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Feuilleton. 349
Aus dem Leben in Vegeſack.
Die„Hamburger Reform“ ſchreibt aus Hamburg: Die milden Pfingſtlüfte, die, wenn auch mit manchen Interwallungen, nach Zwickauer's Ausdruck, zu wehen beginnen, führen allerlei kurioſe Wandervögel in's Land, welche dem ſinnigen Beobachter recht viel Spaß machen und ihn zum gediegenen Ornithologen nach und nach heranbilden.
Der Kaſſirer Drauzburg im Stadttheater flüſtert mit ernſter Miene, wenn er hinter ſeiner Kaſſe, der Gebieterin von Kunſt und Leben, thront:„Es ſind ſchon 18 drin!“ Meint er etwa einen Geheimbund, wie jenen der Dreizehn, von dem Balzac uns in ſeinem berühmten, höchſt ſchauer⸗ lichen Romane ſo polizeiwidrige Dinge erzählt? Ach nein, er meint die Schar der zugereiſten Mimen, welche von allen Seiten in's Land flattern und ſich nach Sommer⸗ bühnen umſehen, wo ſie ihr müdes Haupt auf das Kiſſen eines wenn auch beſcheidenen Engagements ſanft nieder⸗ legen können. Bis dahin aber verleben ſie ihre faulen Stunden mit Freibillets in den Räumen unſerer ſtädtiſchen Theater und reißen als verkannte Genies natürlich Alles gründlich herunter, was ihnen vor die Augen und vor die Naſe kommt. Solch' ein kleiner Meiſter, um dem Koſſak'ſchen Terminus für die intereſſante Species zweibeiniger Zug⸗ vögel zu gebrauchen, wandelt mit verbiſſenem Lächeln im Korridor auf und nieder, ſein Rock iſt bis oben dicht zu⸗ geknöpft, wie ſeine künſtleriſch verletzte Seele, ſeine Stiefel knarren unheimlich und lechzen nach Glanzwichſe, wie ihr Beſitzer nach Rache an treuloſen Theateragenten; ein mühſam zum Lichte, wie der ſterbende Goethe, empor⸗ ſtrebender Vatermörder ſteht einſam auf ſteiler Höh' und träumt von ſeinem Genoſſen, der in den Hades längſt hinabgeſtiegen, unbetrauert und ungewaſchen. Der Hut ſtreift an den europäiſch⸗gefährlichen Kalabreſer, von dem er ſich nur durch wellenförmige Erhöhungen unter ſcheidet, die an früheres Antreiben nur zu ſehr erinnern, die Hand iſt krampfhaft in der Bruſttaſche geballt, man wähnt ſie mit einem mehr oder weniger ſtumpfen Stilet bewaffnet.
„Sie kennen mich nicht mehr?“
„Nein, durchaus nicht, mein Herr!“
„Ich bin der jedem Theaterfreunde rühmlichſt be⸗ kannte Heldenvater Schreimüller, ſpiele aber auch Lieb⸗ haber, denn dem denkenden Künſtler iſt nichts unmöglich. Sie haben gewiß von dem furchtbaren Skandal gehört, den ich Anno 60 in Vegeſack mit dem Intriguanten Molchmeier hatte, welcher den Wurm ſpielte, als ich den Präſidenten gab.“
„Ich muß Ihnen reuig bekennen, daß ich mich da⸗ mals mehr mit Garibaldi's Zug nach Marſala, als mit den Zuſtänden der Nationalbühne von Vegeſack beſchäftigte.“
„Aber Sie leſen doch Theaterzeitungen?“
„Seitdem Frau Chriſtiany nicht mehr ſchreibt, deren Styl etwas Berauſchendes für mich hatte, nicht mehr.“
„Nun(und der zugeknöpfte Mime wirft dem un⸗ gebildeten Menſchen, der vor ihm ſteht, einen höchſt ver ächtlichen Blick zu) ſo hören Sie— ſo etwas war nie da! Ich ſpielte den Präſidenten, eine meiner Glanzrollen, ich ſchlug Molchmeier um mehrere Pferdelängen.— (Sollten es nicht Eſelslängen ſein? fragte ſich ſelbſt ganz leiſe das Opfer des Vegeſackſchen Menſchendarſtellers.)—
Was that dieſer Elende? Er beſchmierte meine Stiefel
in der Garderobe heimlich mit grüner Seife. In der Scene, wo ich zu ſagen habe:„Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum!“— trat ich, wie immer, donnernd mit dem Stiefel auf— mir entgeht dann nie ein donnernder Applaus und gewöhnlich werde ich gerufen— da gleite ich auf einmal aus und ſtoße mir die Naſe an Ferdinands Porte⸗épée, daß ſie zu bluten anfängt. Ganz Vegeſack war tief erbittert— Molchmeier mußte die Stadt verlaſſen, er wäre ſonſt gelyncht worden.“
