340 Mexikaniſche Feſte.
Pferde und ritt, gefolgt von der ganzen Suite, dem diplomatiſchen Korps und der Garde zu Pferd, nach dem Amphitheater, welches im Rondeau der Alameda errichtet war. Hier hielt ein ſchöner Mann mit kräftiger, ſonorer Stimme den üblichen Panegyrikus der Revo⸗ lution und ihrer Helden, während eine pomphafte Pro⸗ klamation des Präſidenten an die anweſenden Herren und unter die Truppen vertheilt wurde. Leider konnte ich wenig oder gar nichts von der mit höchſt pathetiſchen Geſten vorgetragenen Rede verſtehen; doch ſagten mir meine Freunde, ſie ſei, wie unter ſo bewandten Um⸗ ſtänden kaum anders zu erwarten, ein Meiſterſtück hochtrabender Gemeinplätze geweſen.
Das Truppendefilé der Linie und Nationalgarde, welches nun ſtattfand, bot zwar einem an ruſſiſche und preußiſche Prunkparaden gewöhnten Auge nur Stoff zu ſtetem Tadel, den ich auch nicht undeutlich in den Zügen meiner Nachbarn, zweier fremder Officiere, zu leſen vermeinte; allein der Anblick der kraftvollen und doch leichten Geſtalten, die leichte und trotz der manchmal ſehr defekten Uniformen ſtolz graziöſe Haltung, beſonders aber die wahrhaft bewundernswerthe Führung ſämmt⸗ licher Berittenen, entſchädigte für den Mangel gedrillter Steifheit und Korporalsaccurateſſe.
Gegen 4 Uhr Nachmittags kehrte ich zur Alameda zurück, da um dieſe Zeit das eigentliche Feſt, ein Bankett der Nationalgarde und Linie und hierauf eine glänzende Illumination des prachtvollen Gartens, ſtattfinden ſollte. In der hohen, ſchattigen Allee de la Piedad waren einfache Tiſche gedeckt, an welchen Officiere und Ge⸗ meine, Linie und Nationalgarde péleméèle ſich nieder⸗ ließen und ſich mit der dem Mexikaner von ſeinen Stammvätern, den Spaniern und Indianern, über⸗ kommenen Grandezza vergnügten.
Eine bei weitem fröhlichere und lärmendere Ge⸗ ſellſchaft hatte in einer Nebenallee Platz genommen; ſie beſtand aus etwa 1500 Kindern der Volksſchule, die auf Koſten des Gemeindeſeckels geſpeiſt wurden, während am Schluſſe des Mahls 500 Anzüge an die ärmeren unter ihnen vertheilt wurden. Der Anſtand und das richtige Maßhalten dieſer Kinder mußte lobend anerkannt werden und bewies, daß ſie ihre Lehrſtunden in der Ur⸗ banidad, welche auf dem Stundenplan keiner, auch nicht der geringſten Indianerſchule fehlt, wohl benutzt hatten.
Kaum brach die Nacht herein, als ſich wie auf einen Zauberſchlag die ganze Stadt in tauſend Lichter der verſchiedenſten Farben kleidete. Die Alameda glich dem Garten eines Feenpalaſtes, und die Hauptſtraßen San⸗Francisko, Plateros, Takuba, San⸗Joſe⸗el⸗Real, der Einpedradillos und die Plaza⸗Mayor boten einen über Beſchreibung prachtvollen Anblick. Längs den Häuſern hingen phantaſtiſche Lampenkordons, welche durch eine Doppelreihe von Privatilluminationslinien noch mehr gehoben wurden. Anſtatt der Reverberen warfen elegante Luſtres farbige Lichter über die Giebel der Paläſte und die Züge der Zuſchauer. Die Douane, das Stadthaus, die Bergſchule und der Nationalpalaſt waren geſchmackvoll illuminirt; doch mögen die Paläſte reicher Privaten ſie weit überboten haben.
