Jahrgang 
1864
Seite
345
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Pariſer Humoresken. Nach dem Franzöſiſchen von Léon Grellepois.

XXV. Das Diner der Leute.

Das Gedeck der Leute des Herrn Herzogs von Grian⸗ court iſt in dem Domeſtikenzimmer, welches ſich im untern Erdgeſchoſſe des herrſchaftlichen Hötels befindet, her⸗ gerichtet

Jean(Kutſcher).Sind wir Alle beiſammen, Küchen⸗Chef?

Der Chef.Noch nicht, wir warten auf die Damen.

Gervais.Ah! da iſt Mademoiſelle Silvie. Wir können uns zu Tiſche ſetzen. Mutter Claude wird kommen, wann ſie wollen wird..

Mademoiſelle Sylvie.Ein wenig Luft, Herr Conturier; bei Ihnen riecht es zu ſehr nach Küche.

Der Chef.Hören Sie einmal, das riecht ſo nach ſeiner Art. Soll ich Ihnen Suppe offeriren?

Ich danke, ich werde ſie mir verſagen.

Jean(ſeinen Teller reichend).So wie meine Pferde ihren Metzen Hafer brauchen, ſo braucht ihr Wärter ſeinen Metzen Suppe; fürchten Sie nicht, daß ich heute noch ein⸗ mal komme, Madame fährt heute Abend aus, und ich muß ſie ſechs Stunden lang auf meinem Sitze er⸗ warten.

Der Chef.Wir haben Alle unſere Leiden; ſo ich, den die Kohle umbringt.

Gervais.Mich das Zimmerwichſen.

Sylvie.Und mich der Spleen.

Der Chef.Wie, das hübſcheſte Frauenzimmer des Stadtviertels langweilt ſich? Gewiß iſt es nicht aus Mangel deſſen, daß man Ihnen nicht die Cour macht.

Shlvie.Ich fühle mich nicht an meinem richtigen

Platze im Dienſte der Andern.

Madame Claude(ankommend).Das iſt noch nicht ein Grund, um mir meinen Platz bei Tiſche zu nehmen.

Sylvie.Oh! mein Gott! ich will ihn Ihnen wie⸗ dergeben Ihren Platz; zu meinem Eſſen brauche ich ohne⸗ dies ſehr wenig.

Der Chef.Es iſt wahr, daß Sie das Eſſen nicht mißbrauchen. Auch hat man eine hübſche Taille.

Mad. Claude.Mit einem Mieder hat Jedermann eine hübſche Taille.

Sylvie.Sie tragen alſo nie eins, Madame Claude?

Mad. Claude(ſtolz).Ich brauche auch kein's, Mademoiſelle.

Das iſt wahr, in Ihrem Alter und bei Ihrer Mager⸗ keit wäre dies ganz und gar unnütz.

Mad. Claude(höhniſch).Das iſt kein Grund; die Baumwolle wächſt für Jedermann; Sie wiſſen davon etwas zu erzählen. 3

Sylvie(empört).Welche Infamie! Ob man ſagen kann! Ich, welche die Kleider der Madame nicht anzlohen kann der Schultern wegen; ich bin im obern Leib um vier Centimeter ſtärker als ſie.

Der Chef.Nun, nun, Friede. Ein wenig Fiſch, Mademoiſelle Sylvie?

Sylvie.Ich danke, ich eſſe nicht gern Hecht.

Jean.Ich werde Sie um Ihren Antheil bitten; ich fühle das Bedürfniß, meinem Magen viel zu annektiren.

Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

... Feuilleton.

Gervais.Er pflegt ſich, der Kutſcher.

Jean(lachend).Ich warte meine Pferde gut, wa⸗ rum würde ich mich nicht warten? Immer an der Luft, das macht hohl. Wo geht denn die Madame heute Abend hin, Mademoiſelle Sylvie?

Sylvie.Zuerſt in die italieniſche Oper, dann auf die engliſche Geſandtſchaft, dann zur Gräfin von Branteuil, und endlich zu Mad. d' Alvaredo. 4

Jean.Teufel! wenn ich morgen um ſechs Uhr zu Hauſe bin, ſo habe ich Glück.

Sylvie.Vielleicht; die Madame iſt ſehr ſchlecht aufgelegt.

Der Chef.So? was hat ſie denn?

Große Verdrießlichkeiten.

Weiß man warum? 4

Ich weiß es, ich.

Erzählen Sie uns das, wenn es intereſſant iſt, aber wäſſern Sie es nicht, ich liebe blos die reinen Geſchichten.

Mad. Claude.Ich bitte die Mademoiſelle Sylvie, nicht zu vergeſſen, daß ich da bin.

Sylvie.Ich antworte nicht auf Impertinenzen.

Der Chef.Die Geſchichte, die Geſchichte.

Sylvie.Da iſt ſie. Wenn Herr von Champmonwbille Abends kommen ſoll und daß Madame davon benach⸗ richtigt iſt, ſo hat ſie die Gewohnheit, ihre Thüre ver⸗ bieten zu laſſen.

Mad. Claude.Welche Unanſtändigkeit!

Sylvie.Da die Madame die Tugend ſelbſt iſt, ſo iſt dieſer Ausruf höchſt hinterliſtig.

Der Chef.Ein wenig Haſenbrühe, Mademoiſelle Sylvie; das wird Ihnen Kräfte geben, weiter zu erzählen.

Sylvie.Nein, ich werde blos ein Biskuit nehmen; ich leide zu ſehr an meinem Nervenſchmerz. Da nun Madame die Viſite des Vikomte nicht erwartete, hatte ſie Herrn von Fleurange empfangen, einen Geſandtſchafts⸗ Attaché, ſchön wie der Tag. Ich muß Ihnen ſagen, daß ich in dem Zimmer der Madame arbeitete, und da die Thüre des kleinen Boudoirs nicht zugemacht werden konnte, ſo hörte und ſah ich Alles.

Jean.Das iſt ein Glück! Das iſt eine gut abge⸗ richtete Thüre..

Shlvie.Als Herr von Champmonville den Attaché bemerkt, runzelt er die Augenbrauen und nimmt nicht die Hand, welche die Madame ihm reichte. Madame er⸗ röthet, und ſetzt ihr Geſpräch mit dem ſchönen jungen Manne fort. Der Vikomte ſagte nichts und war wüthend wie ein Teufel in einem Weihkeſſel. Er ließ es ſeinen Handſchuhen, ſeinem Hutfutter entgelten; aber er mochte thun was er wollte, man kümmerte ſich nicht um ihn. Nach einer Viertelſtunde erhebt ſich Herr von Fleurange, um ſich zu verabſchieden. Madame hält ihn zurück; er ſetzt ſich wieder und da plaudern ſie nochmals um deſto beſſer. Der große Eiferſüchtige, er, zerfetzt alles, was er nur zer⸗ reißen konnte, ohne jedoch Lärm zu machen und wie ein wohlerzogener Menſch, immer ohne ein Wort zu ſagen. Ich zerbiß mir faſt die Lippen, um nicht zu lachen, als

ich ihn ſo Charpie zupfen ſah. Madame, gut wie ſie

immer iſt, verſucht nochmals, ein oder zwei Worte aus ihm herauszubekommen; ja, nein, das iſt alles, was er antwortet. Oh! dann ſetzt auch die Madame ihren Kopf auf und dreht ihm gehörig den Rücken zu.

Der Chef.Das war gut gemacht.

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