Entſetzt flüchten wir uns, um weiteren Bekenntniſſen
des Heldenvaters zu entgehen, in's Theaterkaffeehaus, wo⸗ da es einmal der Tag der Enthüllungen zu ſein ſcheint, der biedere Kloth⸗Meyer, gleich Silvio Pellico einigen athemlos lauſchenden Gäſten die Geſchichte ſeines Gefäng⸗ niſſes erzählt. In einer Zeit, wo der wackere Dr. Rée unſere Jugend zu Spartanern heranzubilden beabſichtigt, haben dieſe ehrwürdigen hiſtoriſchen Reminiscenzen aus vergangenen Bürgerwehrtagen ihr Intereſſe. Der Fall war wirklich pikant genug. Als die Kolonne, der Kloth⸗ Meyer dereinſt als Bürgergardiſt angehörte, ſich vor ſeinem Kaffeehaus langſam zum Gänſemarkt hinabwälzte, da ward der von ſeinen Gäſten nur zu ſchmerzlich vermißte Wirth mit dem Schreckensruf:„Meyer! Meyer!“ aus den Reihen der Kampfgenoſſen fortgeſchleppt und in ſein Lokal gezogen, weil, wie die Stammgäſte behaupteten, es nicht nöthig ſei, daß er erſt mit nach dem Gänſemarkt marſchire, um ſich auflöſen zu laſſen. Das ſtrenge Geſetz verurtheilte ihn, obgleich er ohne Schuld und Fehl zu ſein behauptete, zu 24 Stunden Arreſt. Er erzählt jetzt ſelbſt, wie ge⸗ wöhnlich, in geſchmackvoller Miſchung von hoch und platt: „Ich gehe alſo zum Kapitän, es war zufällig mein Doktor, und ſage:„Seggen Se mal, kann ick de veer un twintig Stönnen nich in twolf Maal Nachmittags von twee bit veer afſitten, dat is grade min Schlaptied.“ „Nein, lieber Meyer, das geht nicht, das iſt gegen alles Geſetz.“ Der harte Gang wird dann alſo angetreten. Eine ſanfte Reſignation umſpielt Meyers Geſicht, grade wie das Silvio Pellico's, als er nun fortfährt:„Ick lat mi alſo von min lewe Fru twee Buddel Madera inpacken un twee grote gerökerte Aal un denk bi mi— ſo, jetzt kannſt Du in den Kerker hinabſteigen.“ Dort findet er gute Geſellſchaft, unter ihr ein ſehr durſtiger Tambour(welcher Tambour wäre es nicht) und die mitgebrachten Vorräthe verſchwinden raſch. Jetzt wird ein großer Entſchluß gefaßt:„Wi lat uns den Kalfaktor kamen— bring uns for veer Schilling Grönen mit Kööm. Freilich iſt der Abſtand vom Madeira bis zum Grönen groß, aber im Kerker wird der Menſch ſehr genügſam. Zweimal wiederholt ſich die Sendung des Götterboten— zum dritteu Mal wird der Kapitän bedenklich. Er läßt Meyer rufen:„Sie ſcheinen die Natur Ihrer Strafe noch nicht recht gewürdigt zu haben, mein guter Meyer.“— „Wie ſo, Kapitän, de Minſch mutt doch nich ver⸗ doſten!“— Es entſpinnt ſich ein ziemlich animirter Wortwechſel, zuletzt wird der Vorgeſetzte ärgerlich und ſagt zu dem Silvio Pellico der Dammthorſtraße:„Jetzt machen Sie, daß Sie nach Haus kommen und laſſen Sie ſich nicht wieder ſehen.“ „Ick haar eegentlich noch twolf Stünnen nah, aber mi wer't recht un ick bün ock nich wedder kamen!“ Alſo lautet die Mähr aus längſt entſchwundenen Tagen, in denen ſich übrigens ſo manche Dinge, nach Akiba's Spruch, fortwährend wiederholen.
Bonbons.
Der franzöſiſche Dichter Mery war einer der froſtig⸗ ſten Menſchen. Als einmal anhaltende Kälte eintrat, ſchloß er ſich in ſeinem Zimmer ein und ſchrieb ſeinen Freunden, daß er gefährlich krank ſei. Alle eilen herbei und finden den befreundeten Dichter neben einem Hölleufeuer in wollenen Decken vergraben auf dem Sopha liegen.„Was fehlt Ihnen denn eigentlich?“ fragt man den Dichter. „Ach,“ antwortete Mery mit zitternder Stimme,„ich habe den— Winter!“
Vor einiger Zeit erhielt der Hornvirtuoſe Bivier in Paris von einer Gräfin des Faubourg St. Germain eine Zuſchrift, worin er befragt wurde, wie viel er ver⸗ lange, um bei einer Soirée die Gäſte der edeln Gräfin


