Franz Müller, der Mörder Briggs⸗ 337
aus zwölf Engländern zuſammengeſetzten Jury gerichtet zu werden. Parry fügte hinzu daß ſtatt der gewöhnlich zur Auswahl geſtellten Zahl von 14 Geſchworenen die geſammte einberufene Zahl vorgeführt werden ſolle.
Die Krone ſowohl wie die Vertheidigung machten beide von ihrem Rechte, einzelne Geſchworene zu refüſiren, umfaſſenden Gebrauch, und zwar ſchien erſtere namentlich Schneider und Schuhmacher, letztere dagegen Fleiſcher und Schenkwirthe auszuſchließen..
Kurz vor eilf Uhr ergriff der Solicitor⸗General das Wort: Dieſer Fall— ſagte er— iſt durch die Zeitungen ſo allgemein bekannt, daß ich Sie im Namen der Krone bitten muß an die Beurtheilung desſelben ohne Vorur⸗ theil zu gehen. Es freut mich, daß der Angeklagte eine tüchtige Vertheidigung zur Seite hat, und ich werde meine Pflicht am beſten erfüllen, indem ich die Thatſachen aus⸗ einanderſetzte, deren Beweiſe Ihnen hier geliefert werden ſollen. Mr. Briggs war erſter Kommis(Bureauchef) im Bankierhauſe der Herrn Roberts und wohnte bei der an⸗ der North⸗London⸗Eiſenbahn gelegenen Station Hackney Wick. Er fuhr faſt immer auf dieſer Bahn nach Hauſe. Am Samſtag den 9. Juli ſpeiſte er bei Herrn und Frau Buchan, die er in der Abſicht, nach Hauſe zu fahren, um halb neun verließ. Es hatte eine ſchwarze Reiſetaſche einen Stock, eine goldene Uhr ſammt Kette, zwei Schlüſſel und einen Ring an derſelben. Herr Buchan, der ihn zum Omnibus be— gleitete hat Uhr ſammt Kette an Herrn Briggs an demſelben Abende geſehen. Es wird auf's Beſtimm⸗ teſte nachgewieſen werden, daß Herr Briggs in derſelben Nacht auf der Eiſenbahn ermordert und daß er zwiſchen der Station Bow und Hackney aus dem Wagen geworfen worden iſt. Zwei Handlungsdiener, welche bei der letztgenannten Sta⸗ tion in den Wagen ſtiegen fanden die Kiſſen blutig, leukten die Auf⸗ merkſamkeit des Schaffners auf dieſen Umſtand, und in Folge deſſen wurde der Wagen geſperrt und Niemandem Zutritt in denſelben geſtattet. Im Wagen ſelber befand ſich eine ſchwarze Reiſetaſche, ein Stock und ein Hut. Herr Briggs wurde vom Schaffner eines leeren Zuges blutend und bewußtlos auf gefunden und nach einer benach⸗ barten Schenke gebracht. Er kam nie wieder zum Be wußtſein und ſtarb am folgenden Tage. Oberhalb des linken Ohres zeigten ſich bei der Leichenſchau mehrere, dem Anſcheine nach durch ein ſtumpfes Werkzeug verur ſachte Wunden; eine Hautabſchürfung an einer andern Stelle des Leichnams war möglicherweiſe durch den Sturz aus dem Wagen herbeigeführt. Die Kleidung des Ermor⸗ deten war zwar in Unordnung gerathen, doch nicht ſo, daß daraus die Nothwendigkeit eines Kampfes hervorging. Die Uhr war geraubt, doch fanden ſich in ſeiner Taſche ſeine Doſe und vier Pfd. Sterl. in Geld. Der Wagen ein ſehr geräumiger, war in einem der Winkel und auf dem Sitze voll Blut. Auch in der entgegengeſetzten Seite von der, wo Herr Briggs geſeſſen haben ſoll, und an der Thürklinke dieſer entgegengeſetzten Seite fanden ſich Blut⸗ ſpuren. Man ſchöpft daraus die Vermuthung, daß Herr B. in der linken Ecke des Wagens eingeſchlummert, an⸗ gegriffen und ſpäter auf der andern Seite hinausgeworfen worden ſei. Die Frage, ob der Mord durch einen ein⸗ zigen Menſchen begangen worden ſei— fährt der Soli⸗ eitor fort— könne er nicht beantworten. Wahrſcheinlich aber ſei es deshalb, weil im entgegengeſetzten Falle die Mörder Zeit gefunden hätten, die Taſche des Ermordeten zu leeren, während ein Einziger genug damit zu thun
haben mochte, die Uhr zu rauben und den Leichnam hin⸗
Erinnerungen. 88. Bd. 1864.
