Jahrgang 
1864
Seite
343
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Hildebrand: Niederländiſche Charaktere. 343

ſind alle Pfoſten und Verkleidungen, an denen glän⸗ zendes Kupfergeräth hängt. Der Fußboden iſt mit Sand beſtreut, in den man Muſter gekehrt hat; Du könnteſt in Deinem beſten Rocke darauf ſitzen. Und dennoch ſind dies dieſelben Plätze, auf denen im Winter das Vieh ſteht. Aus der Goſſe, die lang daran hinläuft, würdeſt Du Dich nicht ekeln Milch zu trinken. Aber ſieh nun den Käſezuber, die Preſſe, die Butten, die Tü⸗ cher, die Maße, in denen der Käſe ſein Salz und ſeine Form erhält, Alles iſt gleich reinlich und appetitlich an⸗ zuſehen. Das Holz iſt vom Scheuern rauh und das Kupfer glatt. Und Gnes mag ſelbſt vor Deinen Augen, mit ihrem bloßen, vollen Arm in dem Milchzuber rüh⸗ ren, in den ſie die geronnene Milch gegoſſen hat, der Käſe wird Dir darum nicht weniger anſtehen. (Es iſt wohl ein Unterſchied zwiſchen einer Bäuerin und einer Köchin auf dem Dampfſchiffe!) Das Ein⸗ zige, was ſchmutzig iſt, ſind die kleinen Kinder, aber ſie wälzen ſich auch den ganzen Tag mit den kleinen Hun⸗ den auf dem Sande des Quai's. Im Hauſe iſt keines⸗ wegs ihr Grundgebiet, ſie kommen nur zum Schlafen und Eſſen hinein. Am wenigſten aber in den Theil der Wohnung, in dem der Käſe bereitet wird. Da iſt die Bäuerin ganz allein. Wenn aber die Milch in's Haus kommt, erwachen in verſchiedenen Ecken der Meierei ein Cyperkater, eine weiße Katze, eine ſchwarze und eine rothbunte Mietze aus ihrem Schlummer, und ſchlei⸗ chen gähnend und ſich reckend an die Eimer heran, er⸗ heben ſich auf ihre Hinterpfoten, wie die gelehrten Kir⸗ meßhunde um eine Trommel, um, reinlich wie ſie ſind, mit ihren ſauberen Zungen den ihnen zukommenden Theil der Milch abzuſahnen, und darauf wieder ihre ſüßen Träume auf der Platte, oder auf einem warmen Stoof) fortzuſetzen, oder auch auf dem Fenſterbrette, das von der Sonne beſchienen wird.

Gnes iſt gutmüthiger, geſprächiger, etwas weni⸗ ger eigenſinnig und vorurtheilsvoll als ihr Mann, mit dem ſie niemals zankt, als nur dann, wenn er nicht den höchſten Preis für den Käſe bekommen hat, den ihre zarten Hände bereitet haben. In ihren jungen Jahren war ſie ſehr laut und lärmend, wenn ſie einmal luſtig wurde, aber ſpäter würde man ihr das nicht nachſagen können. Sie hatte viele Anbeter, mit denen ſie nach Landsgebrauch, abwechſelnd Kirmeß hielt, ohne ihre Wahl beſtimmen zu wollen, und ohne daß es im Ge ringſten zu Folgerungen geführt hätte. Ihr Ehemann hat ſie ein wenig durch Ueberraſchung gewonnen. Sie bezeugt einen Mann an ihm zu haben, und würde ihn nicht gern verlieren. Und an dieſer Wahrheit dürft Ihr nicht zweifeln, ſelbſt wenn Ihr hört, daß ſie ſchon ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes Dries mit ihrem Knechte verheiratet iſt, einem jungen Burſchen, den ſie nie darauf angeſehen hat, und der mit ihrem älteſten

*) Stoof, ein Feuerſtübchen, das überall in vielen Exem⸗ plaren vorhanden iſt und meiſt aus einem vierecki⸗ gen Holzkaſten beſteht, in deſſen einer offener Seite ein irdenes Gefäß mit glimmendem Torf geſchoben wird, der durch fünf Löcher im oberſten Brette ſeine Wärme ausſtrömt.

