Jahrgang 
1864
Seite
348
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348 Feuilleton.

Der Theaterbeſuch wurde zu einem außerordentlichen. Außer den Schauſpielhäuſern waren täglich eine Menge von Sälen und Läden geöffnet, in denen man Panora⸗ men, Schattenſpiele und Puppenkomödien ſehen konnte. In Klöſtern und Kreuzgängen richteten ſich Leute ein, die auf dem Seile tanzten, Geiſter beſchworen, Wachsfiguren ausſtellten, eine Laterna Magika hatten oder in einem Kutſchkaſten, der mit vier Lappen verhangen war, den Brand der Stadt Rom, das Ende der Welt und ähnliche Schauerſtücke mehr ſehen ließen. Die feine Welt ſtrömte in die Theater, um politiſche Demonſtrationen zu machen, ihren Putz zu zeigen und zu ſparen. Die kaum glaub liche Entwerthung der Aſſignaten machte den Theaterber ſuch zu einer ökonomiſchen Spekulation. In der großen

Oper koſtete der erſte Platz dreißig Livres Papier, ſo viel

wie ein gutes Stück Brod, weniger als Licht und Feue rung für einen Abend im Hauſe. Im December 1795 waren ſieben Livres Aſſignaten einen Sou Kupfermünze werth, im Juni des folgenden Jahres glich man einen Sou mit 49 Livres aus, und nach einigen Monaten mehr nahm Niemand ſolches Papier.

Baares Geld zu beſitzen, gab Anwartſchaft auf Reich thum. Sogenannte Nationalgüter, eingezogene Beſitzungen von Ausgewanderten, wurden zu Spottſpreiſen verkauft. In einem berühmten Proceſſe der Reſtaurationszeit be wies man dem Angeklagten, daß er für ein Gut von mehreren Hunderttauſenden im Werth ein Dutzend Louis d'or in klingender Münze bezahlt habe. Er hatte ſich die Aſſignaten, die er bezahlt, zum Courſe von 23.000 Liv res den Lonisd'or verſchafft, und der Staat hatte ſein ei genes Papier zum vollen Nennwerth nehmen müſſen. Wie Landgüter, ſo wurden Häuſer, Möbeln, Geräthſchaften aller Art verſchleudert. Der allgemeine Nothſtand derer, welche keine klingende Münze hatten, machte Paris zu einer Trödelbude. Jeden Tag verkündeten hundert Anſchlag⸗ zettel hundert Verſteigerungen, auf allen Straßen wurde man von Leuten angeredet, die eine Vaſe, ein Gemälde, eine Uhr verkauften, um den Ihrigen Brod zu verſchaffen.

Der erſte Januar 1797 iſt als ein kulturgeſchichtlicher Tag zu vermerken. An dieſem Tage ſchaffte die Geſell⸗ ſchaft den republikaniſchen Kalender ab, ſchickte ſich Neu⸗ jahrswünſche und machte Neujahrsgeſchenke. Dem Win⸗ terſchlaf der großen Thaler und Livres wurde ein Ende gemacht. Man holte ſie allmälig aus dem Keller und unter dem Birnbaum im Garten hervor. Nun öffneten ſich auch einige Remiſen und ſchickten elegante Kutſchen auf die Straßen. Den erſten zeigten die Arbeiter aus den Vorſtädten drohende Fäuſte doch hatte man ſich nach wenigen Tagen an den Anblick gewöhnt und ließ ſich ſelbſt Kutſcher und Jokeys in betreßten Livréen gefallen. Wie vor der Revolution wurde der Boulogner Wald das Stelldichein der feinen Welt, und wären die Moden nicht ſo himmelweit verſchieden geweſen, ſo hätte man ſich in das alte Regime zurückverſetzt glauben können.

Verhüte Gott, daß auf die Krinoline ein eben ſol ches Extrem folge, wie auf ihre Ahnfrau, den Reifrock. Dieſer wurde durch eine Tracht erſetzt, die man griechiſche nannte, weil ſie mehr natürlich als anſtändig war. Dicht unter dem Buſen gegürtelt, ſchmiegten ſich die aus wei chen und ſchlaffen Zeugen gemachten Kleider den Körper⸗ formen an und zeigten das ſchöne Ebenmaß des Wuch ſes, die Grazie der Umriſſe, die Biegſamkeit der Bewe⸗ gungen. Die Arme, die Füße und Knöchel bekleidete man gar nicht. Die Pariſerin ging auf einem Kothurn, beſteckte die Zehen mit goldenen Ringen und ſchnürte die Knöchel mit Riemen, die von Cdelſteinen funkelten. Hatte die Schreckenszeit alle häßliche Frauen guillotinirt und hatte der Konvent, der ſo Vieles vernichtete, auch Huſten, Schnu pfen und Rheumatismen abgeſchafft? Offenbar konnte eine ſolche Aspaſientracht nur ſchönen Frauen ſtehen und es gehörte eine Bärennatur dazu, um mit einem Körper, deſſen verhüllte Theile blos durch Muſſelin und Linon geſchützt waren, den Unbilden der Witterung zu trotzen. Der Kopf wurde warm gehalten, denn alles trug Perük⸗

