336 Franz Müller, der Mörder Briggs'.
ſeiner Narrenpeitſche den Franzoſen beim Abgehen ein⸗ mal über den Rücken hieb, ſprach er zu ihm freund⸗ lichen Tones:„Wie ein zweiter König ſchlage ich Dich zum Ritter— und Hühnereier ſollſt du im Wappen führen.“
„Nichtswürdiger Schlingel, wo ſteckteſt Du ſchon wieder?“ begrüßte der König den kommenden Win⸗ nicki. Winnicki redete ſich aus, ſo gut es immer ging, und erheiterte den König wie noch nie mit luſti⸗ gen Einfällen. Der König ſprach tapfer dem Glaſe zu, aß mit Appetit, lachte viel und war frohen Sinnes. Winnicki aber machte den Franzoſen den Hof und war gegen die Königin wider ſeine Gewohnheit lie⸗
benswürdig. „Ce fou est bien aimable, quand on le voit rarement“— geruhte die Königin fallen zu laſſen.
„Le dessert finit le repas,“ fügte Winnicki halblaut hinzu.
Nach Tiſch hub der König an:„Fetzt geſtehe, Du Schelm, wo ſteckteſt Du ſo lange? Denn daß Du nicht krank lagſt, dafür bürgt mir Dein tolles Treiben.“
„Ich ſaß im Hintergebäude,“ entgegnete Win⸗ nicki,„wo mir Dero königliche Huld und Gnade meine Wohnung angewieſen.“
„Daß Du dort geſteckt, iſt kein Geheimniß, aber was haſt Du dort ganz allein getrieben? Buße kannſt Du keine gethan haben, denn Du woltteſt ja nicht unſern Herrn Kaplan vorlaſſen.“
„Was ich gethan,“ rief Winnicki,„das läßt ſich mit Worten ſo leicht nicht ſagen, und zuletzt, was hätte ich davon, man würde mir vielleicht nicht Glauben ſchenken. Nur ſo viel bemerke ich, ich beſitze noch nie Do⸗ geweſenes, noch nie geſehene Dinge auf meinem Zimmer.“
„Und dieſe Dinge?“ fragte Alles voll Neugierde.
„Wird Niemand glauben, der ſie nicht mit ſeinen eigenen Augen geſehen.“
„Meine Mütze!“ befahl der König,„denn Win⸗ nicki hat uns für heute einen Nachtiſch verſprochen.“
„So iſt's,“ ſagte Winnicki,„gar ſonderbare, in dieſem Königreich noch ungeſehene Dinge.“
Selbſt die Königin, die heute dem Könige in Allem ſich gefällig erweiſen wollte, berief ihre Hofdamen und ihren ganzen franzöſiſchen Hofſtaat, während der König alle polniſchen Herren, die ſich eben bei Hofe be⸗ fanden, einlud, dieſem geheimnißvollen Nachtiſch beizu⸗ wohnen. Die ganze Geſellſchaft brach nun auf und be⸗ gab ſich über den langen Schloßhof in das Hinterge⸗ bäude. Winnicki trug auf, ſich möglichſt ſtill zu ver⸗ halten. Auf ein Zeichen, das er gab, öffnete ſein Diener leiſe die große Thüre, und man war im erſten Ge⸗ mache; vor dem Eingang des zweiten ſah man einen Vorhang, auf welchem ein Blatt befeſtigt war, und auf dieſem ſtand mit großen Buchſtaben geſchrieben:„Noch nie geſehene Merkwürdigkeiten.“
„Was denn für Merkwürdigkeiten?“ fragte der König ungeduldig werdend.—„Ein König bei ſeinem Narren zu Gaſte,“ rief Winnicki; dann den Vor⸗ hang raſch zurückſchlagend, ſetzte er hinzu:„Und ein Franzoſe auf Eiern!“
Mit glatt abgeſchorenem Kopfe, ohne Perücke, vor Schrecken und Schande vernichtet, ſaß der Franzoſe auf den Eiern. Raſch ſprang er auf, wollte in die Decke gehüllt, entfliehen, doch wohin? Das Fenſter hatte Gitter, an der Thüre hatte ſich der königliche Hof auf⸗ geſtellt. Nun brach Alles in ein tobendes Gelächter aus, denn als der Franzoſe ſich erhoben hatte, gewahrte man das Neſtchen mit den Eiern.
