Jahrgang 
1864
Seite
339
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Mexikaniſche Feſte. 339

und erſt Montag Abends zeigte er im Hauſe die bei Death eingetauſchte Kette.

Frau Repſch, bei welcher Müller zu arbeiten pflegte, traf den Angeklagten gleichfalls Montags mit der Kette, die Müller vorgab, gekauft zu haben, Zeugin bemerkte, daß Müller damals andere Beinkleider als am Samſtag vorher trug. Ihr Mann, Herr Repſch, ſtimmt mit den Ausſagen ſeiner Frau bis auf die Angaben wegen der Beinkleider vollkommen überein.

John Haäffa, ein Schneider und Kamerad Müllers, hat mit dem Angeklagten noch um 7 Uhr an dem Abende, wo der Mord geſchah, geſprochen und von Müller ge⸗ hört, daß er jetzt ſeine Geliebte beſuchen wolle. Der Zeuge hat bei Müller vor dem Tage des Verbrechens Gold⸗ und Silbermünzen geſehen welche für eine Reiſe nach Amerika genügen konnten. Um ſo unerklärlicher mußte ihm erſcheinen, daß Müller ſeine Mitwirknug bei Ver⸗ pfändung verſchiedener Effekten in Anſpruch genommen hat.

Der Angeklagte beharrte auf ſeinem Läugnen, und trotzdem ſeine Schuld nicht augenfällig bewieſen erſchien, wurde er dennoch für ſchuldig erklärt und zum Tode ver⸗ urtheilt.

Die Bemühungen der Deutſchen in London, eine Aufſchiebung des Todesurtheiles zu erreichen, blieben er⸗ folglos, Müller wurde am 14. November durch den Strang hingerichtet. Er ging ruhig und gefaßt dem Tode ent⸗ gegen und ſoll in der letzten Minute dem evangeliſchen Pre⸗ diger Dr. Cappel geſtanden haben, daß er der Mörder ſei⸗ Da er einige verſiegelte Schriftſtücke zurückgelaſſen hat, dürfte vielleicht mit Hilfe dieſer noch manches Räthſel⸗ hafte der Ermordung Briggs' aufgeklärt werden.

Mexikaniſche Feſte.

eit Maximilian I., von ſeiner liebenswürdigen Gemalin begleitet, den Fuß auf den alten Bo⸗ den des Aztekenreichs geſetzt hat, iſt für deſſen heutige Bewohner eine Feſtzeit angebrochen. Ob 2, der Jubel ein gemachter iſt, ob er aus dem Herzen N kommt, darüber mögen die franzöſiſchen und die engliſchen Zeitungen ſich ſtreiten. Unläugbar wird in verſchiedenen Landestheilen ſcharf geſchoſſen, während in der Hauptſtadt Schwärmer knallen und Feuerräder ziſchen. Den Vortheil hat der junge Kaiſer für ſich, daß kein Menſch keiner Partei nach der guten alten Zeit ſich zurückſehnt. Alle, die Juariſten wie die Kle⸗ rikalen, haben eine Zukunft im Auge, ein Werdendes, das ihnen Gewalt und Sicherheit im Beſitz derſelben gewähre. Maximilian I. iſt als Gewähr einer neuen Zeit erſchienen, und ſo mag es denn ſein, daß er für ſich findet, was alle die Andern ebenfalls ſuchen. Wir wollen uns der Vergangenheit zuwenden, und zwar ihrer heitern Seite. Ein neues und bedeu⸗ tendes Werk*) bietet uns Veranlaſſung dazu. Sein

*) Reiſen in den Vereinigten Staaten, Canada und Mexiko, von Baron J. W. v. Müller, drei Bände (Leipzig, Brockhaus). Der dritte Band gibt die wiſſenſchaftliche Ausbeute, die beiden erſten Bände enthalten die Reiſebeſchreibung. Die auf Mexiko be züglichen Abſchnitte werden die meiſte Theilnahme fin den. Sie beleuchten die Parteien, die geſellſchaftlichen Zuſtände überhaupt, weiſen die großen Hilfsquellen des Landes nach und bieten ſchöne Landſchafts⸗ und Thierbilder, welche letztere der Verfaſſer als Zoolog mit Virtuoſität zeichnet. Beſonders wichtig ſind die Kapitel über die Landenge von Tehuantepek.

