Jahrgang 
1864
Seite
330
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330 Politiſche

und Strohbüſchel an die Fruchtbäume zu befeſtigen, und in der Ukermark umwindet man die Bäume am Neujahrsabend mit Stroh, oder geht völlig entkleidet in den Garten und klopft an jeden Baum mit den Wor⸗ ten:Bäumchen wach auf, Neujahr iſt da!

Um Mitternacht zieht in London der ſogenannte Schellenmann oder Ausrufer jeder Pfarre mit ſeiner Schelle herum, und ſingt mit ſchnarrender Stimme ein Paar Strophen zum Preis der Freigebigkeit, die er dafür nach dem Feſte beanſprucht. Denn wie anderwärts zu Neujahr, ſo beginnt in allen engliſchen Städten am zweiten Weihnachtsfeiertag der Umzug der Arbeiter und Handwerker, welche ihre Trinkgelder oder die Christmas- boxes, Weihnachtsbüchſen, verlangen, und nicht blos die Kehricht⸗ und Aſchenkärnen(dustmen), Straßen⸗ wärter. Lampenanzünder, Briefträger, Waſſeraufſeher (turncocks), Büttel, Gaſſenkehrer, Schornſteinfeger, Scharwachen und Kirchſpielsdiener gehen in ihren Be⸗ zirken von Haus zu Haus, um ſich Geſchenke zu erbitten, ſondern auch die Laufburſchen der Bäcker, Fleiſcher, Lichtzieher, Fiſchhändler, Gewürzkrämer, Gemüſe⸗ Wild⸗ pret⸗ und Geflügelhändler ſuchen alsdann die Kunden ihrer Meiſter auf, um die zu Weihnachten für ſie übliche Gratifikation zu erhalten. Kurz, was nur irgend glaubt, ein Recht zu haben, ein Trinkgeld beanſpruchen zu können, kommt der Gewohnheit gemäß an das Haus und klopft, und die Bewohner haben an dieſem Tage, der davon Boxing-day heißt, oft Nichts zu thun, als jeden Augenblick die Thür aufzumachen.

Abends wird dann das eingeſammelte Geld in Roaſtbeef, Plumpudding, Ale und Brandy verzehrt, man ſpielt, tanzt, maskirt ſich oder geht in die Theater, in denen während des Feſtes die ſogenannten Weihnachts⸗ pantominen aufgeführt werden.

Eine beſondere Weihnachtsbeluſtigung der jungen Leute in der Grafſchaft Suffolk beſteht in der Jagd auf Eulen und Eichhörnchen, ſowie die Burſchen auf der Inſel Man am Neujahrstag einen Zaunkönig zu jagen pflegen.

Politiſche Ueberſicht.

Mrag am 24. November 1864.

3 Der Reichsrath iſt eröffnet, die Thronrede geſpro⸗ Bo chen. Dadurch, daß in derſelben der italieniſchen Frage mit keinem Worte Erwähnung geſchah, iſt den verſchieden artigſten Kriegsgerüchten Thür und Thor geöffnet und alle Zeitſchriften füllen ihre Spalten mit Befürchtungen für das künftige Frühjahr. In den beiden Parlaments⸗ häuſern wird eine Adreſſe an Seine Majeſtät berathen und der Entwurf der Adreſſe des Herrenhauſes liegt uns ſeinem ganzen Inhalte nach vor.

Derſelbe ſchließt ſich in ſeinem Ideengange, ſeinem Inhalt und ſeinen Zielen der Thronrede an. Er dokumen⸗ tirt, wie das nicht anders zu erwarten war, die Ueberein⸗ ſtimmung des hohen Hauſes mit den Anſchauungen, welche in der Thronrede ausgeſprochen werden, und die Gefühle der Ergebenheit in die Wünſche der Krone. Der Entwurf lanutet:

Eure k. k. Apoſtoliſche Majeſtät!

Ueberſicht.

Durch den Ruf ſeines erhabenen Monarchen zum dritten Male verſammelt, glaubt das Herrenhaus, indem

es ſeine Thätigkeit wieder aufnimmt und ſich der Erwä gung der verfaſſungsmäßig allen Königreichen und Län⸗ dern Oeſterreichs gemeinſamen Gegenſtände der Geſetzge⸗ bung zuwendet, vor allem ehrerbietigſt vor dem Aller⸗ höchſten Thron die Verſicherung ſeiner patriotiſchen Hin⸗ gebung und der Reinheit ſeiner Abſichten erneuern zu müſſen, die es bisher bei der Löſung der ihm gewordenen Aufgaben zu bewähren ſich beſtrebt hat, und die es auch bei den Berathungen der gegenwärtigen Seſſion unver ändert feſtzuhalten bemüht ſein wird.

