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Ein Nachtſtück.
Ein Nachtſtück.*)
Ich ſaß im Waggon, der den Semmering herab ge⸗ gen die jetzige ſogenannte Reichshaupt⸗ eigentlich aber nur wirkliche Reſidenzſtadt heranbrauſte. Es
—₰ war im Herbſt, gerade am 2. November, dem Tage
Allerſeelen.— Ich ſaß allein im Waggon, das
Wetter war unfreundlich— graue Wolken trieben ſich wie Nebelſchleier am Firmament, aus deren zer⸗ riſſenen Fetzen nur zuweilen die blaſſe Mondſcheibe mit geſpenſtiſchem trüben Lächeln herabblickte, mit ihrem Silberſchein die fliegenden Wolken wie geſtickte Leichen⸗ tücher verzierend!— In meinen Pelz gehüllt, lehnte ich mich in die Ecke in jenem Halbſchlummer, in welchem man halb der wirklichen, halb der Traumwelt angehört, und in welchem ſich die Eindrücke von außen in die Er⸗ ſcheinungen der innern Welt ſo phantaſtiſch verſchmelzen. Hinter uns lag das Gebirge.— Gloggnitz war paſſirt, und vor mir ſah ich, vom Mondlicht beleuchtet, die Thürme der Neuſtadt,— der allzeit getreuen,— welche in der öſterreichiſchen Geſchichte eine ſo bedeu⸗ tende Rolle ſpielt,— dabei aber ein armes kleines Neſt geblieben iſt, während das unbeſtändige, nebſtbei in einer ſehr ungeſunden Gegend liegende Wien nach und nach ſich zu einer Weltſtadt aufgebläht hat.— Habe nie eingeſehen, warum man Neuſtadt nicht wenigſtens in das öſterreichiſche Birmingham verwandelt, alle Fa⸗
*) Aus dem Werke: Poſtdiluvianiſche Fidibus⸗ ſchnitzel: zweites Fascikel; als Manuſkript für Freunde.(Eigenverlag des deutſchen Lanz⸗ knechts.) Der Lanzknecht, wie er ſich ſelbſt zu bezeich⸗ nen liebt, iſt der Fürſt Friedrich von Schwarzenberg, ein Sohn des berühmten Feldmarſchalls. Geboren am 13. September 1800, trat er früh als Reiter⸗ officier in die öſterreichiſche Armee und bildete ſich zu⸗ nächſt in einſamen Landſtationen theoretiſch aus. Er war, wie er launig erzählt, von der graſſirenden Schreibwuth befallen und ließ zahlloſe Ausarbeitungen und Themata, ganze Dispoſitionen für Armeekorps und Armeen zu ſeinen Vorgeſetzten wandern. In dem Feldzug von 1821 gegen Neapel, den er als Ober⸗ lieutenant in einem Huſarenregiment mitmachte, hal⸗ fen ihm weder ſeine ſtrategiſchen Werke, noch ſeine Terrainlehren, noch ſeine wohlerlernte Vorpoſtenſchule in 126 Fragen und Antworten, aber Vaida Janos, ein alter Korporal von kriegeriſcher Erfahrung, half ihm. Fürſt Schwarzenberg lernte nun die Praxis ſchätzen und die Theorie vielleicht unterſchätzen. In der nächſten Friedens⸗ zeitging er auf die Jagd nach Abenteuern und focht in Spanien für die Sache des Don Carlos. Unter öſter⸗ reichiſchen Fahnen kämpfte er wieder 1848 in dem Heerkörper des Grafen Schlick gegen die ungariſche Revolution. Seit 1820 Inhaber des zweiten Majorats ſeiner Familie, iſt der„Lanzknecht“ gegenwärtig Ge⸗ neral⸗Feld⸗Wachtmeiſter außer Dienſt, Kämmerer, Mal⸗ teſerritter und lebt gewöhnlich auf ſeinem Schloß Mariathal in Ungarn. Seine Geſinnungen gehen aus dem„Nachtſtück“ hervor. Er bezeichnet ſie ſelbſt durch den Namen des„Lanzknechts“, den er ſich gegeben hat. Soldat und Edelmann vom Scheitel bis zu den Zehen, zieht er die That dem Wort, das Eiſen dem Golde vor und iſt mithin von unſerer Zeit nicht über⸗ mäßig erbaut.