Um halb 8 Uhr begannen die großen Feuerwerke. Man hatte mir vorausgeſagt, ſie würden diesmal weit glänzender ausfallen als gewöhnlich; dennoch hatte ich mir nicht zu viel von ihnen verſprochen. Der Mexikaner beſitzt aber für jede Art äußern Geſpränges angeborene Neigung und einen Geſchmack, dem hundertjährige Uebung nachgeholfen hat. Bei ſolchen Gelegenheiten entwickelt er daher eine Virtuoſität und eine Grazie in der Anordnung von Feſtivitäten, welche nur von ſeiner Freigebigkeit erreicht werden. Den Glanzpunkt neben all den hundert kleineren Feuerwerken, die auf den ver⸗ ſchiedenen Plätzen und Kreuzwegen der Stadt abgebrannt wurden, bildete die Illumination der Kathedrale. Die ganze Fagade des herrlichen Baues erſchien zuerſt in bengaliſchem Feuer; geiſterhaft ſtrahlte ſie bald in grellem Diamantlicht, bald in düſterrother Gluth oder in freundlichem Grün in die laue, herrliche Tropennacht, und als plötzlich das ſtarkbeſetzte Militärorcheſter hoch oben auf den Thürmen mit einem reichen Tonſchwall hervorbrach, war der Eindruck wahrhaft entzückend, ſelbſt die zurückhaltenden Indianer konnten ihre laute Freude nicht meiſtern. Jetzt rollten ſich zwei ungeheure In⸗ ſchriften„Libertad“ und„Independencia“ in blen⸗ dendem Licht auf; aus allen Oeffnungen der Thürme ergoß ſich ein ſprühender Feuerregen, und über der großen Uhr entwickeite ſich, aus einer großartigen Gi⸗ randola aufſchießend, eine majeſtätiſche Palme. Zuletzt bildeten ſich aus Feuerrädern zwei rieſige Medaillons mit den flammenden Inſchriften„Hidalgo“ und„1810“.
Nur in New⸗VYork und London habe ich ein ähn⸗ liches Menſchengewühl geſehen wie das, welches jetzt auf's neue der Alameda zuſtrömte. Der ungeheure Raum dieſes Gartens reichte kaum hin, die von allen Seiten zufluthende Menge aufzunehmen. Jeder der Rondpoints war Gegenſtand einer verſchiedenen Orna⸗ mentirung geweſen. Hier war er in einen künſtlichen Garten umgeſchaffen, in welchem wir uns zu köſtlichen Erfriſchungen niederließen; eine koloſſale Büſte Iturbide’s nahm die Mitte desſelben ein und ſtieg hoch empor in die ſchimmernde Nacht, während ein Netz bunter Lampions, welche das Wappen der Republik trugen, ihn mit einem ſtrahlenden Licht umgaben. Dort ſchoß die große Mittel⸗ fontaine ihre flüſſigen Silberwellen unter einem Baldachin bunter Lichter hervor; farbige Ballons ſchaukelten ſich in allen Alleen; Taxusbäume aus Lampen breiteten ein glänzendes Licht über jeden Pfad, und auf dem Raſen hatten ſich zum Klang der Guitarren tanzende Gruppen gebildet, deren fröhliches Lachen überallhin ertönte und die glänzenden poetiſchen Improviſationen des Senor Prieto unterbrach, mit denen er, auf dem Ampitheater des großen Baſſin ſtehend, eine andere Klaſſe von Fröh⸗ lichen unterhielt.
Dieſes republikaniſche Feſt dürften die Mexikaner, wenn es nicht zu einem bloßen Unabhängigkeitsfeſte umgeſtaltet wird, einbüßen. Ihr zweites, ebenſo be⸗ rühmtes Feſt,„Fiestas de San Agustin“ genannt, iſt unantaſtbar.
Als gälte es, dem auf einen Pfingſttag vorher⸗ geſagten Untergange Mexiko's zu entgehen, ſo bedeckt
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