Jahrgang 
1864
Seite
344
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Hildebrand: Niederländiſche Charaktere.

Haſt ſchon was gifangen, Arie? fragt der Bauer. Die Bauern nennen es fangen.

Zwei, Krelisohm, zwei; hab ſe ſo lang bei Sy⸗ men rein gelegt.

Nu, bemerkt die Frau,ich glaub, Arie hat ſchon ne Menge gekriegt.

Wollt ſe wohl mal beiſammen ſehn, ſagt der Jäger. Jäger haben immer Heimweh nach dem Thale Joſaphat des von ihnen todtgeſchoſſenen Wildes.

Seht Ihr hier wohl welche? fragt er weiter.

Ich merk ſe eben nich, ſagt Krelis,aber mein Piet hier, der ſieht ſe ſtark.

Geſtern Abends, läßt ſich Piet, ein aufſchießen⸗ der Knabe, vernehmen, der Aelteſte von Krelisohm, der, deutlich einen Wunſch in den Augen, bald den Jäger bald deſſen Weidtaſche und Gewehr angeſehen hat; geſtern Abends ging noch einer zwiſchen mainen Bai⸗ nen durch. Ein dicker, hörſt!

Darf dir Junge mal mit laufen, fragt Arie,

Krelisohm? 7Nu ja, antwortet dieſer,'s wird wohl gehn.

Piet verſchluckt ſich an ſeiner letzten Roggenbrod⸗ rinde mit Käſe. Ein zähes Rohr wird aus der Dreſch⸗ tenne geholt und Springſtock wie Springſtockträger ſind improviſirt.

Auf dieſe Weiſe entſteht der Springſtockträger; aber niemals auf der Welt war ein Geſchöpf für ſein Daſein dankbarer; kein begünſtigter Sklave hing je⸗ mals treuer an ſeinem Herrn als der Springſtockträger an dem Jäger. Er verläßt ſeine Seite nicht. Er ſpringt dem Jäger über alle Gräben voran und klettert über hundert Dämme nach, er geht mit ihm in ermüdenden Zickzacklinien über das Jagdfeld; er ſteht, wenn der Hund ſteht, und apportirt, wenn der Hund apportirt. Spricht der Jäger, ſo hängt er an ſeinen Lippen, von dem un⸗ begrenzteſten Glauben beſeelt. Und doch ſind die Proben, auf die er geſtellt wird, nicht eben leicht. Es gibt keine größeren Lügner als Schlittſchuhläufer und Jäger, pflegt man zu ſagen. Aber was für Wundergeſchichten dieſe Letzteren auch auftiſchen fnögen, von ſechs Haſen, die auf einmal geſchoſſen wurden, von zwei Waſſerſchnepfen, die im Dunkeln auf einen Schuß fielen, von Haſen, die auf einem Läufer noch eine Strecke weit liefen, von anderen, die mit ausgeſchoſſenen Augen auf den Hund zuſprangen, von Hühnern, die ſich rundum drehten, nie⸗ derfielen, wieder aufflogen, ſich nochmals drehten und zum zweiten Male niederfielen, von Adlern, die ſich auf den Hund ſetzten, und Rohrdommeln, die mit dem Lade⸗ ſtock fortflogen; keine dieſer großen Begebenheiten wird der Springſtockträger je in Zweifel ziehen. Der Jäger im Allgemeinen iſt ſein Orakel, ſein Abgott, es fällt ihm gar nicht ein, daß bei des Mannes Erzählungen von Ausſchmückung oder Vergrößerung die Rede ſein könnte. Im Beſonderen iſt aber der Jäger, mit dem er eben jagt, der größte aller Jäger, der Nimrod Nimro⸗ dorum. Ja, wenn ſelbſt etwas vergrößert werden muß, ſo iſt er der Erſte, der dem Jäger dieſe Mühe erſpart, indem er ihm alle die Erzählungen, deren er ſich von ihm erinnert, in's Gedächtniß zurückruft und ſich nochmals

mittheilen läßt. Trifft der Jäger, ſo hat der Stockträger, der nur etwas Feuer und Rauch ſah, bemerkt, wie ſich der Haſe drei Mal überkugelte; blieb der Haſe unver⸗ ſehrt, ſo hat er das Fell in Flocken wegſtieben ſehen. Geſchieht es ja einmal, Jäger und Stockträger ſchwö⸗ ren, es geſchähe niemals, aber es könnte doch ein einzelnes Mal, nach einer unglücklichen Jagd möglich ſein, wenn Schnee in der Luft und das Ende der Jagd⸗ zeit nahe iſt, daß ein Haſe... mitgenommen werden müßte, der auf der Grenzſcheide einer Privatjagd liegt, . nun, um endlich denn doch mit dem verhaßten Worte herauszukommen, der im Lager geſchoſſen werden muß, obgleich genau genommen Stock und Stockträger da ſind, die ihn können aufſpringen machen. Dann gehts Puff! die Löffel haben ſich nicht über das Gras erhoben, und er liegt ſchon im Verenden.

Grad' wie er aufſprang, ſagt der Jäger.

Warft ſchnell dr'bei, ſagt der Stockträger,faſt wär er Dir z ſchnell g'weſt.

Ein Andrer hätt ihn im Lager g'ſchoſſen! fährt der Jäger fort.

Glaub's ſelbſt, entgegnet der Andere,er wollt juſt grad über's Dykchen wippen, als Dun kriegtſt.

Der Stockträger ſpricht weder aus Höflichkeit, noch um zu ſchmeicheln ſo, er thut es aus voller Ueberzeugung.

n ſchöner Hafe, ſagt der Jäger, indem er den armen Schelm durch einen Schlag in's Genick abfängt. n' ſchöner Rammler.

n ſchöner Rammler, wiederholt ſein Echo.

Sagt ich's Dir nich, daß hier einer aufſpringen würd? erinnert der Jäger.

's is auch wahr, antwortet ſein Begleiter, ob⸗ gleich der Jäger die Worte nicht über ſeine Lippen hat kommen laſſen.

Sahſt's am Hunde, wie?

Nein! ſagt der Jäger, der, wohl gemerkt, den venatoriſchen Muthmaßungen des Springſtockträgers niemals zuſtimmt;das nich.

Haſt'n denn im Schlamm merkt, beim Domme?

Auh nich! erwiedert der Jäger mit großer Weis⸗

aber da war ja eben'ne Häſin aufg'ſprungen. War das en Häſin, Arie, die De fehltſt? Fehltſt? fragt der Jäger mit Entrüſtung.Er hat Schrot g'nug kriegt; wirſt en morgen ſchon finden... Und der Springſtockträger iſt am anderen Mor⸗ gen auf dem Felde, um den an ſeinen Wunden Geſtor⸗ benen zu ſuchen; findet er ihn aber nicht, dann müſſen vor ihm Wilddiebe dageweſen ſein, die ihn weg⸗ genommen haben; oder ein wildes Thier hat ihn zerriſ⸗ ſen; oder mitleidige Genoſſen, die ihn in ſeinem Schweiß (will ſagen Blut) ſich wälzend fanden, haben ihn auf ihren Rücken bis zum nächſten Entenfang getragen, wo er, unter dem Schutze des Fangrechtes, ruhig ſeinen Athem an dem rauhen Rande eines kühlen Grabens hat aushauchen können, feſt überzeugt, daß es ihm nicht an Schrot gemangelt hat.

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