Seine Hauptbeſchäftigung war Erzeu⸗ gung von Tuch, er machte aber zu ſeinem Ver⸗ gnügen auch noch in Liebe. Von dieſer Privatbeſchäfti⸗ gung durfte nun ſeine Frau freilich nichts wiſſen, auch ſeine Handlungsbücher blieben dieſer Buchung verſchloſ⸗ ſen und nur im Geheimen kultivirte er ſein geliebtes Nebengeſchäft. Wie alle Tuchmacher war er Ideatiſt. Da konnte ihm denn die Frau von Rummel freilich nicht genügen, deren Ideale eine Taſſe Goldjava und ein Kugelhupf waren und an welcher nichts jung geblieben war, als die Eiferſucht, die qualerzeugende! Zu ſeinem Unglück hatte Herr Rummel überdies verbrecheriſche Gelüſte, denn ſeine Liebe war auf eine junge hübſche Kaufmannsfrau in der Nachbarſchaft gefallen, deren Ehegatte zwar nicht ſchön, aber um ſo eiferſüchtiger war, und der ſein Weibchen ſeinem eigenen Sohne, einem hübſchen Maler, vor der Naſe weggeheiratet hatte. Ob der Sohn ſo reelle Abſichten gehabt hatte, wie der Va⸗ ter, wußte man freilich nicht zu ſagen, der Vater bewies, daß er auf dem Boden der Geſetzlichkeit ſtehe, denn er zahlte die Schulden der Mutter ſeiner Braut, heiratete ſie und Don Carlos der zweite ging eines ſchönen Mor⸗

SſNerr Rummel war Fabrikant in Reichenberg. G 9

demnach gewiß ein geplagter