Jahrgang 
1864
Seite
341
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Mexikaniſche Feſte. 341

ſich beim Grauen das erſten Feſttags die Straße nach San Aguſtin mit Flüchtigen in Equipagen, Eilwagen, Droſchken, Omnibuſſen und Karren, auf Maulthieren und Eſeln, zu Fuß und zu Roß; dennSan Aguſtin! war ſeit acht Tagen die Loſung aller Stände, und Pfingſten ſeit langem der Augenblick, dem die Bewohner

dieſes Städtchens mit der Sehnſucht entgegenſahen, mit

welcher die hungrige Bevölkerung Syriens die Ankunft der Wachteln erwartet. Während aber in Mexiko der eine ſeine Pretioſen, der andere einen Theil ſeines Haus⸗ rathes, ſelbſt Betten und Kleidungsſtücke dem Pfand⸗

haus, den Juden oder den Trödlern zuträgt, ändert ſich

zu gleicher Zeit San Aguſtins ganze Bevölkerung bis zur Unkenntlichkeit: Hütten, Zelte und Buden wachſen wie Pilze aus dem Boden und bedecken Plätze und Straßen der Stadt, die zu klein iſt, ſie alle zu faſſen; jedes Haus iſt zum Gaſthof, zur Reſtauration oder zum Kaffeehaus geworden; unter jedem Dache, vom reichſten bis zum ärmſten, ſteht eine Spielbank vorbereitet, denn Fortuna iſt die Göttin, der in dieſen Tagen einzig und ausſchließlich Opfer gebracht werden. Ueberall iſt ihr Altar aufgeſchlagen, und Karten und Würfel fordern die Spenden des Reichen wie des Armen. Das nationale Monte, ein unſerm deutſchen Landsknecht ähnliches Spiel, Roulette, Rouge-et-noir, Trente-et-quarante, alle Karten⸗ und Würfelſpiele der Welt ſind als Räder in Betrieb geſetzt, eine totale Veränderung im Niveau des Kaſſenbeſtandes der anweſenden Gäſte zu bewirken. In den eleganten Salons der vornehmen Welt verſehen die reichſten Bankiers der Hauptſtadt durch ihre Stell⸗ vertreter den Dienſt der Göttin, und der Lepero, dem es nicht möglich war, auch nur eine elende Bretterbude zu pachten, hat an einem in den Boden getriebenen Pfahl einen aufgeſpannten Regenſchirm befeſtigt, und in ſeine zerlumpte Serape gehüllt, ſchlägt er ſtolz die Karten um, oder läßt die Würfel rollen über einem auf vier Steinen ruhenden Brett.

In dieſen Tagen leiſtet Fortuna Wunder. Große Gewinne und große Verluſte folgen Schlag auf Schlag. Wenn aber der Leſer, der die Spielhöllen von Homburg und Baden⸗Baden aus eigener Anſchauung kennt, glaubt, in San Aguſtin ähnliche Anblicke der Verzweiflung zu finden, ſo irrt er. Der Mexikaner iſt zwar der leiden⸗ ſchaftlichſte und verwegenſte Spieler der Welt, allein man muß ihm nachſagen, daß er das Unglück, wenn es ihn erreicht, mit bewunderungswürdiger Ruhe und ritterlichem Anſtand trägt, daß er ein heiteres Ange⸗ ſicht zu zeigen weiß, auch wenn das Wehe ſein Herz zerfleiſcht.

Nur die Frauen huldigen einer andern Göttin, und während die Männer die Spieltiſche umſtehen, finden ſie ihr Vergnügen darin, die Toilette des Tages fünf⸗ mal zu wechſeln, bis der Ball, der gegen Abend ſtatt⸗ findet, beide Geſchlechter zuſ ſammenführt, und die Eleganz und Pracht der Damen die Empfindungen der Männer über Gewinn und Verluſt übertäubt.

