318 Feuilleton.
Ich ſtand und wartete— da ertönte die Schiffsglocke zweimal und zum drittenmal; die Barrière wurde geöffnet, Alles ſtrömte auf's Schiff. Mein Mentor packte mich und zog mich hinauf, ſo daß ich ſelbſt kaum wußte, wie ich hinauf gekommen. Die Taue wurden losgeworfen, das Waſſer rauſchte unter den Rädern und vorwärts ging's. Gott ſei Dank, dachte ich mir, bis Riga biſt du nun ſicher.“
In Riga gab Piotrowski ſich für einen Händler aus, der Schweinsborſten zuſammen kauft, und richtete ſeine Wanderungen ſo ein, daß ſie ihn der preußiſchen Grenze immer näher brachten. In einem Gehöft, von wo er das rettende Gebiet überſchauen konnte, bereitete er ſich auf den gefährlichſten Moment der ganzen Flucht vor. In der Nähe hatte er ein Gebäude bemerkt, das er für eine Kaſerne hielt.„Um mich darüber zu vergewiſſern, fragte ich die Wirthin, die eben hereintrat, gewiß, um mich hinaus zu komplimentiren, indem ich meinen Sack auf die Schul⸗ tern nahm:„Und in jenem Hofe da, bekomm' ich da vielleicht Borſten?“—„O du biſt wohl nicht geſcheit, das ſind ja Kaſernen, da geh ja nicht hin, denn dort würde man dich gleich einſperren.“—,Und warum denn?“— „Na, man würde denken, daß du über die Grenze wollteſt.“— „Grenze? Was denn für eine Grenze?“—„Na biſt du ein merkwürdiger Kunde! du weißt nicht einmal, daß hier die Grenze iſt?—„Und wo iſt ſie denn, bitte, zeigt ſie mir, in meinem Leben hab' ich keine Grenze geſehen!“— „Na, ſo komm her! Siehſt du dort den Graben?“— „Freilich!“—„Na das iſt die Grenze, und jener Roggen da, der zwiſchen dem erſten und zweiten Graben ſteht, gehört noch uns, jene Birke jenſeit des Grabens ſteht auf der Grenze ſelbſt, ſiehſt du? und da jenſeit des dritten Grabens iſt ſchon preußiſch Land.“—„So, ſo, na danke ſchön! da wär' ich gut angekommen, denn ich wollte eben dahin gehen.“—„Thu das ja nicht, ſonſt geht dir's ſchlecht.“—„Aber wer wohnt denn da jenſeits?“—„Na, wer ſoll denn da anders wohnen, als die Preußen.“— „So, ſo, na da lebt wohl!“—„Geht mit Gott und nicht an die Grenze, hört ihr?“
Ich ging den Weg nach Polangen und wandte mich dann links gegen die Grenze, legte mich etwa 20 Schritt vom erſten Graben in's Gras unter einen Baum, gleich⸗ ſam um auszuruhen, in Wirklichkeit aber, um Muth zu ſammeln und Gelegenheit zum Uebergange abzupaſſen. Es mochte 3— 4 Uhr Nachmittags ſein. Ich war etwa zehn Minuten unſchlüſſig, endlich rief ich mir zu: Zum Leben oder zum Tode in Gottes Namen vorwärts! nahm mein großes Meſſer in die rechte Hand, den Sack in die linke und näherte mich mit ſchnellen Schritten dem tiefen breiten Graben, deſſen Aufwurf mit Sträuchern bewachſen war. An dieſen kletterte ich hinauf. Nur noch ein ſchmaler Raum trennte mich von dem preußiſchen Lande. Links etwa 300 Schritt lag die Kaſerne, vor mir auf einige hundert Schritt oder weniger gingen zwei Schildwachen grade auseinander, es war kein Augenblick zu verlieren, ich ſchlüpfte in den Roggen, um von der Kaſerne aus nicht geſehen zu werden. Von da, wo der Roggen auf⸗ hört, lief ich, ſo ſchnell ich konnte, und ſetzte über den Graben.—„Halt! Schieß!“— hörte ich zu beiden Sei⸗ ten, aber ſchon war ich über den dritten Graben auf preußiſchem Territorium und barg mich in ein kleines Wäldchen. Nun ſchießt ſo viel ihr wollt, dacht' ich mir, lief indeſſen doch ſo ſchnell als möglich weiter, bis ich unter einer breitarmigen Eiche, die ihre Zweige bis zum Boden ſenkte, mich ſicher glaubte. Die ganze Operation über die drei Gräben hatte gewiß keine zwanzig Sekunden gedauert. In meinem Leben war ich ſo ſchnell nie ge⸗ weſen.— Ich konnte es kaum faſſen, daß ich nicht mehr auf ruſſiſchem Gebiete war.
