334 Winnicki, der Narr Johann Sobieski's.
Als ihn nun ſein Gebieter eines Tages fragte, „wie er denn ſo lügen könne“, erwiederte der Schalk: „Ich lüge nicht, gnädigſter König, denn
Alte Diener, Eſel, Hund und Pferd Haben nie ſonderlich hohen Werth.
Daß mir aber die Frau Königin ganz beſondere Gunſt zugewendet, beweiſt der Umſtand, daß ſie die Franzoſen nur immer mehr begünſtigt, ich aber doch dasſelbe Bier trinke, welches jene brauen. Schicke mich heute, gnädiger Herr, fort von Deinem Hofe und mor⸗ gen ſchon danken Dir alle Franzoſen für den Dienſt, oder ich will als Lügner mein Lebelang dieſen ‚Zupan“ tragen.“
„Du bleibſt, Winnis, Dich ſchicke ich nicht fort,“ entgegnete Fohann,„doch mache nur, daß Dir nun auch meine Frau ihre Gunſt zuwendet.“
Winnicki verſprach, ſich des Königs Rath zu Gemüthe zu nehmen, und ſich bald bei der Königin in Gunſt zu ſetzen.
Alles ſtaunte über ſolche Zuſage, denn man kannte Winnickis Art, daß er ein gegebenes Wort zu löſen pflegte. Hier aber war es vor Allem nöthig, die Necke⸗ reien der am Hofe eben nicht ſeltenen Franzoſen auf⸗ zugeben, wodurch er aber des Hofſtaats Gunſt und des Königs Gnade einbüßte, der, ſelbſt kein Freund der Franzoſen, unmuthig den Auszeichnungen zuſah, womit man ſie am Hofe überſchüttete. Die Spannung, wie der Schalk ſich aus der Schlinge ziehen würde, war daher nicht klein, doch Jeder ſagte es ſich in ſeinem Innern:„Wie ein Schalk, durch einen Genieſtreich.“
Winnicki verſchloß ſich ſeit dieſem Tage in einem Hintergebäude des Schloſſes und ließ ſich bei Hofe nicht mehr ſehen. Die Begebenheit, welche wir hier erzählen wollen, ereignete ſich auf dem Schloſſe zu Zloczow.
„Wo bleibt Winnicki?“ fragte täglich der König.
„Er iſt krank,“ war die beſtändige Antwort.
Der König entbot ſogleich Kaplan und Leibarzt zu ihm, aber Winnicki ließ Niemand vor. So ver⸗ ſtrich eine, ſo verſtrich die zweite Woche, Niemand wollte es gelingen, den König zu erheitern. Als nun gar übles Wetter eintrat, wich alle gute Laune vom Hofe; der täglich übellauniger werdende König begann an Un⸗ verdaulichkeit zu leiden, ſein Mißmuth endlich nahm ſo ſehr zu, daß er der Königin eine Bitte nach der andern abſchlug und zwei eben ledige Staroſteien ihren Wün⸗ ſchen zuwider vergab. Die Königin ſchmollte, des Königs Langeweile wuchs und am Ende wußte er ſelbſt nicht, was ihm ſeinen Humor ſo ſehr verſauert hatte. Win⸗ nicki aber ließ ſich noch immer nicht ſehen.
Die Königin ertrug es nicht mehr. Sie ließ einen ihrer Günſtlinge kommen und ſprach zu ihm ärgerlich:
„Je sais que ce fou Winnicki n'est pas malade! côute qui côute! Faites le venir au roi.“
Der Franzoſe, der die Königin wohl kannte, wußle ſogleich, daß ſie hier keinen Scherz verſtehe und er auch, wenn ihm das Glück in ſeinem Unternehmen den Rücken kehre, mit geſchnürtem Bündel dem Hofe den Rücken
kehren müſſe. Er begab ſich alſo zum Hofnarren. Lange flehte und pochte er an der Thür, und nachdem er wohl eine Stunde gebeten und gedroht hatte, öffnete ein Diener dieſelbe und führte ihn in ein zweites Gemach, in deſſen Mitte Winnicki auf niedrigem Sitz ganz verhüllt ſaß. 4
Winnicki, in mehreren Sprachen bis zur Rede⸗ fertigkeit bewandert, war ein Schrecken der Franzoſen, weil er ſie gewöhnlich mit ihren eigenen Waffen ſchlug, und auch jetzt wie ſonſt ſcheuten die Franzoſen nichts ſo ſehr, als in ihrer Mutterſprache Gegenſtand des Geſpöttes zu werden.
„Was fehlt Dir, Freundchen?“ fragte der Franzoſe.
„Sachte, um des Himmelswillen, ſachte!“ lispelte Winnäcki, und ſo oft der Abgeſandte zu ſprechen anhub, unterbrach ihn Winnicki'’s„Pſt!“ und nicht wenig fehlte, daß der Franzoſe nach ſeinem Degen ge⸗ griffen hätte.
Als Winnicki inne ward, daß des Franzmanns Geduld ihren Gipfelpunkt bereits erreicht hatte, begann er alſo:„Sage mir der Herr, ob er ein tüchtiger Natur⸗ forſcher ſei.“
„Was ſoll die Frage,“ erwiederte der erbitterte Franzoſe,„bin ich doch ein Franzoſe und beſuchte die Akademie zu Paris.“
„Nun ſage mir der Herr,“ ſetzte Winnicki ge⸗ laſſen fort,„wie kommen die Hühner zur Welt?“ 5
„Allem Anſchein nach willſt Du Deinen alten Spott treiben,“ entgegnete der Franzoſe;„mais c'est notre métier,“ ſetzte er begütigend hinzu.„Alſo die Hühner! Sie werden, wie Alles in der Welt, geboren.“
„Die Anſicht der Pariſer Akademie wäre dem⸗ nach, daß die Hühner geboren würden. Hm! ſonderbar, bei uns in Polen behaupten die alten Weiber, man müſſe die Henne auf die Eier ſetzen, dann kröchen die Küchlein aus den Eiern.“
„Und wozu ſoll uns dieſer Gelehrtenſtreit führen?“ fragte unmuthig der Franzoſe.
„Zu den Hühnern,“ erwiederte der Schalk,„die unſere gnädige Frau Königin ſehr liebt, was den Höf⸗ lingen der Königin nicht unbekannt ſein kann; denn man hat mir geſagt, daß aus der Pariſer Akademie bis jetzt noch immer beſſere Hofleute, als Naturforſcher her⸗ vorgegangen wären. Wiſſen Sie, Monſieur, daß jetzt Winter iſt?“
Der Franzoſe ſchien vor Aerger zu platzen, warf ſich in einen Armſtuhl und ſchwieg. Da dieſes Schwei⸗ gen anzuhalten ſchien, ſchloß Win nicki die Augen und that, als ſchnarche er.
„Herr von Winnicki,“ rief der Franzoſe, faſt in Thränen ausbrechend,„quälen Sie mich doch nicht ſo ſehr, denn hier ſteht mein Schickſal auf dem Spiele, der König langweilt ſich ohne Sie und die Königin verbot mir, ihr eher unter die Augen zu treten, bis ich Sie nicht zum Könige gebracht.“
„Und Sie haben das zugeſagt?“ fragte der Schalk.
„Das kam gar nicht in Rede, ich erhielt den Auf⸗ trag,“ entgegnete der Franzoſe.
„Mein Herr,“ rief Winnicki.„Sie ſind ein