Von dieſem Gefühle wie von der Ueberzeugung durchdrungen, daß auf der vollſtändigen Durchführung der von Eurer Mäjeſtät Ihren Völkern verliehenen Ver⸗ faſſung das Heil Oeſterreichs und die dauernde Erhöh ung ſeiner Machtſtellung beruhe, erfüllt uns die huldvolle Mittheilung, es werde die in der Oſthälfte des Reiches bisher unterbrochene verfaſſungsmäßige Thätigkeit bald allenthalben auf's neue wieder beginnen können, mit der freudigſten Theilnahme und dem lebhafteſten Wunſche, daß die auf dieſes Ziel gerichteten Bemühungen Aller höchſtihrer Regierung vollſtändig gelingen, daß wechſel⸗ ſeitiges vertrauendes Entgegenkommen und das richtige Verſtändniß der eigenen Wohlfahrt bald wieder alle Völ⸗ ker Oeſterreichs in dem Gefühle brüderlicher Zuſammenger hörigkeit untrennbar vereinigen mögen.

Für die Mittheilung des Familienpaktes, der aus Anlaß der Annahme der mexikaniſchen Kaiſerkrone von Seite Sr. kaiſerlichen Hoheit des durchlauchtigſten Herrn Erzherzogs Ferdinand Maximilian am 9. April d. J. zu Miramare vollzogen wurde, hat das Herrenhaus bereits Eurer Majeſtät ſeinen ehrerbietigſten Dank abgeſtattet. Un⸗ ſere Segenswünſche begleiten den kaiſerlichen Prinzen über das Weltmeer.

Mit ſtolzer Freude bringen wir Eurer Majeſtät und dem Vaterlande unſern Glückwunſch zu den glänzenden Erfolgen dar, welche die todesverachtende Tapferkeit der kaiſerlichen Truppen wie der Marine in dem Kriege zwiſchen den verbündeten Mächten und Dänemark errungen hat, und geben dem Gefühle der Bewunderung Ausdruck, wo mit uns die Waffenthaten dieſer heldenmüthigen Scharen und ihrer ſiegreichen Führer erfüllen.

Die Mittheilung von dem Abſchluß eines höchſt ruhm⸗ vollen Friedens, wie von dem guten Einvernehmen und den freundſchaftlichen Beziehungen, welche zwiſchen Aller höchſtihrer Regierung und den übrigen großen Mächten Curopa's beſtehen, haben wir mit hoher Befriedigung vernommen. Wir erkennen mit dankerfüllten Herzen die Beſtrebungen Eurer Majeſtät, der Monarchie die Segnungen des Friedeus zu erhalten, und theilen aufrichtig den Wunſch, daß die Verbindung mit Preußen die nach der glücklichen Löſung der langjährigen Verwicklungen im Norden Deutſch⸗ lands zu erwartende feſtere und innigere Einigung der deutſchen Staaten und die darauf beruhende Kräftigung des deutſchen Bundes ſich für die Ruhe und das Gleich⸗ gewicht Curopa's als nachhaltige Bürgſchaften bewähren mögen.

SMiit Bedauern der unheilvollen Ereigniſſe gedenkend, welche die Verhängung von Ausnahmsmaßregeln über das Königreich Galizien geboten, geben wir uns mit Eurer Majeſtät der Hoffnung hin, die baldige Wiederkehr nor⸗ maler Zuſtände in dieſem Königreiche eintreten zu ſehen.

Das Herrenhaus erkennt in vollem Maße die durch die Ungunſt der Zeit⸗ und Geldverhältniſſe geſteigerte Schwierigkeit der Finanzlage, welche gleichwohl die pünkt liche Bedeckung des Staats⸗Erforderniſſes nicht zu beirren vermochte, legt aber auch umſomehr Gewicht darauf daß von Seite der Regierung das ernſte Streben nach Erſpa⸗ rungen feſtgehalten wird, ohne welche die endliche Beſei tigung der Störung im Geldweſen und im Gleichgewicht des Staatshaushaltes nicht zu erwarten iſt.

Die für die gegenwärtige Sitzungsperiode angekün⸗ digte Vorlage zweier Staatsvoranſchläge, nämlich jenes für das Jahr 1865 und in unmittelbarer Folge jenes für das Jahr 1866, findet ihre Begründung in der Nothwen⸗