Julius Roſen:„Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.“ 327
Der Kammerherr, Major Gramonz, wendete ſich wieder nach des Königs Zimmern, mit der Meldung, daß der Wagen Ihrer Majeſtät harre.
„Armes Weib,“ brummte der Soldat, als er ſah, wie Elſe hinausgewieſen wurde,„ſie hat ihr Ziel doch nicht erreicht. Was nutzt es dann, wenn unſereins hie und da ein Auge zudrückt.“
Elſe war faſt von Sinnen. Sollte das Leben ihres Gatten zu Grunde gehen, weil es ihr nicht gelang, zur Königin zu kommen? Sollte der Arme ſterben, weil
ein elender Kammerherr es wagte, der Majeſtät ihr
Recht der Gnade vorzuenthalten? Mußte, durfte das geſchehen? Jede Fiber ihres Körpers rief„Nein!“ jeder Blutstropfen„Nein!“ jeder Gedanke donnerte in ihr„Nein!“ Doch was ſollte ſie thun, ſie, das arme wehrloſe Weib, der ganzen Schloßwache gegenüber? Gab es ein Mittel, die Königin zu zwingen, mit ihr zu ſprechen? Athemlos dachte Elſe nach, ſtier ſah ſie vor ſich hin und konnte den rettenden Gedanken nicht faſſen. Wohl dämmerte ihr ein Etwas durch den Kopf, ein Etwas, das groß, das erhaben ſein mußte, denn wie zu dem Cherub der Rettung ſah ſie zu dem Etwas empor, und griff darnach, ohne es haſchen zu können. Bald, bald mußte es ſich erfüllen, denn ſchon that ſich der Wagenſchlag auf, die Königin beſtieg ihre Karoſſe und die Pferde ſetzten ſich in Gang. Da hatte ſie ihren ret⸗ tenden Gedanken erfaßt, ſie hält ihn, ſie führt ihn aus. Mit einem Aufſchrei des Jubels ſtürzte ſie den Pferden entgegen und lag verwundet unter den Rädern der königlichen Karoſſe.
Der Wagen hielt.
Beſtürzt ſah die Dienerſchaft, welche herbeige⸗ ſprungen war, die blutende Frau auf dem Pflaſter liegen. Verwundert blickte die Königin zum Schlage heraus und hatte nur noch Zeit,„Halt“ zu rufen, um das Wegſchaffen Elſens zu verhindern, die über Auf⸗ trag des herbeigekommenen Gramonz ins Hoſpital geſchafft werden ſollte.
„Halt,“ rief die Königin und Gramonz ſtand ſchon beim Schlage, um ihre Befehle entgegenzunehmen.
„Wer iſt das Weib?“ fragte die Königin.
„Eine Verrückte, Majeſtät, denn ſonſt würde ſie ſich kaum abſichtlich unter die Pferde geworfen haben.“
„Es iſt eine Unglückliche,“ ſetzte ein Prieſter dazu, welcher ſich mit Elſen beſchäftigt hatte und nun zur Königin trat,„eine Sterbende, deren letzter Wunſch es iſt, die Königin zu ſprechen.“
„Mich will ſie ſprechen?“
„Majeſtät werden doch nicht—“ ſtotterte Gra⸗ monz.
„Den letzten Willen einer Sterbenden zu erfüllen iſt auch einer Königin nicht unwürdig,“ ſetzte der Prie⸗ ſter hinzu und warf einen vorwurfsvollen Blick auf Gramonz.
„Befehlen Majeſtät dem Kutſcher, weiter zu fah⸗ ren?“ fragte Gramonz.
„Nicht doch,“ entgegnete die Königin,„ich will mit der Frau ſprechen, ſchafft ſie in den Palaſt.“
„Es lebe die Königin!“ rief das Volk, welches
ſich maſſenhaft verſammelt hatte.„Es lebe unſere gute Königin, Heil ihr!“
Ob dieſe Willfährigkeit nicht Sucht nach Popula⸗ rität war, wer wollte das entſcheiden; Gramonz hielt ſie dafür, denn er brummte unwirſch vor ſich hin:„O daß doch ſelbſt eine Königin dieſem johlenden Pöbel gefallen will.“
Elſe wurde in den Palaſt getragen, Aerzte wur⸗ den herbeigerufen und unterſuchten ihre Verletzungen. Sie war ſchwer, doch nicht lebensgefährlich verwundet.
„Kommt die Königin?“ fragte ſie in fieberhafter Aufregung Jedermann, der ihr in die Nähe kam.„O ſagt doch, eine Sterbende bitte darum.“
„Beruhigt Euch,“ entgegnete der Arzt,„ſie kommt.“
„Dem Himmel ſei Dank dafür,“ ſeufzte Elſe und faltete die Hände.
Nachdem ſie verbunden und vom Blute gereinigt war, trat die Königin in das Zimmer. Sie ſchritt zu dem Bette der Kranken und dieſe hielt ihr wimmernd die Hände entgegen und flehte:„Gnade, erlauchte Frau, Gnade für mich und meinen Gatten.“
„Was wollt Ihr von mir?“ fragte mit ſanfter Stimme die Königin.
„Mein Gatte iſt zum Tode verurtheilt,“ erzählte Elſe,„und ſoll übermorgen hingerichtet werden.“
„Ich habe davon gehört,“ entgegnete die Königin. „Alſo Ihr ſeid die Frau des Unglücklichen?“
„Ja, Majeſtät, ich bin das Weib des Unglück⸗ lichen und die Urſache ſeines Todes.“
„Ihr wäret—“
„Ich bin's, Majeſtät, mein Gatte ſtirbt un⸗ ſchuldig.“
Mit fieberhafter Haſt erzählte nun Elſe, von krankhafter Schwäche öfter unterbrochen, den Hergang von Wilhelms Verurtheilung. Sie erzählte, wie er ſie untreu geglaubt, wie er ſich vorgenommen habe, zu ſterben, und bat endlich mit hoch erhobenen Händen um Gnade.„Euch wird der König die Bitte nicht ab⸗ ſchlagen, hohe Frau,“ flehte ſie,„Ihr ſeid ja ſo ſchön und gut und er liebt Euch. O helft, rettet die Unſchuld vor dem ſchmachvollen Tode.“
Die Königin war gerührt. Der Heroismus El⸗ ſens, welcher ſie dem Tode preisgegeben hatte, welcher ſie unter die Hufe ihrer Pferde trieb, imponirte ihr und weckte ihr Intereſſe an dem Schickſale des armen Wilhelm.
„Ich will die Sache unterſuchen laſſen, beſte Frau,“ ſprach ſie zu Elſe und wollte ſich entfernen. Dieſe aber faßte den Saum ihres Kleides und bat: „O gebt mir Troſt und Arznei, hohe Frau, geht nicht von hinnen, ohne mir Hoffnung gegeben zu haben. Laßt, Euch rühren, um der Barmherzigkeit des Himmels willen!“
„Hofft,“ ſprach mit einem gnädigen Kopfnicken die Königin und ſchritt zur Thüre hinaus.
„Hoch lebe die Königin!“ rief Elſe und ſank dann bewußtlos in die Kiſſen zurück.
Der Inhalt des Geſpräches der Königin mit dem armen Soldatenweibe konnte natürlich nicht lange ein


