Jahrgang 
1864
Seite
328
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328 Weihnachten in England.

Geheimniß bleiben. Das Volk jubelte der guten That zu, wie jedes Volk als Ganzes jeder guten That ent⸗ gegenjubelt, und nur Gramonz war ernſtlich beſorgt, wie es mit ihm werden ſollte, wenn ſeine falſchen Aus⸗ ſagen an das Tageslicht kämen.

Die Königin begab ſich zu ihrem Gatten dem Könige und nicht lange darauf waren die Papiere des Proceſſes in ihren Händen. Alle Beweiſe beruhten nur auf den Ausſagen des Gefangenen und auf dem Be⸗ richte des Majors Gramonz. Wenn die Wahrheit dieſer erſchüttert wäre, konnte man unmöglich Wilhelm zum Tode verurtheilen, man mußte ihn vielmehr als öſterreichiſchen Kriegsgefangenen dieſer Macht ausliefern, oder ihn gegen einen däniſchen Soldaten austauſchen. Für die Begünſtigung der Flucht Branders konnte er beſtraft werden, aber niemals mit dem Tode.

Major Gramonz wurde vorgerufen.

Unſicher in ſeiner Haltung trat er bei der Königin ein.

Ich wollte Euch wegen des Verurtheilten befragen, Herr Major, hub die Königin an.In den Akten er⸗ ſcheint Eure Ausſage als die wichtigſte verzeichnet. Ich wollte nun fragen, ob Ihr Euch auf alle Umſtände noch genau zu erinnern wüßt.

Ich habe meine Ausſagen beeidet, Majeſtät, ſtotterte Gramonz.

Wilhelm Hartner, ſo heißt glaube ich der Verurtheilte, hat alſo vor der Schlacht bei Overſee treu⸗ los ſeine Fahne verlaſſen?

Ja, Majeſtät, ſtotterte Gramonz.

Ihr waret doch mit in der Schlacht?

Gewiß, ich war dort.

Ihr habt an der Spitze Eurer Truppen gekämpft?

Gramonz ſtockte. Was ſollte das Verhör? Sollte verrathen worden ſein, daß er der Schlacht nicht beige⸗ wohnt, daß er damals gefangen war, gefangen bei Ausführung ſeiner Privatrache?

Die Königin wiederholte ihre Frage.

Ja, Majeſtät, antwortete endlich nach einer längeren Pauſe der Major.

Sein Zögern machte die Königin ſtutzen. Sie er⸗ innerte ſich, etwas von der Gefangenſchaft Gramonz⸗ gehört zu haben und fragte weiter:

Ihr waret ja gefangen, Herr Major?

Ich, Majeſtät das heißt

Nun, waret Ihr nicht gefangen?

Ja, ich war's, ſtöhnte mit Angſtſchweiß auf der Stirn der Major.

Wann war das? Bei welcher Gelegenheit?

Gramonzſchwieg, er konnte nicht weiter ſprechen.

Ich will die Wahrheit hören, ſprach ſtreng und finſter die Königin.

Ich, Majeſtät

Ihr wurdet vor der gedachten Schlacht gefangen. Iſt dem ſo?

Allerdings, zu Befehl, ſtotterte der Major.

Wie könnt Ihr dann die Fahnenflucht Hart⸗ ners geſehen haben?

Gnade, Majeſtät, bat Gramonz und fiel vor der Königin auf die Knie.

Ohne ihn eines Wortes zu würdigen, wies die Königin nach der Thüre und zu Tode erſchreckt ſchlich Gramonz hinaus.

(Schluß folgt.)

Weihnachten in England.

(Hiezu die Bilderbeilage.)

die Weihnachtszeit in England begangen, und

3 ſchon vierzehn Tage vorher ziehen wandernde Muſikbanden des Nachts durch alle Straßen, um

die Annäherung des Feſtes zu verkünden. Man

nennt ſie waits, und in London ſind es die Ueberbleibſel der unter dieſem Namen zur Korporation gehörenden Stadtmuſiker, welche alsLordmayors Muſik ehedem eine Art Abzeichen am Aermel trugen.

In kleineren Städten, ſowie auf dem Lande gehen des Abends verſchiedene Trupps von Knaben von Haus zu Haus und fragen an jeder Thür, ob man die mummers haben wolle. Sie ſind grotesk angezogen, haben hohe vergoldete und beflitterte Papiermützen auf dem Kopfe, viele buntfarbige Bänder und Schleifen am Körper und tragen zum Theil Schwerter. Nimmt man ſie an, ſo führen ſie ein dramatiſches Spiel auf, das ſie mysterie nennen, ſammeln, wenn ſie ihre Vor⸗ ſtellung wie gewöhnlich mit einem Liede beendigt haben, bei den Umſtehenden Geld ein, und ziehen weiter. Eins der beliebteſten Spiele, welches gedruckt acht Seiten füllt, führt den Titel: Alexander and the King of Egypt, Alexander und der König von Egypten, und wird namentlich in den Weihnachtsfeiertagen gern dar⸗ geſtellt.

Der Umzug der Carolsſänger mit ihrer wassail- bowl hat mehr und mehr abgenommen, die Carols ſelbſt, jene einfach⸗naiven Weihnachtslieder, welche früher in allen Kirchen und Häuſern, ſogar am Hofe, geſungen wurden, ſind jetzt in die unterſten Volksklaſſen verbannt, und die wassail-bowl oder wassell bowe, die einſt während der Weihnachtszeit eine ſo große Rolle ſpielte, iſt faſt ganz verſchwunden. Wie die vormals üblichen, aus dem Angelſächſiſchen ſtammenden Toaſte: was hail und drine heil(trink Heil), denen dieſe Bowle ihren Namen verdankte, den neuengliſchen Trinkſprüchen: l'll pledge you und Come, here's to you-(hier iſt für euch!) gewichen ſind, ſo iſt auch bei öffentlichen Feſt⸗ mahlen von Geſellſchaften und Korporationen der Lie⸗ besbecher, loving-cup, ein ſilberner großer Becher mit zwei Henkeln, an die Stelle der wassail-bowl getreten, indem derſelbe nach dem Eſſen links herum von Einem zum Andern geht, und jeder Anweſende, ſobald er ihn erhält, aufſteht und daraus auf das Wohl der Brüder trinkt, um dem Präſidenten Beſcheid zu thun.

Dagegen hat ſich in Ramsgate in Kent der alte Brauch erhalten, ein künſtlich gemachtes Pferd(hoden) herumzuführen, welches dem deutſchen ſogenannten Schimmel gleicht.

1 icht minder feſtlich, als in anderen Ländern wird