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unmittelbar nach geſchehenem Morde im Beſitze des An⸗ geklagten vorgefunden. Ueber die Art, wie er zu den⸗ ſelben gekommen, machte er falſche Angaben. Gewöhnlich wären dies für die Anklage ſchon ſtarke Indicien. Zu ihnen geſellt ſich aber noch der Umſtand mit dem Hute. Dieſer Hut hier wurde im Eiſenbahnwaggon gefunden und Derjenige, der ihn dort ließ, muß nothwendig der Mörder ſein. Nun bezeuge der Droſchenkutſcher Matthews, mit welchem der Angeklagte bekannt ſei, daß er dieſen Hut für Müller gekauft habe. Er könne dies ſo ſehr, wie es möglich ſei, beſchwören, und es bleibe nur die Frage, wohin dieſer Hut gerathen ſei. Der Mörder nahm den Hut von Mr. Briggs und es liegen auffallende Beweiſe vor, daß dieſer Hut des Ermordeten ſich unter Müller's Sachen befunden habe, als er arretirt wurde. Anfänglich freilich habe der Sohn den Hut des Vaters nicht erkennen können, einfach deshalb, weil er um 1 bis 1 ½ Zoll ab⸗ geſchnitten und wieder an die Krempe genäht worden war. Weshalb ſollte Müller das gethan haben? Die Antwort darauf liegt in Folgendem: Herr Digance, bei welchem Herr Briggs ſeine Hüte zu kaufen pflegte, ſagt aus, daß der von ihm zuletzt gemachte Hut Herrn Briggs zu weit geweſen ſei und daß er daher einen Streifen Papier unter dem Krempenleder eingeklebt habe; außerdem habe er in den Hüten des Herrn Briggs auf deſſen eigenen Wunſch unten bei der Naht jedesmal ein Stück Papier einkleben müſſen, worauf Herr Briggs ſeinen Namen ſchrieb. Auf der Ueberfahrt nach Amerika habe Müller wahrſcheinlich dieſen Streifen aufgefunden und deshalbe den Hut abgeſchnitten. Ueberreſte von dem eingeklebten Einlagepapier ließen ſich an dem vorgefundenen Hute übrigens noch heute erkennen, und daß Müller dieſen Hut am Montag nach dem Morde getragen, werde durch Zeugenausſagen von den Eheleuten Repſch bewieſen werden. Alles dieſes zuſammengenommen— ſo ſchließt der Staats⸗ anwalt— liefert allerdings nur das, was ein Indicien⸗ beweis genannt wird; doch laſſe ſich ein Mord ſelten auf andere Art nachweiſen. Der thatſächliche Beweis liege in der Uhr, der Kette und dem zurechtgeſchnittenen Hute. An den Geſchwornen werde es nun ſein, die Schuld oder Unſchuld des Angeklagten gewiſſenhaft und reiflich zu erwägen.
Es beginnt ſofort das Zeugenverhör.
Wir müſſen uns darauf beſchränken, die Zeugenaus⸗ ſagen in möglichſt gedrängter Form wiederzugeben, da bei der Weitläufigkeit des engliſchen Zeugenverhörs, in welchem jeder Zeuge ein wahres Kreuzfeuer von Fragen des Kronanwaltes, des Vertheidigers und der Richter durch⸗ zumachen hat, die ausführliche Berichterſtattung in dem vorliegenden Falle über Gebühr Raum benöthigen würde.
Herr David Buchan, Neffe des ermordeten Briggs, erzählt, daß ſein Onkel am Abend des 9. Juli(der Tag des Verbrechens) gegen fünf Uhr zu ihm gekommen ſei und bei ſeiner Familie dinirt habe. Um halb neun Uhr ging er in völlig normalem Zuſtande wieder von da fort und wurde von dem Zeugen zu dem Omnibus ge⸗ leitet, der Briggs zur Eiſenbahn zu bringen hatte. Er trug damals noch ſeine Kette, ſeine Uhr und ein kleines ledernes Beutelchen, das er immer bei ſich zu haben pflegte.
. Frau Buchan bekräftigt die Ausſagen ihres Mannes; ſie will übrigens von Drohungen gehört haben, welche eine dritte Perſon gegen Briggs, der eine Geldanleihe verweigert hatte, ausgeſprochen habe. 1
Thomas Fiſhbourne, ein Beamter der North⸗London⸗ Bahn, pflegt die Billete der Reiſenden zu ſtempeln und erinnert ſich genau, Briggs an dem verhängnißvollen Abende geſehen und mit ihm kurz vor Abgang des Zuges um drei Viertel auf 10 Uhr noch geſprochen zu haben.
Ein Beamter des Bankhauſes Nobart und Comp., Herr Harry Verney, gibt an, daß er jenen Abend um 10 Uhr auf der Station Hackney mit ſeinem Kollegen Herrn Jones in einen Waggon erſter Klaſſe eingeſtiegen ſei. Kaum hatten Beide auf den Sitzen Platz genommen, als
ſie eine Feuchtigkeit verſpürten und bald gewahrten, es ſei Blut. Sie riefen ſogleich nach dem Kondukteur, der Licht brachte, das Beutelchen, wie andere Gegenſtände zu ſich nahm und das Coupé ſogleich abſperrte.
