Jahrgang 
1864
Seite
325
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Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

Ich ſollte Euch nicht ſtören, ſprach der Schlie⸗ ßer,und Niemand zu Euch laſſen. Mit dieſer da werdet Ihr wohl eine Ausnahme machen.

Wilhelm ſah die Eingetretene an, konnte ſie jedoch nicht erkennen, da ſie ihr Tuch über das Geſicht gezogen hatte. Er hörte nur, daß ſie ſchluchzte.Wer iſt die Frau? fragte er den Schließer.

Ich bin es, rief ſchluchzend Elſe, warf das Tuch ab und fiel zu ſeinen Füßen.

Elſe! rief er und wehrte ſie von ſich ab.

Unglückſeliger, was haſt Du gethan, ſchluchzte Elſe.

Der Schließer entfernte ſich und ließ die Beiden allein.

Was willſt Du noch von mir? fragte ſanft der junge Mann.Willſt Du meine Verzeihung haben? Du haſt ſchwer an mir geſündigt, doch ich verzeihe Dir, denn auch ich hoffe auf die Vergebung Gottes!

Unglückſeliger, was haſt Du gethan. wieder⸗ holte Elſe und faßte nach ſeinen Händen. Mehr konnte ſie nicht ſprechen, krampfhaftes Schluchzen er⸗ ſtickte ihre Stimme.

Was ich gethan habe? entgegnete Wilhelm und ſuchte ſich von ihr loszumachen.Ich habe die Wohnung gekündigt, in welcher ich mich unglücklich fühlte, ich habe beſchloſſen, zu ſterben.

Um mich, jammerte Elſe.

Ich wollte Dir's nicht ſagen, Elſe, entgegnete Wilhelm,doch Ou ſagſt es ſelbſt und ich wieder⸗ hole es: Um Dich!

O ich armes unglückliches Weib!

Ja, bei Gott, das biſt Du. Es muß entſetzlich ſein, leben zu müſſen, ſo wie Du leben wirſt. Jeder Tag weckt den Gedanken in Dir: Ich habe ihn ge⸗ mordet, um mich zu fliehen, nahm er ſich das Leben. Ich habe es ihm unleidlich gemacht. Das muß fürchter⸗ lich ſein und darum ſage ich mit Dir: Armes unglück liches Weib!

O des unſeligen Irrthums, der bodenloſen Falſchheit! jammerte Elſe.Wie konnteſt Du dem Vetter glauben, Wilhelm?

Halt, nicht weiter, Elſe, rief Wilhelm und winkte ihr zu ſchweigen.Nicht weiter, ſonſt weicht meine Reſignation dem beleidigten Gefühle des Gatten. Daß Ou erſchüttert biſt, iſt gut, denn es zeugt von Reue, und Reue iſt der erſte Schritt zur Beſſerung. Nur rein mußt Du nicht ſein wollen, das hieße mich beſchul⸗ digen, ſtatt Beſchuldigungen zu beſchönigen.

Armer Mann, dem ich das Leid nicht erſparen kann. Wie Du mich auch dauerſt, ich muß Dir dennoch ſagen, daß Dein Tod ohne Grund, das Opfer teufliſcher Bosheit iſt.

Schweig, Elſe, ich will nichts weiter hören, rief ängſtlich der junge Mann.Doch nein, ſprich, be⸗ kenne! Warſt Du bei Vetter Chriſtian?

Ja, ich war bei ihm.

Entflohſt Du aus ſeinem Hauſe?

Ich mußte entfliehen. Allein flohſt Du von dort?

Ich floh mit einem Manne.

Gott ſei Dankl Sie iſt ſchuldig.

Ich bin unſchuldig, Wilhelm. Jener Mann war in Gefahr, gefangen zu werden. Chriſtian war um die Wache gegangen, um ihn zu verhaften. Ich mußte ihn retten, denn es war Dein Freund.

Mein Freund?

Berger, des Grafen Brander, unſer aller Retter!

O mein Gott, rief Wilhelm und bedeckte das Geſicht mit den Händen.Ich Unglückſeliger, was habe ich gethan!

Der arme Mann war in Verzweiflung. Jetzt, wo er ſich von der Unſchuld ſeiner Gattin überzeugt hatte, gewann das Leben neuen Reiz für ihn und er hatte es verwirkt, er mußte ſterben, ſterben durch eigene Schuld. Das Fehlerhafte ſeines Handelns, das Unchriſtliche ſeines Entſchluſſes trat nun lebhaft vor ſeinen Geiſt und um⸗ ſonſt ſuchte dieſer nach einem lichten Punkte in dem Chaos ſeiner Zukunft. O wie glücklich hätte er nun ſein können. In den Armen ſeines alten Vaters, an der Bruſt des Weibes, welches durch That und Ausdauer den begangenen Fehler geſühnt, an der Seite ſeines Kindes, unter dem Schutze des edlen Grafen winkte ihm eine heitere, ruhige Zukunft, und dieſe hatte er ſelbſt ver⸗ ſcherzt, in wilder, unberechtigter Eiferſucht verſcherzt! Er mußte den Tod des Verbrechers ſterben, er, der nur an ſeinem eigenen Geſchick gefrevelt hatte. All dieſe Gedan⸗ ken drängten unwiderſtehlich auf ihn ein und preßten ihm das Herz zuſammen, daß es hätte ſpringen mögen. Kein Troſt ſchimmerte ihm entgegen, ſchwarz war Alles, wo⸗ hin er blickte, ſchwarz in Trauer gehüllt ſeine ganze Seele! Faſt beſinnungslos unter der Einwirkung dieſes fürchterlichen Schmerzes warf er ſich am Boden herum und ſtöhnte, ſich und ſein Schickſal verfluchend. Er hörte nicht auf Elſens fromme Worte, welche ſich beſtrebte, ihn zu rühren, der Thränen koſtbaren Balſam in ſeine Augen zu locken, auf daß ſich Wehmuth in ſein Herz ergieße und ihm Erleichterung gewähre.

Vertraue auf Gott, Wilhelm, flüſterte ſie ihm zu,er iſt allmächtig und gut, er wird es nicht zu⸗ geben, daß der Gerechte den Tod der Sünder ſterbe. Beruhige und faſſe Dich, helfe mir nachdenken, was noch zu thun iſt, um Dich zu retten.

Alles, Alles iſt verloren, ſtöhnte Wilhelm. Ich habe mich an Gott und ſeinem Willen verſündigt, er weiß nichts mehr von mir.

Doch, mein Beſter, er kennt, er prüft Dich. Faſſe Muth, mein Gatte. War ja der Graf auch ſchon ver⸗ urtheilt und erwartete ſein Ende, und dennoch hat ihn Gott gerettet mit Hilfe guter Menſchen. O verzweifle nicht.

Was willſt Du thun? Willſt Du mit dem Kopf durch die Mauer rennen und mir alſo einen Ausgang bahnen? Soll ich meine Selbſtanklagen widerrufen und den Spruch aufzuſchieben trachten? Wird man mir glauben? Man wird mir nicht glauben, denn ich habe mich im Gewebe meiner eigenen Lügen gefangen und gehe elend zu Grunde. O mein armer Vater, mein armes, armes Kind!