346 Feuilleton.
Sylvie.„Und als Herr von Fleurange neuerdings aufgeſtanden war, um weg zu gehen, ſagte ſie zu ihm: „Sie haben alſo große Eile, mich zu verlaſſen, mein Herr?—= Der Andere antwortete ihr:„Ich fürchte, Ihre Güte zu mißbrauchen.“—„Sie erweiſen mir im Gegentheil das größte Vergnügen. Ohne Sie hätte ich mich heute Abend ſehr gelangweilt.“
Gervais.„Da haſt!“
Sylvie.„Und wenn Sie nichts Beſſeres zu thun haben, ſo bitte ich Sie um den Reſt Ihres Abends.“—„Allzu glücklich, Madame!“ Aber wahr iſt's, daß ich ſie nie ſo hübſch geſehen hatte. Ihre großen Augen funkelten wie ſchwarze Diamanten, ihr Teint war aufgeregt roſig und ſie beſaß ein Lächeln, das einen hätte närriſch machen können; überdies nahm ſie auf ihrem Sopha eine halblie⸗ gende Stellung ein, und mit der Spitze ihres kleinen Fu⸗ ßes neckte ſie die ſeidenhaarige Myrza, die an ihrem blauen ſilbergeſtickten Pantoffel herumſchnupperte. Sie kennen ihren Fuß, Jean?“
Jean.„Und ihr Bein auch. Sapperlott! iſt das ge⸗ lungen! Es iſt etwas von einem arabiſchen Pferd in dieſem Weibsbild.“
Der Chef.„Mamſelle Sylvie, ich habe da einen Reſt von Malaga; einen Fingerhut voll, was?“
Sylvie.„Recht gern.— Plötzlich ſteht die Madame auf, geht auf Herrn von Champmonville zu und bricht, ihm grade in's Geſicht, in ein Gelächter aus, wie Sie oder ich es nur machen könnten.„Ich begreife gar nichts von dieſer großen Heiterkeit, Madame,“ ſagte der wüthende Eiferſüchtige.—„Aber ſehen Sie denn nicht, was Sie thun?“ fängt die Herzogin wieder an.— Ich bitte Sie noch um ein wenig Malaga, er iſt ausgezeichnet.“
Mad. Claude.„Das hat die Madame geſagt?“
Sylvie.„Nein, die Mademoiſelle.—„Aber ſchauen Sie doch,“ fährt meine Herrin fort,„Sie haben ſoeben den Stoff dieſes Fauteuils in Stücke geriſſen. Ah! mein Gott! und Ihre Handſchuhe auch; ſogar Ihr Hutfutter! Vikomte, wären Sie denn vielleicht von einem waſſerſcheuen Thiere gebiſſen worden?“ Champmonville verſucht, Ent⸗ ſchuldigung zu ſtammeln, aber die Madame lachte zu ſehr, um ſie zu hören, ohne zu rechnen H. von Mack, der ſich's auch nicht abgehen ließ, ſo daß der Vikomte, zum Aeußerſten getrieben, von ſeinem Fauteuil ſpringt wie ein Teufelchen aus ſeiner Schnupftabaksdoſe, und die Augen aus dem Kopfe getreten, die Stimme erſtiickt, murmelt er in ſeinen Schnurrbart das Wort: Kokette!... aber mit einer Miene...“
Jean.„Daß man glauben möchte, daß er ſagen wollte: Schurkin?“
Sylvie.„Oh! nein. Wahr iſt's aber immer, daß die Madame ſich ſtellte, als ob ſie es nicht gehört hätte, und daß Herr von Champmonpille beim Fortgehen bis in das Vorzimmer von dem Gelächter der Herzogin zurück⸗ begleitet wurde, das wieder heimlich von dem des Attaché begleitet war.“
3 Der Chef.„Nun, da gibt es ja nichts Trauriges arin?“
Sylvie.„Pardon, der Vikomte iſt ausgeblieben.“
„Und Herr von Fleurange?“
„Iſt noch nicht wiedergekommen.“
„Teufel! ihre ſchechte Laune erklärt ſich alſo: Einer
verloren, ohne einen Andern wiedergefunden zu haben;
hlechtes Geſchäft.“
Jean.„Himmeldonnerwetter! an ihrer Stelle würde ich eher zwei Mal wiederkommen als ein Mal.“
Mad. Claude.„Kutſcher, Sie vergeſſen ſich!“
„Nein, denn ich gehe meine Apfelſchimmel anſpannen. Das Pech! Nie habe ich ſo Luſt zu ſchlafen, als wenn ich die Nacht über aufbleiben ſoll.“
Sylvie.„Und ich werde auch wachen müſſen, um die Madame zu erwarten.(Man hört die Klingel ziehen.) Zwei Schläge... Das iſt ein Beſuch, der uns kommt. Madame wird nicht empfangen, ihre Thüre iſt geſchloſſen
für Jedermann, ausgenommen für...“
Ein Kammerdiener(eintretend).„Madame wird nicht ausfahren.“
Sylvie.„Ich wette, daß es Herr von Fleurange iſt.“
Der Diener.„Getroffen.“
Sylvie.„Chef, Sie können uns Kaſtanien in's Feuer dahen ſie werden Zeit haben zu braten, und wir die, ſie zu eſſen.“
Der Chef.„Iſt geſchehen, und ich offerire Euch zwei Bouteillen eines alten Sauterne, der für den Herrn ſchon ſeit einem halben Jahre ausgegangen iſt.“
Jean.„Das paßt mir famos! Jetzt, da ich nicht ausfahren muß, habe ich gar keine Schlafluſt mehr.“
Die Pariſerin in der Revolution.
