Jahrgang 
1864
Seite
347
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haus) nſeren

Ge⸗ Man Stadt

Feuilleton. 347

ten. Die hitzigeren ſetzten ſich aus Büchern und ſtändi⸗ ſchen Debatten eine eigene politiſche Theorie zuſammen und warben für ſie mit ihrem ſchönen Munde. Mehr als eine Dame, die ihren Salon öffnete, entſprach der Beſchreibung eines Zeitgenoſſen und wareine Pentheſilea, die, am Theetiſch ſitzend und von Leidenſchaft zitternd, bei hitzigen Debatten und beißender Kontroverſe ſich die Finger verbrannte und den Thee auf ihr Kleid ſchüttete. Wenige Damen waren ſo aufrichtig wie jene, von der man den Ausſpruch verzeichnet hat:Unter den drei Staats gewalten, von denen beſtändig geſprochen wird, iſt keine einzige, welche mir Vergnügen macht.

So lange die Politik etwas Neues war, maßen die Damen ihre Sympathien nicht nach Standesrückſichten ab. Herzoginnen und Marquiſinnen ſtellten ſich auf die Seite des dritten Standes und belohnten Barnave und Duport für demokratiſche Reden mit Umarmungen. Sie ſahen nicht ſo weit, um zu bemerken daß nicht blos den Gebrechen des Königthums, ſondern auch ihnen ſelbſt, der Geſellſchaft, der Krieg gemacht werde. Die Pariſer Gaſſen und die Provinzen brachten ihnen dieſe Ueberzeugung bei. Scharenweiſe kamen markige Ungeheuer, wilde Kerle mit dem kochenden Blut des Südens nach Paris gezogen und ſteckten den weichlicheren Pöbel der Hauptſtadt mit ihrer Leidenſchaftlichkeit an. Wenige Wochen nach der Erſtür⸗ mung der Baſtille hatten ſechstauſend der reichſten Ein⸗ wohner von Paris Päſſe genommen und waren in's Aus⸗ land gegangen. Die Zurückgebliebenen waren blos noch momentan, bei Verfaſſungs⸗ und Verbrüderungsfeſten, be⸗ geiſtert; an allen andern Tagen zankten ſie ſich und ſag⸗ ten ſich Grobheiten. Wie die Nationalverſammlung hatten die Salons ihre Parteien, und glaubte man einmal ge⸗ müthlich bei einander ſitzen zu können,ſo warfen kriebe lige, zänkiſche, biſſige, ſtreitſüchtige kleine Teufelchen einen Zankapfel mit der AufſchriftTagesfrage auf den Tiſch.

Bis zur Revolution waren die Moden von Verſailles gekommen, in der Revolution machte ſie Paris. Die ſammtenen und ſeidenen Anzüge der Damen ſahen ſich von Verfaſſungskleidern, deren Stoff geblümter Kattun war, und von patriotiſchen und demokratiſchen Tuchröcken verdrängt. Der modiſche Kopfputz war die Baſtillenhaube, deren breiter und hoher Deckel von weißem Atlas die Geſtalt eines Thurmes mit Zinnen hatte und von breiten

ſchwarzen Spitzen, gleichſam einem durchbrochenen Gelän⸗

der, umgeben war. Vorn war eine große dreifarbige Band⸗ ſchleife angebracht, darunter prangte ein Strauß von künſt⸗ lichen Roſen. Als Ohrglocken trugen die Damen kleine Guillotinen. Man ſpielte mit dem Werkzeuge des Schreckens, und doch ſchwebte ſein blinkendes Fallbeil ſchon über jedem Haupte. In den vornehmſten Geſellſchaften wurde beim Nachtiſch eine niedliche Guillotine von Mahagoni auf den Tiſch geſtellt. Feine Damenhände ſchoben kleine Puppen, denen verhaßte Namen beigelegt wurden, unter das Fallbeil. War die Puppe geköpft, ſo floß etwas Rothes, in das die Damen ihre Taſchentücher tauchten. Die Puppe war ein Fläſchchen, das Rothe eine wohlrie⸗ chende Eſſenz.

Die Geſchichte nennt die Namen verſchiedener Frauen, die in den Phaſen der Revolution thätig waren. Die Ge⸗ ſellſchaft lichtete ſich und löſte ſich endlich ganz auf. Man wäre verdächtig geworden, wenn man oft Freuude bei ſich geſehen hätte, verdächtig, wenn man Kronleuchter an⸗ gezündet hätte. Die vornehmen Pariſerinnen, die es noch gab, gingen mit der Hühnern zu Bett und verſchliefen ihre Langeweile. Ehe der Schrecken ſeine Höhe erreicht hatte, beſuchte man die Theater. Das wurde aber bald gefährlich, denn die im Stadthauſe herrſchenden Ohnehoſen hatten auch ihre langweiligen Stunden und zerſtreuten ſich dann durch Razzias gegen die theaterluſtigen Ariſto⸗ kraten. Die Theater wurden umſtellt, die Heraustretenden in's Gefängniß geführt, am nächſten Morgen ſortirt, be⸗ halten oder entlaſſen, aber auch letzteren Falls in die Liſte der Verdächtigen eingetragen. Nachdem die Theater ge⸗

