Jahrgang 
1864
Seite
362
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362 Ein Nachtſtück.

Wienern vertheidigt, von Böhmen, Polen und Kroaten aber ebenfalls wieder erſtiegen worden ſei. Ich wandelte voran, über das Glacis, durch die Burg, in die Wipplingerſtraße vor das Rathhaus. In der ſchwarz ausgeſchlagenen Rathsſtube, die ſich wie von ſelbſt er⸗ leuchtete, erwartete uns ein großer ſchöner Mann in geſticktem ungariſchen Kleide, ein ebenfalls mit Gold geſticktes weißes Leichentuch darüber geſchlungen*); in der Mitte der Stube ſtand noch der blutige Block. Sämmtliche Herren begrüßten ſich, und Graf Nadasdy hob an:Als ich meine Schlafſtätte in Lockenhaus ver⸗ ließ, freute ich mich ſehr, Euch, meine lieben Gefährten, zu ſehen, und etwas über das Schickſal unſeres theuren Vaterlandes zu erfahren. Leider aber wißt Ihr ſeit dem anderthalbhundert, beinahe zweihundert Jahre langen Schlaf nicht viel mehr davon als ich, und eine Nacht kann uns darüber wenig oder gar keinen Auf⸗ ſchluß geben. Wohl wäre es zu wünſchen, wenn wir einen wirklich Lebenden fänden, der uns auf unſere Fragen Antwort zu geben vermöchte. Den habe ich hier zur Hand, ſagte Zrinyi, indem er mich vorſtellte. Dieſe Dominus Spectabilis verſteht und ſpricht auch ganz gut ungariſch und lateiniſch, und wird uns wohl über unſere Fragen Auskunft geben. Wie ſteht es in unſerem theuren Vaterlande? frug Nadasdy. Sie wiſſen, daß ich zu meiner Zeit Judex curiae ge- weſen, wer iſt es jetzt? Es gibt keinen mehr**), entgegnete ich. Der Ungar holt jetzt ſeinen höchſten Richterſpruch bei der oberſten Juſtizbehörde in Wien. Wer ſind jetzt die Großwürdenträger des Reiches, was für Erb⸗Obergeſpane gibt es noch in den Komi⸗ taten? Es gibt nur Verwaltungs⸗Gebiete, eine Wojwodina und keine Erb⸗Obergeſpane mehr! Es hat alſo eine große Umwälzung ſtattgefunden? Allerdings. Und der Ungar ward überwunden? wer ſtand von den Magnaten an der Spitze? Kein Magnat, ein Advokat, und mit Hilfe der Ruſſen ward die Revolution beſiegt. Der Ruſſen? das ſind die ſogenannten Moskowiter, halbe Aſiaten? Jetzt das größte Reich in Europa! Was ſagte denn Po⸗ len, Schweden, die Republik Venedig, das deutſche Reich, der König von Frankreich? Um Schweden bekümmert ſich kein Menſch, denn es gibt keinen Guſtav Adolph mehr, in deſſen Adern das Blut der Waſa rollt. Venedig iſt eine Provinzialſtadt geworden. Frankreich hat ſeine Könige vertrieben und war zur Zeit des un⸗ gariſchen Aufſtandes eine Republik, und das deutſche Reich hat mit ſich ſelbſt zu ſchaffen. Dagegen gibt es ein kriegeriſches Volk im Norden dieſes ehemaligen Rei⸗ ches, welches ſein Schwert mächtig in die Wagſchale der europäiſchen Geſchicke zu legen vermag. Es iſt das Kö⸗ nigreich Preußen. Der König reſidirt in Berlin. Berlin? ſagte Nadasdy ſinnend, das müſſen ja die alten Brandenburger ſein, von denen ich wohl hörte.

*) So liegt Graf Nadasdy in der Gruft zu Lockenhaus, noch jetzt unverweſt zu ſehen.