Es iſt mit unſerer Geſellſchaft nicht anders, als mit unſerm ganzen Leben überhaupt. Sie hat etwas Unfer⸗ tiges, Unruhiges, Unbeſtimmtes. Man weiß nicht genau, was ſie iſt, und man weiß nicht viel beſſer, was ſie ſein ſollte. Man laſſe ſich von zehn Menſchen erklären, wie ſie die Geſellſchaft haben moͤchten, und man wird ſehen, wie die Anſichten ſich durchkreuzen. Man könnte daher den Vielen zuſtimmen, welche, freilich von den verſchieden⸗ ſten Standpunkten und Anforderungen ausgehend, das Urtheil fällen, daß es gar keine Geſellſchaft mehr gebe. Paris wenigſtens, der Kryſtalliſationspunkt der Geſellſchaft von ehedem, hat keine Geſellſchaft mehr. Verſchiedene Re⸗ volutionen und Staatsſtreiche haben ſie aufgelöſt, und die letzten Trümmer ſind von Parteiweſen und Börſen⸗ ſchwindel in die Luft geſprengt worden. Die halbe Ge⸗ ſellſchaft(demi-monde) macht ſo viel von ſich reden, als früher die Geſellſchaft.
Soll auf die neue Geſellſchaft ſo lange gewartet werden, wie auf die alte, ſo werden unſere Urenkel ſie noch nicht zu ſehen bekommen. Jene alte Geſellſchaft brauchte zu ihrer vollen Ausbildung nicht weniger Zeit als eine Eiche. Die Keime, die Philipp Auguſt gelegt, Franz I. und Heinrich II. weiter entwickelt hatten, gipfelten erſt unter Ludwig XIV. zu einem Baume. Die Elemente der feinen Geſellſchaft waren mit der Zeit zuſammenge⸗ rathen oder zuſammengetragen worden. Die franzöſiſche Artigkeit, die ſpaniſche Galanterie und der italieniſche Unter⸗ haltungston waren die Grundbeſtandtheile. An dieſen ſchlif⸗ fen feine Herren und Damen ſo lange, bis alles Rauhe und Rohe hinweg oder unter der glatten facettirten Fläche verſteckt war. Dieſe alte Geſellſchaft erhielt ſich bis zur Revolution. Eine kulturhiſtoriſche Schrift von Edmond und Jules von Goncourt hat uns Gelegenheit geboten, ſie zu ſchildern. Es trifft ſich ſo glücklich, daß ein deutſcher Schriftſteller, Eduard Kolloff, der ſeit dreißig Jahren in Paris lebt, in Raumers hiſtoriſchem Taſchenbuch(Leipzig, Brockhaus) eine Darſtellung gibt, die uns in den Stand ſetzt, unſeren Leſern die Pariſerin in der Revolution vorzuführen.
Die erſten Anfänge der Bewegung führten der Ge⸗ ſellſchaft vielen und dankbaren Unterhaltungsſtoff zu. Man war der Klatſchgeſchichten vom Hof und aus der Stadt nachgerade müde geworden und freute ſich der friſchen Quellen, welche Philoſophie und Politik eröffneten. Man⸗ behandelte die neuen Themata, wie man die alten behan⸗ delt hatte; ſie wurden nicht erörtert, man plauderte über ſie in dem Konverſationston, der, an den Dingen leiſe anſtreifend, hierhin und dahin ſpringt. Als große Ereig⸗ niſſe eintraten, die Notabeln berufen wurden und große Redner zündende Blitze in das Volk ſchleuderten, nahmen die Frauen mit der Erregbarkeit ihres Geſchlechts Partei, und die Politik wurde zur ausſchließenden Mode. Statt zum neuen Ballet und zur Oper gingen die Damen in die Sitzungen der Stände und bezahlten für eine Ein⸗ trittskarte gern einen Thaler. Die ruhigeren ſuchten blos dem kühnen Gedankenfluge der Abgeordneten und Zeitungs⸗ ſchreiber zu folgen und wählten ſich einen politiſchen Hel⸗ den, dem ſie Beifall klatſchten und in den ſie ſich verlieb⸗