reinigt, d. h. die rohaliſtiſchen Schauſpieler entfernt, die royaliſtiſchen Stücke beſeitigt oder in republikaniſche um⸗ gewandelt worden waren, beſuchte kein Gebildeter die Theater mehr. Vor Verhaftungen war man ſicher, nicht vor Inſulten aller Art. Die dreiundzwanzig Theater, die während der Schreckenszeit ſpielten, waren alle Abende gedrängt voll. An den fuürchterlichſten Tagen, als Ludwig XVI., als Marie Antoinette geköpft wurde, als das Blut der einundzwanzig Girondiſten floß, konnte in den Theatern kein Apfel zur Erde. Aber das Publi⸗ kum war das roheſte, revolutionärſte, zumal im Parterre. Gelegenheitsſtücke auf Tagesereigniſſe fanden den rauſchend ſten Beifall in den Zwiſchenakten ſpielte das Orcheſter patriotiſche Hymnen, und Alles ſang mit.

Den langen Tag über war Schauſpiel auf einem der öffentlichen Plätze, bald auf dem Gréve⸗ oder Baſtillen⸗ platz, bald auf dem Marsfelde oder dem Revolutionsplatze. Die wandernde Guillotine gab ihre Vorſtellungen unter einem nie endenden Beifall. Die Zuſchauer beſtanden nur aus der unterſten Volksklaſſe, aber beide Geſchlechter und alle Altersſtufen waren vertreten. Das Gewimmel erſchien wie ein wogendes Aehrenfeld, mit rothen Mützen wie mit blühendem Mohn beſprenkelt. In Erwartung des täglichen Schubs ſcherzte und lachte man, verhöhnte eine auffal lende Kleidung, rief einmal ein Gedränge vor und kaufte von den Kirſchen, den Kuchen, der kühlen Tiſane, die von Männern und Frauen umhergetragen wurden. Erſchien der Karren mit dem Schub des Tages, ſo reckten ſich die Hälſe und es wurde ſtill wie im Theater, wenn der Vor hang aufgeht.

Und waren ſie nicht Schauſpieler, dieſe zum Tode gehenden Menſchen? In der That, ſie hatten ihre Rollen einſtudirt. Sie gaben ſich den Anſchein von Märtyrern, die den Himmel nicht erwarten können, von Philoſophen, die den Tod verachten, von Raufbolden, die unterliegend dem Gegner noch eine Drohung zuſchleudern. Alle Mienen und Geſten, die zu ſolchen Rollen gehören, wurden vom Karren oder vom Blutgerüſt herab zum Beſten gegeben. Ein frommer Augenaufſchlag zum Himmel, eine anmuthige Verbeugung vor der Statue der Freiheit, ein geringſchätzi⸗ ges Lächeln im Augeſicht des Todes buhlten um den Beifall des dankbaren Publikums. Man bekomplimentirte ſich, man ſchob ſich höflich das Recht zu, den Tod zuerſt erleiden zu dürfen. Von Frauen hörte man zu Unglücks⸗ gefährten lachend ſagen:Nach Ihnen, wenn ich bitten darf! Jede gut geſpielte Scene war ihres Applauſes gewiß. Koloff meint, wenn alle Frauen ſo geſtorben wären, wie die einzige Feige unter ihnen, die Gräfin Du Barry, die ſich unter herzzerreißendem Geſchrei mit den Henkern herumbalgte, ſo würden ſolche ſcheußliche Scenen ſelbſt den verruchteſten Pöbel angeekelt und die Metzeleien anſtatt 420 Tage, nicht eine Woche gedauert haben. Wir halten das nicht für ſo ganz gewiß.

Der neunte Thermidor ſollte die Pariſer eigentlich blos von Robespierre, nicht von der Herrſchaft des Schrek kens befreien. Das wilde Feuer des Fanatismus war aber niedergebrannt und ließ ſich nicht wieder anfachen. Von den Knotenſtöcken der vergoldeten Jugend Frerons geſchützt, kam die Geſellſchaft aus ihren Schlupfwinkeln hervor und ließ ſich öffentlich auf der Straße ſehen. Ihr Sammelplatz war die Strecke der Boulevards, die zwiſchen

den Straßen Grange⸗Batelière und Mont⸗Blanc liggt. Man ſtellte vor den Häuſern Binſenſtühle auf, deren 8.

Dame zwei, jeder Herr drei bedurfte. Das ſtarke Geſchlecht W

ſtützte nämlich nicht blos ſeine Füße durch einen zweiten Stuhl, ſondern mußte auch noch einen dritten für den linken Arm haben. Die Damen kleideten ſich für dieſes kleine Koblenz als Royaliſtinnen: Chouan-Spenſer, Kleiderbeſatz von Lilien, Shawls mit eingewebten wei ßen Blumen u. ſ. w. Den Fächer von ſchwarzem Flor zierte ein Blumenkorb, der ſich ſo zuſammenlegen ließ, daß er eine Lilie darſtellte, oder eine Trauerweide, in deren Umriſſen die Porträts der königlichen Familie zu erkennen waren. 44*