Jahrgang 
1864
Seite
324
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324 Julius Roſen:Schleswig⸗Holſtein meerumſchlungen.

wohns in ſeine Seele gelegt und er wird an ſeinem Herzen nagen, bis er die Liebe zu mir herausgenagt auf die letzte Spur. O ſo möge doch der Himmel Deine verfluchte Rachſucht ſtrafen durch Unglück, Elend und Schande. Mögeſt Du zu Grunde gehen mit ſammt Allem, was Dir lieb und theuer iſt. Weil Du eine ge⸗ meine Seele haſt, hielteſt Du meine Empfindungen für gemein, weil Dich nur der eigene Vortheil bewegt und Deine träge Natur zur That anſpornt, glaubteſt Du, auch ich müſſe nur meinetwegen handeln? Ich habe eine edle That vollbracht, Du hielteſt es für Chebruch, ich habe meines Gatten Freund gerettet und Du raubſt mir dafür den Gatten. Verflucht ſeiſt Du, verflucht für immer!.

Mit ungeahnter Kraft ſchüttelte ſie den Fiſcher, welcher ſich ihrer kaum zu erwehren vermochte. Endlich gelang es ihm, ſich von ihr loszumachen, und ſie zur Erde ſchleudernd griff er nach einem Ruder, um ſie damit zu ſchlagen.Ich ſchicke Dich der Hölle zu, rief er außer ſich vor Zorn,und will mir ein Verdienſt daraus machen, Dich erſchlagen zu haben, Schlange! Deine Märchen mögen gut genug ſein für leichtgläubige Weiber. Mich betrügſt Du nicht damit. Schon wollte er einen Schlag nach ihr führen, welcher ihr unfehlbar die Hirnſchale zerſchmettert hätte, als Mutter Frieb herbeiſprang und ihm das Ruder aus der Hand riß.

Was ſoll das, Chriſtian!l rief ſie ihm mit ſtrenger Stimme zu,willſt Du einen Mord auf Deine Seele laden? Laſſe Elſen in Ruhe. Sie iſt beſtraft genug, denn ihr Gatte verabſcheut ſie und ging mit dem feſten Entſchluſſe von hinnen, ſich um den Hals zu reden. Da drinnen in Kopenhagen iſt das leichte Mühe. Man wird ihn ſtatt des Grafen Brander hängen. Darum laſſe ſie, ſie iſt beſtraft genug.

Mit einem Schrei war Elſe zu Boden geſunken. Das Schickſal hatte ſie niedergeworfen und drückte mit fürchterlicher Gewalt auf ihre Seele. Sie ſollte alſo dennoch die Urſache ſeines Todes ſein, und ohne Schuld. Hatte ſie denn noch nicht genug gebüßt? Einige Minu⸗ ten lag ſie regungslos da und kümmerte ſich nicht um Mutter Frieb, welche ihr hilfeleiſtend beigeſprungen war. Plötzlich ſchnellte ſie wie ein Pfeil empor, ſah finſter vor ſich hin, ſtrich ſich die aufgelöſten, thränen⸗ feuchten Haare aus dem Geſichte, athmete hoch auf und ſchon flog ſie mit wunderbarer Schnelligkeit über die Ebene.

Mutter Frieb ſah ihr mit theilnehmenden Augen nach.Vater, ſprach ſie vorwurfsvoll zu ihrem Gatten,ich fürchte, Du haſt ihr Unrecht gethan, denn glaube mir, das Weib iſt unſchuldig!

5.

Wilhelm war nach Kopenhagen gebracht wor⸗ den. In das Gefängniß geführt, wurde er als entflohe⸗ ner Kriegsgefangener erkannt und ſollte als ſolcher be⸗ handelt werden. Das war jedoch nicht nach ſeinem Sinne. Er war des Lebens überdrüſſig und hatte be⸗

ſchloſſen es zu enden. Was ſollte er auch noch auf der Welt. Seine Gattin war ihm untreu geworden, ſein Glaube an die Menſchheit war erſchüttert, er hätte nur mangelhaft ſeinen Vaterpflichten nachkommen können und es war beſſer, wenn ſein Kind in die Pflege ſeiner Schweſter und unter den Schutz des Grafen Brander kam.

Er verlangte vor den Kommandanten des Gefan⸗ genhauſes geführt zu werden,Herr Major, ſprach er zu dieſem, ‚ich bin mir ſchwerer Verbrechen bewußt und will ſühnen. Ich habe dem Grafen Brander zur Flucht verholfen und kann es beweiſen. Nun beſchrieb er die Ausführung des Handſtreiches ſo genau, daß an der Wahrheit ſeiner Ausſage nicht gezweifelt werden konnte.

Sie ſollen vor Gericht geſtellt werden, entgeg⸗ nete der Major,und ich hoffe, daß die Aufrichtigkeit Ihrer Ausſagen Ihnen das Leben rettet.

Ich habe noch nicht Alles geſagt, fuhr Wil⸗ helm fort.

Noch nicht Alles? fragte verwundert der Major. Was hätten Sie noch begangen?

Ich bin kein öſterreichiſcher Krieger, ſprach Wil⸗

(helm,ſondern ein däniſcher Deſerteur. Der Name,

welcher in den Büchern eingeſchrieben ſteht, iſt falſch, ich kam in der Abſicht, Branders Flucht zu begün⸗ ſtigen und zu fördern nach Kopenhagen.

Sie wurden fahnenflüchtig?

Ja, Herr Major, ich entfloh und habe gegen meinen König gekämpft. 3

Der Major ließ Wilhelm fortführen, dieſer kam jedoch nicht mehr in ſein früheres Gefängniß zurück, ſondern wurde wie ein gemeiner Verbrecher behandelt. Da er angegeben hatte, bei der Abtheilnng des Major Gramonz gedient zu haben, wurde dieſer zur Be⸗ ſtätigung der Angaben Wilhelms verhalten und be⸗ ſtätigte ſie, obwohl er damals gar nicht bei der Truppe anweſend geweſen war. Hatte er doch Gelegenheit, ſeinem Haſſe gegen einen Deutſchen Luft zu machen und war es ihm doch Wonne, einem Menſchen zu ſchaden, welcher ſeinem verhaßteſten Feinde zur Flucht verholfen hatte.

Wilhelm kam vor ein Kriegsgericht. Er verſuchte es gar nicht, ſich zu vertheidigen, er wollte zum Tode verurtheilt werden, und man hätte den Ausdruck der Befriedigung in ſeinem Geſicht leſen können, als der Richterſpruch:Tod durch Pulver und Blei! ihm be⸗ kannt gegeben wurde. In drei Tagen ſollte das Urtheil vollzogen werden.

Als man ihn in's Gefängniß zurückbrachte, bat er, von der üblichen Ausſtellung abzulaſſen und die drei letzten Tage ihn ſich ſelbſt und ſeinen Gedanken zu über⸗ laſſen. Er wollte ſich mit den Erinnerungen an ſeine glückliche Vergangenheit tröſten und ſtärken, um gefaßt dem Ende ſeiner Leiden entgegenzugehen.

Man verſprach, ſeinem Wunſche zu willfahren. Dennoch wurde er noch an demſelben Tage geſtört. Der Gefängnißwärter trat ein und hinter ihm ſchlich eine vermummte, zitternde Geſtalt.