***) Wiederholt zu bemerken iſt, daß dieſe Unterredung im Jahre 1855 unter der damaligen Verwaltung ſtattfand.

Die waren ja im ſteten Krieg mit den Polen! Wie iſt es denn mit dieſen, waren ja natürliche Waffenbrüder der Ungarn? Es gibt kein Polen mehr, es verblu⸗ tete auf hundert Schlachtfeldern. Und die Pforte, die mächtige Pforte, kam kein Paſcha mit drei Roß⸗ ſchweifen den bedrängten Ungarn zu Hilfe? Die Pforte huldigt dem Fortſchritt, das heißt es hat Jeder⸗ mann in ihrem Hauſe zu befehlen, außer ſie ſelbſt. Die Paſcha ſind jetzt Excellenzen, wie Ew. Excellenz ſelbſt, geben ihre Viſitenkarte ab und trinken Champagner, und die Türken ſind faſt beſſere Chriſten als die Ro⸗ magnolen! Was iſt alſo jetzt das mächtigſte Volk? Ohne Zweifel die Juden? Sie ſind auch beinahe das einzige wirkliche Volk, alles übrige ſind nicht Völker, ſondern Staaten. Es gibt ja dann keine Vaterlands⸗, ſondern nur Staatsliebe? Allerdings, Vaterlands⸗ liebe iſt gegenwärtig ein Unrecht, wird in ganz Eu⸗ ropa nicht vorgefunden, es iſt nur geſtattet, ein Staats⸗ angehöriger zu ſein. A peu prés ein weißer Sklave, wie Ew. Excellenz einſt wohl ſchwarze gekannt haben, welche dem Sultan angehörten. Nun, der jetzige Staatsangehörige gehört mit Haut und Haar, Gut und Blut dem Sultan Staat an, deswegen heißt er auch ganz folgerechtStaatsangehöriger. Wie theilen ſich denn alsdann die Menſchen ein, wenn ſie nicht ihrer Abſtammung nach gewiſſen Nationen angehören? Es gibt dreierlei Sorten Menſchen, ſolche mit ganzen Röcken, ſolche mit zerlumpten und endlich ſolche ohne Röcke mit Fetzen bekleidete, welche wohl am Ende die Mächtigſten werden dürften. Aber da müſſen ja unzählige Schlachtfelder mit Blut getränkt werden? was ſagt denn der Adel dazu? Das größte Schlacht⸗ feld iſt die Börſe, und dort holt man ſich, was man vor Allem braucht, Geld, und mit dem Gelde kommt Ehre und Anſehen. Stammbaum und Ahnen ſind ganz Luxus. Man thut noch am beſten, ihn auf Adam und Eva zurückzuführen, um dadurch doch we⸗ nigſtens mit den großen Börſenfürſten eine Art iſraeli⸗ tiſche Stammverwandtſchaft anzuſprechen, die aber ſelten anerkannt wird. Man bleibt in ihren Augen am Ende doch immer ein Goim gleich wie in Ihrer Zeit, Excellenz, wo man trootz aller Verdienſte in Frankreich ein roturier hieß, und ſo ſind auch wir den Iſraeliten gegenüber nicht viel mehr als das, was man einſt als ehemalige Misera contribuens plebs bezeichnete! Im goldenen Zeitalter, oder vielmehr in dem Zeitalter des Goldes ſind ſie die Herren, wie früher im eiſernen Krieger und Rittersmann! Vor dem Golde beugt ſich auch das Eiſen, beſonders das vom Roſt etwas angenagte. Der Geldmann in gegenwärtiger Zeit hat dem Eiſen⸗ manne längſt den Rang abgelaufen. Zrinyi ſchüttelte wieder unwillkürlich das Haupt, ſo daß es faſt herab⸗ gefallen wäre. Frangipanyi ergriff es aber mit beiden Händen und ſetzte es wieder zurecht.

Es gibt noch eine Todesart fuhr ich fort, welche jener von Ew. Excellenz erlittenen gleichkommt, aber ohne ſo viel Förmlichkeit und Ceremonie, es iſt das Guillotiniren. Auch eine ſehr intereſſante Erfindung der Neuzeit, und vorzüglich zur Anwendung für Adel und gekrönte