ken. Frau LTallien beſaß dreißig dergleichen und bezahlte das Stück mit fünfundzwanzig Louisd'or. Für den Schmuck wurden Gemmen und Kameen allem Andern vorgezogen. Man wollte echte Antiken haben und bezog ſie centner⸗ weiſe vom klaſſiſchen Boden Italiens. Die italieniſche In⸗ duſtrie zögerte nicht, Gemmen- und Kameen⸗Fabriken an⸗ zulegen. Zu einem modernen Anzuge gehörten endlich noch ein Miniaturbild in goldener Einfaſſung, an golde⸗ ner Kette auf der Bruſt getragen, ein Arbeitsbeutel, der wie eine Säbeltaſche an's Bein ſchlug, eine Brille mit zwei langen Haltern, und ein grünes Band, an dem ein Mops oder Bologneſer geführt wurde.

Von ſechs Uhr Abends an pflegte Paris zu tanzen. Die unzähligen Tanzorte der Stadt und Umgegend füll⸗ ten ſich jeden Abend. Der kleine Bürger begab ſich in die elyſeiſchen Felder zu Sälen mit den antiken Namen Sybaris, Paphos und Idalium. Das Volk tauzte auf dem ehemaligen Kirchhof von St. Sulpice oder im Kloſter der Barfußmönche, in denſelben Räumen die während der Septembertage das Wehgeſchrei hingemordeter Gefange ner gefüllt hatte. Die beſſeren Klaſſen befriedigten ihre Tanzluſt im Elyſium und Montbrillant, Tivoli und Mon⸗ ceaux, im Pavillon de Hanovre und in Frascati, lauter eingezogenen Beſitzungen von Ausgewanderten. An Feſt⸗ tagen fuhr man nach Klein⸗Trianon, deſſen harmloſe Spiele dem Ruf Marie Antoinettens tödtliche Wunden geſchla⸗ gen hatten, oder nach Bagatelle, dem reizenden Land⸗ haus des Grafen von Artois, oder nach der Villa der armen Prinzeſſin Lamballe in Paſſy. Man gab in dieſen Sitzen der alten Ariſtokratie nicht blos Bälle, ſondern auch Koncerte, Schauſpiele, Illuminationen und Feuerwerke.

Zur Zeit des Direktoriums bildete ſich eine neue Ge⸗ ſellſchaft. Sie war ſehr gemiſcht. In den letzten Jahren vor 1789 war der Adel nicht mehr exkluſiv geweſen und hatte das Bürgerthum in ſeine Kkkiſe zitgelaſſen, unter der Bedingung jedoch, daß eshonnet und galant ſei. Dieſe Bedingungen ließ man jetzt fallen. Wer Geld hatte, wurde zugelaſſen, wer viel Geld hatte, wurde geehrt. Da man den feinen Konverſationston von ehedem nicht ſogleich wiederfinden konnte, ſo ſprach man in der Geſellſchaft wenig und deſto mehr. Die großen Mittageſſen, die aber ſtatt am Mittag um ſechs oder ſieben Uhr Abends ihren Anfang nahmen, wurden als wichtige Staatsange⸗ legenheiten betrachtet und gehörten zum allerfeinſten Luxus. Die Speiſen und Weine mußten die ſeltenſten und aus⸗ geſuchteſten ſein, um ſie und um frühere oder bevorſtehende Gaſtmähler drehte ſich die dürftige Unterhaltung. Die Damen werden beſchuldigt ebenſo viel gegeſſen und ge⸗ trunken zu haben, wie die Herren. Die Armeelieferanten waren die Reichſten des Tags und gaben die größten Mittägeſſen. Einer von ihnen, Armand Seguin, war ein Sonderling und nicht übermäßig gebildet, aber der feinſten Aufmerkſamkeiten fähig. Allerdings ließ er ſich zuweilen den erſten Spargel, die erſten Schnepfen allein vorſetzen und warf ſeine Gäſte mit einem Gebäck aus Rahm und Eidotter, ſo daß ihre Kleider über und über beſpritzt wurden, aber er gab auf ſeinem Schloſſe Jouy auch Ge⸗ ſellſchaften für Gelehrte, Dichter und Künſtler, bei denen er den liebenswürdigſten Wirth machte. Lobte Jemand die Arbeit einer goldenen Zuckerdoſe, die Malerei einer Porzellanvaſe, ſo war es ſelten, daß der Gaſt das Stück nicht Abends auf ſeinem Kamin fand.

Keine gemiſchte Geſellſchaft kann ihr Leben hoch brin⸗ gen. Das Verwandte findet ſich zuſammen, das Fremd⸗ artige wird ausgeſtoßen oder bleibt don ſelbſt weg. Die Unruhe, die noch eine Zeitlang fortdauerte, nachdem der Orkan der Revolution vorübergezogen war, beſchwichtigte ſich, die Vergnügungsſucht, die natürliche Reaktion gegen die Karthäuſerſtille der Schreckensherrſchaft tobte ſich aus. Die Damen nahmen wieder das Scepter in die Hand, die feine Sitte fand wieder Schutz und Pflege. Das war der Anfang der eigentlichen Salonszeit.

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