Jahrgang 
1864
Seite
356
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356 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

Fröhlichkeit hätte gewiß einen noch viel höheren Auf⸗ ſchwung genommen, wenn die Beiden an der allge⸗ meinen Luſt hätten Theil nehmen können. Ueberlaſſen wir die Glücklichen ihrem Glücke und kehren wir nach Kopenhagen zur armen Elſe zurück.

7.

Es waren vierundzwanzig Stunden vergangen, ſeit Elſe ihren Gatten verlaſſen hatte. So ſehr er ſich auch den Anſchein gab, als ob ihre Entſchloſſenheit, ihn zu retten, keine Hoffnung in ihm erweckt hätte, ſo ſehr er ſich auch überredete, daß jede Ausſicht auf Rettung ihm benommen und Alles, was ſein Weib auch unter⸗ nehmen könnte, vergeblich ſei, ihre fromme Zuverſicht hatte ſeinen Lebensmuth dennoch von Neuem erweckt, und in der peinlichen Erwartung deſſen, was geſchehen konnte, wurden ihm die Stunden zu Ewigkeiten. Tau⸗ ſendmal hatte er ſich das Wiederſehen ſeines Vaters und ſeines Töchterchens mit ſchmeichelnden Farben aus⸗ gemalt, tauſendmal hatte er ſich auch den Augenblick ſeines Todes vorgeſtellt, und ſo ſchwebte er denn zwi⸗ ſchen Freude und Trauer hin und her und war nahe daran, ſeine männliche Entſchloſſenheit dabei zu be⸗ graben und kleinmüthig zu werden.

Die Nacht war gekommen und der erſehnte Schlaf blieb aus. Wilhelm nahm ſeine Zuflucht zum Gebete, aber auch dieſes beruhigte ihn nicht mehr, ſeitdem die Reſignation aus ſeinem Herzen entflohen war. Die Dunkelheit der Nacht gab ſeinen Phantaſiegebilden eine düſtere Färbung und mit brennenden Augen, mit ge⸗ preßter Bruſt und fiebernden Schläfen lag er da, ein Opfer ſeiner Zukunft. Er hätte grau werden können in dieſer Nacht, ſo oft hatte er den bevorſtehenden Todes⸗ kampf gekämpft, ſo oft hatte ihn das flackernde Flämm⸗ chen der Hoffnung aus dem Grabe herausgehoben. Endlich, es dünkten ihm Jahrzehnte, war die Nacht worüber und ein Strahl der erwachenden Sonne fiel in ſein Kämmerlein, ein Tröſter vom Himmel, ein Bote des Lichtes. Nun konnte er beten. Wenn er auch für ſeine flehenden Bitten keine Worte fand, ſein Herz betete innig, und Gott mochte ihn hören! Nun erſt verfiel er in einen leichten Schlummer und ein Traum über⸗ nahm es, ihn zu tröſten. Er träumte, daß er zur Richtſtatt hinausgeführt worden ſei. Er ſah das Grab bereitet, um ihn aufzunehmen, ſah die Reihe von Mus⸗ keten, deren Mündungen nach ſeinem Herzen zielten, und empfahl ſeine Seele Gott. Da hüpften aus den drohenden Mündungen Genien und Engel heraus, brachten eine roſige Wolkendecke herbei, ſetzten ihn darauf und trugen ihn weit, weit über Land und Meer. In ſeiner ſtillen Heimat erſt hielten ſie an, hießen ihn abſteigen, und als er auf ſeine ſtille Hütte zuſchritt, da trat ihm Elſe, umgeben von einem lichten Scheine, entgegen und brachte ihm die kleine Marie zu, welche ihre Aermchen nach dem Vater ausſtreckte.

Ein Geräuſch hatte ihn geweckt, ſein Himmel war verſchwunden, der Gefängnißſchließer ſtand vor ihm.

Wilhelm taumelte von ſeinem Lager auf. Ver⸗ wirrt ſah er den Mann an und ſtotterte:Noch nicht, morgen erſt, morgen muß ich ſterben.

Ein Beamter, welcher mit dem Schließer eingetre⸗ ten war, trat auf ihn zu und fragte ihn, ob er ſeine Gattin noch zu ſehen wünſche.

Die arme Elſe, wo iſt ſie?

Sie iſt krank, doch außer Gefahr. Es iſt ihr ſehn⸗ lichſter Wunſch, Euch zu ſehen. Wollt Ihr mit mir gehen, um ſie in Eure Arme zu ſchließen?

Ob ich will, entgegnete Wilhelm traurig. Habe ich denn noch einen Willen? Ach, Herr, mit mei⸗ nem Willen iſt es vorbei.

Doch müßt Ihr mir antworten, entgegnete der Beamte.Wollt Ihr Elſen ſehen?

Gewiß, entgegnete Wilhelm.Das gute brave Weib that gewiß Alles, was in ihren Kräften ſtand. Ich will ſie nicht betrüben und gehen. Wo iſt ſie?

Begleitet mich, ſagte der Beamte, und ſich zu dem Schließer wendend fuhr er fort:Nehmt dem Ge⸗ fangenen die Ketten ab, dort, wohin wir gehen, bedarf es keiner Ketten.

Wilhelm ließ ruhig Alles über ſich ergehen. Die Ketten wurden ihm abgenommen, ein Mantel um ſeine Schultern geworfen, gedankenlos faſt ging er dem Beamten nach, die Treppe hinab und ſtieg in einen ge⸗ deckten Wagen.

Während der Fahrt ſprach er kein Wort. Er glaubte, daß er nach einem Kloſter oder nach einem Krankenhauſe geführt würde. Elſen mochte der tiefe Schmerz und die körperliche Anſtrengung niedergewor⸗ fen und ihre Unterbringung in einem Krankenhauſe ver⸗ anlaßt haben. Dahin nun brachte man ihn, auf daß er ſeine Gattin noch zum letztenmale ſehe.

Der Wagen hielt und man ſtieg aus. Er bemerkte nicht, daß er ſich im königlichen Palaſte befinde. Er ſchritt ſeinem Führer nach und trat in ein ebenerdiges Zimmer, in dasſelbe, wo Elſe untergebracht war. Als er einge⸗ treten war, fiel ſein erſter Blick auf ſeine Gattin, welche mit verbundenem Kopfe im Bette aufgerichtet ſaß und ihm ſeine Arme entgegenſtreckte.

Wilhelm! rief ſie,mein theurer Wil⸗ helm!

Elſe, mein armes Weib. Mehr brachte er nicht heraus. Thränen erſtickten ſeine Worte und er weinte ſich am Halſe ſeiner Gattin aus.

Nachdem die erſte, heftigſte Gemüthsbewegung vorbei war, und beide ſich ein wenig beruhigt hatten,

fragte Wilhelm:Wie und wo haſt Du Dich ver⸗ wundet, meine arme Elſe? Gewiß thateſt Du etwas, was mich retten ſollte, und was Dich dafür dem Grabe nahe brachte.

Halb haſt Du's errathen, Wilhelm. Ich wollte Dich retten und

Alles war vergebens, fiel ihr Wilhelm in's Wort.

Vergebens? O nein, der gute Gott hat meine Bitten erhört.

Scherze nicht, Elſe, bat Wilhelm mit