Franz Müller.
auszuſchaffen. Als Mordinſtrument dürfte der Stock des Ermordeten gedient haben; doch darüber werde die Jury ſich ein Urtheil bilden können. Seiner Meinung nach ſei der Mord kein vorbedachter geweſen, ſondern das Reſultat eines plötzlichen Impulſes, entſtanden aus der Verſuchung bei dem Anblicke der ſchönen Uhr und Kette. Außer den oben aufgezählten Gegenſtänden habe ſich noch ein Hut im Wagen vorgefunden, aber nicht der von Herrn Briggs; denn Herrn Briggs' Hut ſei nicht vorgefun⸗ den worden. Daraus ſei man zu der Annahme berechtigt, daß der Mörder in der Aufregung des Augenblickes den Hut des Erſchlagenen ſtatt des ſeinigen mitgenommen, und wenn ſich der Mann ausfindig machen ließe, welcher in jener Nacht den Hut des Ermordeten beſeſſen habe, ſo müſſe man in dieſem den Mörder beinahe ſo gewiß er⸗ kennen, als ob bei der Ermordung ſelber Augenzeugen zugegen geweſen wären. Müller, ein Deutſcher, war ohne Arbeit und ſo arm, daß er ſich nicht vier Pfd. Sterl. verſchaffen konnte, um ſeine Ueberfahrt nach Ame⸗ rika zu bezahlen, wohin zu reiſen er ſich ſchon, bevor der Mord geſchehen war, entſchloſſen erklärt hatte. Müller war genöthigt geweſen, ſeine eigene Uhr für 2, die Kette für 1 Pfd. Sterl. zu verſetzen. Er hatte bei der Station Hackney Wick gewohnt und verkehrte viel mit einem Herrn Repſch. Dieſen hatte er noch am Samſtag Nachmittags geſehen und ihm geſagt, er wolle noch ein Mädchen beſuchen. Es war ſehr ſpät in der Nacht, als er nach Hauſe kam. Am darauf⸗ folgenden Sonntage verließ er ſeine Wohnung nur zu einem kurzen Spaziergang mit der Familie Bly the, bei der er logirte; und am nächſten Vormittag, am Montage, befand ſich Müller im Beſitze von Herrn Briggs' Kette, die er in dem Juwelierladen von Herrn Death gegen eine andere Kette, einen Ring, und etwas Geld austauſchte. Herr Death überlieferte ihm die ausgetauſchte Kette in einer kleinen Schachtel, auf welcher ſich des Ju weliers Adreſſe befand. Müller legte die Kette an und machte bei der Familie Repſch einen Beſuch. Auf deren Frage woher er die Kette habe, antwortete er, er habe ſie und auch einen Ring in den London Docks ge⸗ kauft. Beide Angaben waren falſch. Einem andern Freunde(Matthews), den er am ſelben Tage beſuchte, ſagte er, die Kette habe er gekauft den Ring aber habe ihm ſein Vater geſchickt. Das Schächtelchen des Juweliers ſchenkte er dem Kinde des Matthews, die Kette aber verſetzte er, und nachdem er ſich von anderer Seite Geld geborgt hatte, löſte er ſeine eigene Uhr aus, die mit ſammt der Kette für 3 Pfd. Sterl. verſetzt ge⸗ weſen war. Nun verſetzte er ſie von Neuem für 4 Pfd. St. und verkaufte den Verſatzzettel einem Manne Namens Glaß um 5 Schillinge. Am Mittwoch bezahlte er 4 Pfd. Sterl. Ueberfahrtsgeld nach New⸗VYork, das Schiff aber ging ſtatt Donnerſtag erſt am Freitag weg. Bei ſeiner Verhaftung in Amerika fand ſich die Ühr des Ermordeten in ein Stück Zeug eingenäht, in ſeinem Beſitz, worauf er ſagte, daß ſie ſeit 10 Jahren ſein Eigenthum ſei. Die Frage iſt nun, wie gelangte er in den Beſitz von Uhr und Kette? Er mag letztere vielleicht gekauft haben, wird man ſagen; aber hatte er die erforderlichen 3 Pfd. St. 15 Sch. dazu? Es iſt bewieſen, daß er ſich in großer Noth befand. Hätte, er 3 Pfd. St. 15 Sch. beſeſſen, würde er dann nicht ſofort gethan haben, was er weeklich that, ſowie er zu Geld kam, nämlich ſeine eigene Uhr und Kette auslöſen? Und woher nahm er das Geld, um eine ſo werthvolle Uhr zu kaufen! Dieſe dem Ermordeten gehörigen Gegenſtände haben ſich, ſo ſtehen die Sachen,
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