„Ce méchant fou!“ rief die Königin, ſich ärgern wollend. Doch mußte ſie unwillkürlich ſelbſt mitlachen und begleitet von ihren Hofdamen lief ſie hinaus. Der König aber mit ſeinem Gefolge und den Gäſten konnte ſich an dieſer närriſchen Scene nicht ſatt lachen und ſatt ſehen.
Der Franzoſe verkroch ſich in den Kamin.
„Hel das Ehrenwort,“ rief ihm Winnicki nach.„Heraus, Herr Ritter, aus dem Kamin, ſonſt kühlen mir meine Eier aus.“
Der König und ſeine Gäſte lachten noch immer, die Franzoſen aber hatten ſich aus dem Staube ge⸗ macht. Winnicki gab nun Bericht vom ganzen Ver⸗ lauf der Sache und ſchloß ſeine Rede mit den Worten: „Daß man einen Tartaren leicht dazu bringe, über die Klinge zu ſpringen, dürften die meiſten Herren wiſſen; doch daß man einen Franzoſen auf Eier ſetzen könne, haben Sie gewiß erſt heute mit eigenen Augen geſehen.“
Man lachte noch viel über den Franzoſen an die⸗ ſem Tage. Die Herren ſchrieben in alle Richtungen den launigen Vorfall, der beſchämte Franzoſe aber, begleitet von vielen ſeiner Landsleute, verließ noch in derſelben Nacht den königlichen Hof. Die Königin aber ſchenkte Winnicki einen koſtbaren Ring, und auch die Herren ließen es nicht an Geſchenken fehlen.
Franz Müller, der Mörder Briggs'. Wlie Aſſiſenverhandlungen gegen Franz Müller, welcher unter der Anklage ſtand, am 9. Juli den Herrn Tho⸗ Somas Briggs ermordet zu haben, ſind am 27. Oktober eingeleitet worden. Der Central⸗ Kriminalgerichtshof, die ſogenannte Old Bailey, in der City iſt der Schauplatz der Verhandlungen. Als Richter fungiren der Lord⸗Ober⸗ richter Pollock und Richter Martin, neben ihnen auf der Richterbank bemerkte man den Lord⸗Mayor, verſchiedene Aldermen und Sheriffs und den Dolmetſch Herrn Albert. Einige Minuten vor 10 Uhr wurde der Angeklagte von zwei Gerichtsdienern in den Saal geleitet. Alle Augen richteten ſich aus dem dichtgefüllten Raume auf ihn. Ohne eine Miene zu verziehen, in gleichmüthigſter Haltung ſchritt Müller zur Anklagenbank hin und antwortete, als er auf⸗ gefordert wurde, ſich zu erklären, in ehrerbietigem, aber feſtem Tone:„Nicht ſchuldig!“ Für die Anklage erſchienen im Namen der Krone der Solſcitor⸗General Sir R. P. Collier, Mr. Sergeant Ballantine, Mr. Hannen, Mr. Giffard und Mr. Beasley, inſtruirt von dem Solicitor des Schatzamtes Mr. Greenwood; für die Vertheidigung erſchienen Mr. Sergeant Parry, Mr. Metcalle und Mr. Besley, inſtruirt von Mr. Thomas Beard.
Auf die an den Angeklagten gerichtete Frage, ob er ſich des Vorrechtes bedienen wolle, eine gemiſchte Jury von Ausländern und Engländern zu verlangen, erwiederte
Mr. Sergeant Parry, der Angeklagte wünſche von einer