Unterdeſſen hörte ich den Lärm und Aufruhr, deu meine Flucht in der Kaſerne veranlaßt hatte.„Warum haſt du, Hundeſohn! nicht geſchoſſen, warum nicht aufge⸗ paßt?—„Der Teufel hat den verfluchten Kerl geſehen! Noch hat es Niemand gewagt, vor unſern Augen am hellen
Tage hier durchzubrechen. Verfluchter Hundeſohn, muß ein buntowczyk(Rebell) ſein— und warum paſſen die Hunde von Preußen nicht auf?“ u. ſ. w., dazwiſchen Stockſchläge, Ohrfeigen, Jammergeſchrei der Geſchlagenen, Bitten und Flehen um Barmherzigkeit.... kurz es war ein vieliömig Koncert. Ich lag ruhig, das Meſſer in der Hand.
Dieſer Lärm mochte ungefähr eine Stunde gedauert haben, als Alles wieder ſtill wurde. Ich konnte für den Augenblick nicht daran denken, meinen Schlupfwinkel zu verlaſſen, denn das Wäldchen war gar zu klein und ringsum offenes Feld. Ich wagte alſo erſt gegend Abend, die Naſe etwas hinauszuſtecken und mich umzuſehen. Alles war ruhig. Ich legte mein Meſſer an die Seite, doch ſo, daß ich es jeden Augenblick faſſen konnte, holte mein Raſirmeſſer, Seife und meinen Spiegel hervor und begann mich zu civiliſiren. Es war eine ziemlich ſchwierige Ope⸗ ration, die nicht ohne Blutvergießen und viele Schmerzen abging, und doch ſchor ich den Bart eben nur vorn, den Reſt ſäbelte ich in Ermangelung einer Schere mit dem Meſſer ab, indem ich ein Stück Holz darunter legte, dann band ich mir ein Tuch um den Reſt des Bartes, um ihn modern zu gewöhnen, und kämmte mein ſehr ſpärliches Haar auf's beſte. Aus meiner ſibiriſchen Mütze, die einſt roth, jetzt aber verblichen und dick wattirt war, trennte ich Watte und Unterfutter heraus, nähte ſie oben ſeitwärts und machte daraus eine Art franzöſiſcher bonnet de police. Bedenkt man, daß ſie unten rund herum mit Pelz ver⸗ brämt war, ſo wird man begreifen, daß das Ding poſſirlich genug ausſah; da ich indeſſen von jetzt ab einen Franzoſen ſpielen wollte, ſo war ſie ganz gut, und einem Franzoſen iſt in Kleidung alles erlaubt, da die ganze Welt ihre Moden von ihm erhält. Endlich zog ich auch ein reines Hemde an, und als ich mit Allem fertig war, begann es bereits dunkel zu werden; doch blieb ich noch ſo lange in meinem Verſteck, bis ich vermuthete, daß die Leute von den Fel⸗ dern bereits heimgekehrt, dankte Gott für meine bisherige Rettung und kroch als ganz civiliſirter Abendländer hervor.“
Eine ernſte Gefahr erwartete ihn in Königsberg. Man traf ihn Nachts ſchlafend auf der Straße, ermittelte, daß er ein aus Sibirien entflohener Pole ſei, und hätte ihn nun, da eine Requiſition aus Petersburg kam, aus⸗ liefern ſollen. Viele Bürger nahmen ſich ſeiner an, die Polizei entließ ihn aus Mitleid, am 22. Oktober 1846 war er wieder in Paris.(Eur.)
Kleine Prager Chronik.
Das wichtigſte Theaterereigniß der abgelaufenen vier⸗ zehn Tage war die Aufführung von Feuillets„Montjoye“. Nachdem faſt alle größeren Bühnen Deutſchlands, ja ſogar die kleine böhmiſche Bühne in Prag das geiſtreiche Schauſpiel ſchon vor Monaten zur Aufführung gebracht hatten, kam dasſelbe endlich am 9. d. im königl. deutſchen Landestheater zur Darſtellung. Es hatte einen anſtän⸗ digen Erfolg, welcher ſich gewiß zu einem dauernden ge⸗ ſtalten wird, wenn manche übermäßige Längen gekürzt und das Zuſammenſpiel lebhafter werden wird. Ehe wir uns in eine Beurtheilung dieſes Pariſer Lebensbildes ein⸗ laſſen, wollen wir die Handlung erzählen:
Montjoye, ein armer mittelloſer Kommis, ſchwingt ſich durch Fleiß und praktiſchen Sinn zum Kaufmann empor, entführt das Mädchen ſeiner Liebe und kehrt mit ihr als ſeiner Frau nach Paris zurück. Er tritt in Kom⸗ panie mit dem Kaufmanne Sorell, gräbt nach Gold, be⸗ trügt ihn, unterſchlägt Briefe, trennt ſich von dem rui⸗ nirten Manne und kauft dann, als ſich Sorell aus Verzweiflung ſelbſt entleibt hat, um einen Spottpreis die Minen, welche wohl kein Gold, aber einen ungeheuren Reichthum Kupfer enthalten, beutet ſie aus und wird ein vielfacher Millionär. Das alles hat Feuillets Egoiſt mit vielen anderen gemein. Worin Montjoye einzig daſteht, iſt ſein Verhältniß zu ſeiner angeblichen Frau.


