Jahrgang 
1864
Seite
326
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326 Julius Roſen.Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

Und an die Verzweiflung Deines Weibes denkſt Du nicht, Wilhelm? entgegnete vorwurfsvoll das junge Weib.Du glaubſt ich werde Dich überleben? Wenn Ou ſtirbſt, dann nimm die Ueberzeugung mit, daß wir Beide in einer Minute hinübergehen!

Verzeihe mir, Elſe, ich trat Deinem Herzen nahe. Mit dieſen Worten zog Wilhelm ſein Weib an ſeine Bruſt und unaufhaltſam rannen ihm aus den brennenden Augen die herbeigewünſchten ſüßen bitteren Tropfen. Der wilde Schmerz war gebrochen, das Herz erhob ſich zur Höhe wehmuthsvoller Reſignation. Herz an Herz weinten die beiden Gatten ihr ſchweres Geſchick aus, und ſahen ſich nach einiger Zeit wunderbar erhoben in die Augen.

Mein Wilhelm, flüſterte Elſe,ich kann Dich nicht ſterben laſſen, ohne vorher nicht Alles verſucht zu haben, was Dich retten kann. Das Kriegsgericht hat Dich zum Tode verurtheilt, der König hat das Urtheil beſtätigt, der König kann Dich retten.

Er wird es nicht!

Ich will ſeine Füße umfaſſen, will ihm meinen Schmerz und mein Elend malen mit den Farben der Verzweiflung, er wird gerührt mich aus dem Staube heben und helfen, wo zur Hilfe nur ſein ‚Ich will von⸗ nöthen iſt. Ich eile und bitte um eine Audienz.

Du bitteſt umſonſt. Er kann, er darf mich nicht begnadigen, denn Gnade wäre Schwachheit, und dieſe ein ſchlechtes Exempel! Ich muß ſterben!

O nimm mir nicht den letzten Troſt, ich klammere mich daran, wie ein Ertrinkender ſich an einen Stroh⸗ halm klammert. Gottes Macht iſt unendlich, er kann Alles!

Die beiden Gatten ſchieden mit einer langen Umarmung.Wenn Ou nichts gerichtet, Elſe, ſprach Wilhelm ſtockend zu ſeiner Gattin,vergiß in Deinem Schmerze nicht, daß ich Dich erwarte, ehe meine letzte Stunde ſchlägt. Lebe wohl!

Weinend verließ Elſe das Gefängniß und ging geraden Weges zur Königsburg. Die Arme glaubte, daß man mit Königen verkehren könne, ſo wie mit Gott, zu deſſen Altar Jedermann gelangen kann, arm oder reich, gut oder böſe.

Am Chore ward ſie angehalten und nach ihrem Begehr gefragt.Ich will zu dem Könige, antwortete ſie zitternd.

Er gibt in dieſer Woche keine Audienzen, erhielt ſie zur Antwort.Kommt auf die Woche wieder.

Dann iſt es ja zu ſpät, jammerte ſie,ich will den König um Gnade flehen. Wenn er dieſe nicht gleich gewährt, wird ſie unmöglich..

Entfernt Euch, rief ihr der Poſten zu,Ihr dürft hier nicht ſtehen bleiben.

Unſanft fortgeſtoßen ſchritt die Arme weiter, rath⸗ los und verzweifelnd. 3

Wenn ſie den König nicht ſehen konnte, vielleicht gelang es ihr beſſer bei der Königin. Dieſe war eine Frau, ſie mußte das Leid des armen Weſens mit em⸗ pfinden, mußte barmherzig ſein und den König zur Gnade bewegen. Sie kehrte nach der Burg zurück.

Seid Ihr ſchon wieder da, raunte ihr der Poſten entgegen.

Ich will nicht mehr zum König, entgegnete bittend Elſe,ich habe mir das überlegt, o laßt mich zur Königin.

Auch bei der iſt heute kein Audienztag. Da könnt Ihr übermorgen kommen.

Ach guter Gott, dann iſt es ja zu ſpät. Ich bitte Euch, laßt mich ein. Es handelt ſich um das Leben meines Gatten. Wenn ich das Antlitz der Königin nicht ſchauen kann, dann ſtirbt mir der Gatte und ich ſterbe mit ihm. O habt Erbarmen mit meinem Schmerze und laßt mich ein.

Der Soldat betrachtete die angſterfüllten Züge der armen Frau und wurde gerührt.Schlüpft hinein, brummte er,ich will Euch nicht geſehen haben.

Habt Dank, tauſend Dank, jubelte Elſe und ſchlüpfte in das Thor des königlichen Palaſtes.

Auf der hohen ſchönen Freitreppe blieb ſie ſtehen. Wohin ſollte ſie ſich wenden. Als ſie alſo rathlos da ſtand, trat ein Bediente auf ſie zu und fragte nach ihrem Begehren.

Ich möchte zur Königin, bat Elſe,ich muß ihre Gnade erflehen, auf daß das Leben einer ganzen Familie erhalten werde.

Der Bediente wollte Elſen fortweiſen. Dieſe bat aber ſo flehendlich, daß er ſich endlich erweichen ließ und ſie im Korridor ſo aufzuſtellen verſprach, daß ſie ſich, wenn die Königin zu ihrem Wagen herabſteigen würde, ihr zu Füßen werfen könnte. Elſe dankte und wollte dem Diener die Hand küſſen.

In dieſem Momente trat aus den Gemächern des Königs ein Mann heraus, erblickte Elſe und fragte verwundert den Diener nach dem Begehr dieſes Weibes.

Der Diener, welcher ſein Unrecht, Elſen einge⸗ laſſen zu haben, fühlte und deſſen Folgen fürchtete, er⸗ klärte, das Weib habe ſich in den Palaſt geſchlichen, um der Königin eine Bittſchrift zu überreichen, er habe ſie gerade fortſchaffen wollen.

Thut das, befahl ihm der Herr,die Königin fährt im Augenblicke fort, ſie darf dieſes Weib nicht auf ihrem Wege finden.

Elſe warf ſich dem Herrn zu Füßen.O gewährt mir einige Minuten, gnädiger Herr, bat ſie den Mann, das Leben meines Gatten, mein und meines Kindes Leben ſind auf dem Spiele. Nur die Majeſtät kann mich retten.

Wer iſt Euer Gatte? fragte der Mann.

Er iſt vom Kriegsgerichte zum Tode verurtheilt und ſoll in zwei Tagen erſchoſſen werden. O laßt Euer Herz erweichen, laßt mich die Königin ſprechen, die Zeit drängt, jede Minute iſt ein Menſchenleben werth.

Ah der Freche, welcher Brander forthalf, rief höhniſch der Mann und ſtieß Elſen zurück,der muß ſterben, da gibt es keine Gnade. Er gab dem Diener den Befehl, das Weib augenblicklich in Güte oder mit Gewalt herauszubringen und blieb ſtehen, bis ſeinem Befehle nachgekommen und Elſe auf die Straße hinausgeworfen war.