In den meiſten Fällen machen die Bankhalter glänzende Geſchäfte; doch bleibt in ſeltenen Fällen das Glück auch dem Spieler treu. Von dieſen will ich einen

Fall wiedererzählen, wie ich ihn aus dem Munde von Augenzeugen vernommen habe.

Am Morgen des erſten Pfingſttages der vierziger Jahre trat der erſte Kommis des damals ſchon bedeu⸗ tenden deutſchen Hauſes L. deſſen Namen ich ver⸗ ſchweige, da ich fürchte, es möchte dem jetzigen Chef der geachteten Firma nicht angenehm ſein, ihn zu nennen zu ſeinem Principal, der eben im Begriff war ſich an⸗ zukleiden, mit der Bitte, ihm auf ſein rückſtändiges Ge halt eine Fanega, d. i. eine Summe von 1000 Peſos, auszahlen zu laſſen.

Sehr gern, lieber B., erwiederte der Principal, nur bitte ich Sie, ſich das Geld ſelbſt zu holen, da der Kaſſirer nicht anweſend iſt. Hier ſind die Schlüſſel zur Kaſſe, in welcher Sie Säcke mit abgezählten Piaſtern finden.

Der junge Mann that wie ihm geheißen, und war kurze Zeit darauf mit ſeinem Gelde in San Aguſtin angekommen, wo er ſich das eleganteſte unter den Spiel⸗ häuſern auserſah. Er trat an eine Bank, wo Roulette geſpielt und am höchſten pointirt wurde.

Halten Sie meinen Satz auf Nr. 33 fragte er den Bankhalter, ihn ſcharf fixirend und den ge⸗ ſchloſſenen Geldſack auf den grünnen Teppich ſetzend.

Con muchisimo gusto, Caballero(mit dem größten Vergnügungen), erwiederte der Bankhalter, ohne daß er genau wiſſen konnte, was der Sack enthielt; aber ein Mexikaner würde ſich ſchämen, eine Wette zu⸗ rückzuweiſen.

Die Roulette wird gedreht und Nr. 33 hat ge⸗ wonnen. Eine leichte Bläſſe überzieht das Antlitz des Bankhalters, denn er glaubte, wie alle Umſtehenden, nicht anders, als daß der Sack des jungen B. eine Fanega enthalte, und da der Satz auf dieſe Nummer fünfunddreißigfach bezahlt werden mußte, ſo war dies keine kleine Summe. Um jedoch zu kontroliren, öffnet man den Sack; aber wer beſchreibt den Schreck des Bankhalters und das Erſtaunen aller Anweſenden, als man ſah, daß derſelbe nur Gold enthielt, und zwar ſtatt 1000 Thlr. in Silber 1000 Unzen in Gold, alſo im Ganzen 16000 Piaſter. Ein wahrer Sturm erhob ſich im Publikum. Der Erſtaunteſte aber von allen war der junge B. ſelbſt, der vor Entſetzten nicht ſprechen konnte. Der Bankier erklärte, ſolch' eine fabelhafte Summe nicht auszahlen zu können; allein, wie immer bei ſolchen Gelegenheiten, nahm das Publikum Partei gegen ihn. Man brachte an den Tag, daß nicht er der Eigenthümer der Bank war, ſondern ein reiches mexika⸗ niſches Haus die Fonds dazu geliefert hatte und folglich auch für die Verluſte ſeines Agenten verbindlich war. Nach langen tumultuariſchen Auftritten, welche die ganze Stadt herbeigezogen hatten, wurde durch eine Art Volksjuſtiz die betreffende Bank verurtheilt, dem Herrn B. die von ihm rechtlich gewonnene Summe von 560.000 Peſos auszuzahlen. Soweit der Vorrath reichte, wurde das Geld baar erlegt und für den Reſt Schuldverſchrei⸗ bungen ausgeſtellt. Reich beladen, und von einer großen Schar von Freunden begleitet, die ſich erboten hatten, ihm als Bedeckung zu dienen, kehrte der junge B. nach Mexgiko zurück.