Verfaſſer bereiſte Mexiko unter der Präſidentſchaft Co⸗ monfort's. Eines der hundert und ein Pronunciamentos, die Mexiko hat durchmachen müſſen, war ſo eben fehl⸗ geſchlagen. Comonfort ſaß wieder feſt im Sattel und beſchloß den fünfundreißigſten Jahrestag der Libertad y Independencia mit dem üblichen Glanz zu feiern.

Früh morgens ſchon weckte Kanonendonner und ein mehr als gewöhnliches Geläute zahlloſer Kirchen⸗ glocken die Schläfer Mexiko's, von denen ich vielleicht der einzige war, dem ſie unerwartet und viel zu früh laut wurden. Schon drängte ſich die ſonſt gerade auch nicht öde Straße entlang eine ungeheure Menge ge⸗ putzter Menſchen. Tambours wirbelten Straße auf und Straße ab den Generalmarſch. Nationalgarden en grande tenue eilten ihren verſchiedenen Sammel⸗ plätzen zu. Indianer trabten, vermiſcht mit anderen Land⸗ bewohnern, im Gänſemarſch vorbei. Karren mit Eß⸗ waaren, unter ihnen die herrlichſten Tropenfrüchte, wurden in der Richtung der Alameda fortgeſchafft. Prachtvolle Karoſſen, Züge der ſchönen Kavalleriegarde, Linieninfanterie in geſchloſſenen Kolonnen, weißgekleidete Zöglinge der Mädchenſchule, lange Reihen munterer Knaben, ihre Lehrer an der Spitze, funktionirende Civil⸗ beamte, Poliziſten, Officiere aller Grade und Waffen in Paradeanzug, wogten in bunter, ununterbrochener Folge unter meinen Fenſtern vorüber. Eben ſchlug es 8 Uhr, als der ſorgſame Mozzo eintrat und zur Toilette mahnte, falls ich die geſtern erhaltene Einladung des Miniſters benutzen wolle, im Gefolge des Präſidenten der Repu⸗ blik dem ſolennen Hochamt und dem nachfolgenden Truppendefilé, womit der fünfunddreißigſte Jahrestag des Einzugs der Armee derDrei Garantien gefeiert wurde, beizuwohnen.

Bald darauf befand ich mich auch inmitten des glänzenden Gewühls, das bei ſolchen feierlichen An⸗ läſſen die Suite des Gewalthabers bildet. Obgleich jener Reichthum und jene Mannigfaltigkeit der Uniformen, jene Maſſe der Großkreuze und anderer Dekorationen fehlte, die ich in Petersburg, Paris und anderen Orten von den Großwürdenträgern des Hofes, den Beamten und Officieren des Gefolges bei großen Staatsaktionen entfalten ſah, ſo boten doch die ſchönen Geſtalten, die gebräunten ausdrucksvollen Geſichtszüge derer, welche die ſchlichte und nichts weniger als imponirende, aber doch bürgerlich würdige Figur des Senor Comonfort als Rahmen umgaben, ſowie der eigenthümliche, wenn ich ſo ſagen darf, tropiſche Hauch, der über dem Ganzen ausgegoſſen lag, ein hübſches, freundlich erregendes Bild.

Die Kathedrale war gedrängt voll. Im Hauptſchiff bildete die Stadtgarde auf der einen, die leichte Infan⸗ terie auf der andern Seite ein Spalier, das außerhalb

durch Linieninfanterie ſich bis zum Nationalpalaſt fort⸗

ſetzte. Der Erzbiſchof in pontificalibus, aſſiſtirt von dem geſammten Kapitel, celebrirte das Hochamt, deſſen außerordentliche Pracht durch die herrliche Muſik einer Meſſe von Pergoleſe wie ich glaube noch mehr gehoben wurde.

Nach Beendigung desſelben begab ſich der Präſi⸗ dent zuerſt in den Nationalpalaſt zurück, ſtieg dort zu

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