Sidney Jones, der Reiſegefährte des eben ver⸗ nommenen Zengen ſchließt ſich den Ausſagen desſelben vollkommen an und fügt hinzu, daß ſie beim Einſteigen die Thüre des Waggons verſchloſſen gefunden hätten.
Herr Ames iſt jener Kondukteur, der von den beiden Herren herbeigerufen worden. Er telegraphirte damals ſogleich nach Chalt⸗Farm an den Stationschef Greenwood, der den Waggon nach Ankunft des Zuges ſogleich durch⸗ ſuchte und Hut, Stock, wie das Lederbeutelchen zu ſich nahm, um Alles der Polizei zu übergeben. Herr Ames erzählt, daß er ſowohl im Waggon ſelbſt, als auch an der Thüre und dem Fenſter desſelben Blut bemerkt habe.
Der Kondukteur Trimbs erhielt von einem Wächter um 10 Uhr 20 Minuten das Zeichen zu bremſen. Er hielt den Zug au, ſtieg herab und fand den Körper Briggs' auf dem Wege, worauf er die Trausferirung in das nächſte Wirthshaus veranlaßte..
Es wird jetzt der Polizeiagent Dougan vernommen, der durch die Alarmrufe der Leute in der Nähe der Sta⸗ tion herbeigeeilt kam und ſogleich die körperliche Unter⸗ ſuchung des Ermordeten vornahm. Er fand in den Taſchen desſelben einen Schlüſſelbund und vier Sovereigus, eine ſilberne Tabaksdoſe, kleinere Münzen und den Coupon eines Retourbillets. Die Vorderſeite des Hemdes war ſehr zerknittert und eines der Knöpfchen fehlte daran. In einem Knopfloche der Weſte fand ſich noch ein zur Kette gehöriger Uhrſchlüſſel, der ganz zerbrochen war und nicht gut herausgenommen werden konnte.
Frangçois Toulmin, Arzt zu Claptown, war ſeit meh⸗ reren Jahren der Hausarzt des Ermordeten. Herr Briggs war 70 Jahre alt und ſtets von kräftigſter Geſundheit geweſen. Zu Herrn Briggs in jener Nacht des Mordes gerufen, hat ihn der Arzt nicht bis zum Tode verlaſſen. Vom erſten Augenblicke an, als er den Verwundeten ſah, gab er alle Hoffnung auf eine Rettung auf. Herr Toulmin hatte im Vereine mit dem Wundarzte Brereton die Autopſie vorgenommen. Am Ohre und nächſt den Schläfen fanden ſich ſtarke Verletzungen, die von Kontuſionen herrühren mußten, vor. Am Kopfe waren tiefe Wunden, die mit einem ſtumpfen Inſtrumente beigebracht worden waren. Es mußten nach dieſem Körpertheile wiederholt heftige Streiche geführt worden ſein, denn noch unter der Kopf⸗ haut waren deutliche Spuren ſichtbar. Ein ſchneidiges Werkzeug ſcheint bei dem Morde nicht angewendet worden zu ſein, da keine einzige Wunde auf ein ſolches hindeutete.
Vertheidiger Sergeant Perry: Konnten dieſe Wunden nicht von einem Sturze herrühren?
Zeuge: Blos eine einzige und zwar jene an der Schläfe konnte durch einen Sturz entſtanden ſein; alle übrigen ſind durch Streiche von äußerſter Heftigkeit bei⸗ gebracht worden.
Der Wundarzt Brereton wurde an dem betreffenden Abende in das Wirthshaus gerufen, wohin man Briggs gebracht hatte; er ſuchte vergebens ihn wieder in's Leben zurückzurufen. Der Zeuge ſchildert im Ganzen den Unfall in derſelben Weiſe, wie ſein Kollege Toulmin.
Es kommen jetzt jene Zengen zum Verhör, mit welchen Müller vor und nach ſeiner Abreiſe nach Amerika Umgang gepflogen hatte.
Der Juwelier Death eröffnet den Reigen mit der Ausſage, daß er Franz Müller genau als jenen Herrn wieder erkenne, der die Kette Briggs' bei ihm gegen eine andere ausgetanſcht hat, die von Müller verſchiede⸗ nen Perſonen gezeigt worden iſt.
Frau Ellen Blithe, jene Frau, bei welcher Müller in letzter Zeit wohnte, hat den Angeklagten in der Nacht vom 9. Juli, in welcher ſie bis 11 Uhr wachte, nicht zu⸗ rückkehren hören will jedoch nicht beſtreiten, daß er un⸗ gehört ſpäter habe kommen können. Sonntag Morgens (10. Juli) ging Müller mit ihr und ihrem Manne aus


