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Hildebrand: Niederländiſche Charaktere.
Schon ſeit dem Moment ſeines Gewinnes war B. für alle ſeine Bekannten ein Räthſel geworden. An⸗ ſtatt die ausgelaſſene Fröhlichkeit ſeiner Freunde zu theilen, verharrte er ſchweigend, ernſt und in ſich gekehrt; ja, es ſchien eine tiefe Melancholie ſich ſeiner bemächtigt zu haben.
Zu Hauſe angekommen, ſtürzte er in das Zimmer ſeines Principals.„Herr L.“, rief er außer Athem,„ bringe ich Ihnen Ihr Eigenthum; es ſind 560.000 Piaſter, die ich mit Ihrem Gelde gewonnen habe.“
Die Reihe des Erſtaunens war nun an Herrn L., bis ihm B. auseinandergeſetzt hatte, wie er dieſen Morgen, ſeiner Erlaubniß gemäß, aus der Kaſſe einen Sack genommen habe, der nach ſeiner Meinung 1000 Piaſter enthielt. Erſt nach gemachtem Gewinn habe er bei Eröffnung des Sackes zu ſeinem Schrecken wahr⸗ genommen, daß er 1000 Unzen Gold ſtatt 1000 Thlr. genommen habe.„So wenig wie ich im Stande ge⸗ weſen wäre, Ihnen den erlittenen Verluſt zu erſetzen, ebenſo wenig darf ich den gemachten Gewinn behalten.“
Gerührt von der Rechtſchaffenheit des jungen Mannes, ſchloß ihn L. in ſeine Arme.
Drei Tage ſpäter wurden in der Hauptſtadt zwei Cirkulare verbreitet. Das erſte theilte der kaufmänniſchen Welt mit, daß Herr B. in das alte Haus L. als Kom⸗ pagnon eingetreten ſei, und die Firma fortan„L. u. B.“ heiße. Das zweite ſetzte Freunde und Bekannte von der ſtattgehabten Verlobung des Fräulein L. mit Herrn B. in Kenntniß, und lud dieſelben zur Hoch⸗ zeit ein.
Niederländiſche Charaktere. Aus der Camera obſcura von Hildebrand. 2
Die nordholländiſche Bäuerin.
ſ nes Riek iſt eine flinke Frau, groß, ſtark und ji* T gut gebaut. Ihr Geſicht ſtrahlt in dem friſchen dun und dem glänzenden Weiß, das den weſt⸗ frieſiſchen Frauen eigen iſt, und ſo hell gegen 8 die Schnur Blutkorallen ihres Sonntagsſtaates „obſticht“, die ſo groß wie Knippkügelchen ſind.
Ich verſichere Euch, ſie verlaſſen ſich nicht allein auf dieſen Schmuck, und Gnes am allerwenigſten. Jeder findet, daß ihr die Kappe gut ſteht, auf der glatten ho⸗ hen Stirne, zu dem kleinen graden Näschen, der gerö⸗ theten Wange, den großen blauen Augen, dem weichen runden Kinne und dem weißen Halſe! Der einzige Mangel ihrer Schönheit, den ſie mit den meiſten Nord⸗ holländerinnen gemein hat, iſt ihr Gebiß, das durch ſüßen Kuchen und unendlich viel ſchwachen Kaffee ver⸗ dorben iſt. Ihr fragt, von welcher Farbe ihr Haar ſei? Das weiß Niemand. Es iſt bis auf die Wurzel abge⸗ ſchoren, auch nicht ein Löckchen kommt zum Vorſchein, denn das Haar wird nur für einen unwürdigen Schmuck
hier
gerechnet, wo man eine goldene Nadel über der Stirn,
ein goldenes Blech(man verzeihe den Widerſpruch des Ausdrucks) über den Ohren, ein paar goldene Spangen an den Schläfen und außerdem noch ein paar goldene Nadeln trägt, und dabei zuletzt Gefahr liefe, daß die Kappe, die ſchöne, lichte, ſchneeweiße, ſorgfältig geplät⸗ tete Kappe nicht glatt ſäße. Aber was guckt da für ein ſchweres Bündelchen unter den goldenen Spangen her⸗ vor? Es iſt eine Kleinigkeit falſchen Haares, unbeſchei⸗ dener Fragerl das dort zur Entſchuldigung für das Abſcheren des eigenen Haares angebracht iſt, oder viel⸗ mehr um den wiſſenſchaftlichen Beweis zu liefern, daß die nordholländiſche Bäuerin ſo gut wie jede Andere, die Papillotten eindreht, friſirt und brennt, weiß, daß zu dem Theile des menſchlichen Körpers, den man Kopf nennt, auch Haare gehören. Alle Bäuerinnen tragen dieſe kleine Tour, die aus einem nach innen gedrehten Löckchen ſchwarzen Haares beſteht, das den Schwanz in das Maul ſteckt. Blond wird von Allen verabſcheut. Habt Ihr jetzt alle Einzelheiten ihres äußeren Men⸗ ſchen gehörig betrachtet, ſo wendet Euch nun zur Er⸗ forſchung ihres inneren Werthes.
Da ſteht ſie, die in der Werthſchätzung des Dries Riek, ihres vielgeliebten Ehegatten, am höchſten nach ſeinem Vieh ſteht. Ich ſage nach ſeinem Vieh. Denn ſterben die Kühe, ſo koſtet der Ankauf der neuen Geld; eine Frau aber kann man umſonſt wiederfinden und vielleicht bringt ſie ſogar„een stuivertjen meé.“ Vielleicht iſt ſie auch keine ſo gute Käſerin, aber der Menſch muß nun ſchon einmal etwas wagen,— in den Kühen kann man auch nicht ſtecken! Es kann gut, es kann aber auch ſchlecht ausfallen; das iſt nun eben Schickſal.:
Die Beſtimmung der nordholländiſchen Bäuerin als ſolcher iſt käſen, käſen, immer käſen; und beſtändig ſorgen, daß die Milch, die Morgens und Abends nach der Melkzeit hereingebracht wird, nicht anders wieder zur Thüre hinausgehe, als in der Geſtalt von gutem, ge⸗ ſundem und nicht aufſpringendem Käſe. Und das macht ihr alle Tage ſo viel Arbeit, daß man nicht begreift, wie ſie noch Zeit finden kann, Kinder zu bekommen. Dennoch bekommt ſie deren eine große Menge. Aber kaum ha⸗ ben drei Tage lang die Nachbarn„das Püppchen“ (das Neugeborne) beſehen und in ſeiner bewunderten Gegenwart die gehörige Anzahl„Zuckerſtückchen“(Zwie⸗ back mit Zucker) gegeſſen, ſo verläßt ſie auch ſchon wie⸗ der die Wochenſtube und begibt ſich augenblicklich an das Käſefaß.
Wer eine Reinlichkeit ſehen will, die dem Her⸗ zen wohl thut, der muß in ihre Bauernwirthſchaft kom⸗ men. Hier iſt nicht die Zaandam'ſche und Broek⸗in⸗Wa⸗ terland'ſche Kleingeiſterei, die auf Socken ſchleicht und alle Möbel und Hausrath ſchont, reibend, putzend, glät⸗ tend, was ſie nicht zu gebrauchen wagt; ſondern die lichte Reinlichkeit, die immer wäſcht, Alles mitten im vielfältigſten, unaufhörlichſten Gebrauche ſchön, blin⸗ kend und glänzend macht. Sieh dieſe lange Reihe klei⸗ ner Verſchläge in halber Manneshöhe, die ſich faſt durch die ganze Länge der Meierei hinzieht, wie ſchneeweiß