Sohne beinah in einem Alter iſt nicht weil ſie durch⸗ aus einen Mann haben muß, ſondern weil das Gut einen Bauer haben muß.

Die Art, wie Dries Riek um ſeine Gnes freite und ſie heiratete, iſt eine rechte Probe nordholländiſcher Sitten, und lautet, aus ſeinem eigenen Munde aufge⸗ ſchrieben, folgendermaßen:Dienſtag ang'fragt, Frei⸗ tag verkündigt.*) De wirſt ſagen, wie ſo eilig? Aber wir warn unſrer drei, junge Burſchen, leed'ge Gſſellen, und wir hatten uns enander de Hand drauf geben: wer zletzt heiratete, ſollt das G'lach bezahlen. Nu, der Eine von uns war ſchon fort mit den Franzoſen, weißt du; von dem habin wir nie wieder g'hört. Wird wohl von de Kuſaken todtg'ſchoſſen ſein, denk ich. Aber Sonnabend hör ich, mein Bruder wollt Hochzeit machen, und der war eigentlich der dritte Mann, verſtehſt de? Da denk ich, Jungens!'s Gelach bezahlen und kain Waib habi, nain, das geht nich. Nu, Sonntags ging ich drauf aus, hörſt? aber ich wurde g'ſtört. Als ich hin kam, war Gſſellſchaft da, das konnt ich gleich hör'n, weißt de, draußen vor der Thür. Ich dacht, nain, da paß ich nich hin. Aber Dienſtag da fand ich kaine, und da kriegt ichs fertig. Se kannt mich ſchon gut, aber denn doch, das hat ſe nich g'dacht. Und ſo macht ich denn Hochzeit, grad denſelben Tag wie main Bruder, hörſt Junge Ach Herr: de Waißköpfe(damit bezeich⸗ nete er das ſchöne Geſchlecht) zu beſchwatzen, koſtet kainen Deut. Hab aber immer en gut Waib dran g'habt. Und käſen!'s kann's kaine beſſer.

3. Der Zäger und der Polsträger**).

Guten Morgen! ſagt der Jäger und ſteckt ſein grün bemütztes Haupt durch die Thürſpalte der Woh⸗ nung, in der Bauer und Bäuerin mit acht oder neun Kindern, zwei Knechten und einer Magd beim Früh⸗ ſtück ſitzen.

Guten Morgen, Arie! ruft der Bauer, während die Schwarzbrodkrümel, die ihm bei dieſer Begrüßung aus dem vollen Munde fallen, von dem Jagdhunde aufgeſchnüffelt werden.Mal anſtecken? Zwölf Blättchens! ſagt der Jäger, ſich auf das Stallgitter niederſetzend und ein Pfeiſchen aus ſeiner Mütze neh⸗ mend, während er die Flinte zwiſchen den Beinen hält, von der die Bäuerin die Augen nicht abwenden kann. Steht in Ruhe, Mutter!Nu ja, Arie,'s is gut, aber nen Menſch is doch immer grauslich davor!

*) Aangeteeknet(angezeichnet). Drei Tage vor der Hochzeit wird aangeteeknet; von da an heißen die zu verheiratenden Leute erſt Braut und Bräutigam. Sie ſelbſt ſind mit ihren Angehörigen in großem Putz im geſchmückten, blumenverzierten Hauſe und empfangen Beſuche, Glückwünſche und Hochzeitge⸗ ſchenke. 8

Pols iſt ein langer Stab, der auf die Erde geſtemmt wird und an dem man ſich dann über die Gräben ſchwingt, die Wieſen und Weideland unaufhörlich durchſchneiden. 3

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