brikserzeugniſſe nur dort ausgeſtellt, etwa auch die Uni⸗ verſität dahin verlegt hat!— Das Beiſpiel von Paris ſollte die Nothwendigkeit lehren, bei Zeiten dem Staats⸗ aneurhysmus*) vorzubeugen, welcher aus der übergroßen Centraliſation in den Hauptſtädten erwächſt und alle Extremitäten nach und nach verdorren läßt!— Das Wiener Thor, vor welchem der öſterreichiſche Horatius Cocles, der ritterliche, rieſenhafte Andreas Baumkircher, den Kaiſer Friedrich und ſeinen Mündel gegen die an⸗ dringenden Böhmen, Ungarn und Wiener ſchirmte, iſt bereits abgebrochen, ebenſo das Gratzer Murthor, unter deſſen Wölbung der tapfere Held unter dem Henkerbeil verblutete.— Ich drückte mich in eine Ecke und dachte an Sonſt und Jetzt,— an die Verſchiedenheit und die Aehnlichkeit der damaligen und jetzigen Zuſtände, und war eben im Begriff vollkommen einzuſchlummern, als der Zug am Neuſtädter Bahnhof hielt und ich durch zwei einſteigende Paſſagiere in meinen Betrachtungen geſtört wurde. Es waren zwei große, ſtattliche Männer, in ungariſche lange Pelze gekleidet, die ihnen bis an die Knöchel reichten. Die Pelzmützen trugen ſie in den Händen. Lange Locken ringelten ſich bis über die Schul⸗ tern, beide trugen lange Schnurrbärte und Knebelbart nach alt ungariſcher Art, der eine mochte ein Mann in den Vierzigern, der andere ein noch junger Mann von etwa dreißig Jahren ſein. Unter den Pelzen trugen ſie zugeknöpfte ungariſche Attilas, ganz ſchwarz und mit koſtbaren Knöpfen geziert. Bei beiden fiel mir das blaſſe Angeſicht auf, in welchem der dunkle Schnurr⸗ und Knebelbart beſonders abſtach.— Sie ſetzten ſich ſchwei⸗ gend nieder,— und ſchienen nicht viel Notiz von mir zu nehmen. Ich grüßte, worauf ſie meinen Gruß mit leichtem Kopfnicken erwiederten. Auffallend war mirr, daß trotz der bereits rauhen und kühlen Jahreszeit ſie kein Halstuch trugen, ſondern um den bloßen Hals nur ſo eine Art rothes Band geſchlungen hatten, wenigſtens ſchien der rothe Streif, den ich bemerkte, ein ſolches zu ſein. Ich weiß nicht, hatte der Kondukteur den Waggon geöffnet, aber die Thür ſchloß ſich ebenſo leiſe und ſchnell als ſie aufgegangen war, und der Zug ſetzte ſich ohne weitere Störung in Bewegung. Ich hielt mich ſtill in meiner Ecke, ohne meinen Reiſegefährten etwa durch Fragen oder Anſprache jeder Art zudringlich fallen zu wollen, fühlte aber durch ihr fremdartiges Ausſehen meine Neugierde gereizt und horchte mit Aufmerkſamkeit auf ihr Geſpräch, welches ſie in ungariſcher Sprache führten, ich aber zum beſſeren Verſtändniß hier überſetzt wiederhole.
„Seid mir gegrüßt, Herr Bruder, ſprach der Aeltere.— Es thut einem doch wohl, wieder einmal an die freie Luft zu kommen und mit einem ſo lieben guten Freunde eine Spazierfahrt zu machen!— Auch mich, mein theurer Freund und Schwager, beglückt es, einmal wieder Dir in's Antlitz zu ſehen. Lagen wir ja doch lange genug in der engen dunklen Kammer und ſchliefen ſanft nebeneinander, ohne uns von Auge zu Auge zu ſehen.— Es iſt doch eine Vergünſtigung, daß
1*) Aneurysmen find krankhafte Erweiterungen der Arterien.


