Feuilleton. 317
herrſchte, mit den Leuten menſchlich genug umgegangen. Am meiſten waren Dußzezanski und Waſiejew gefürchtet, welche zwar ſelten, aber dann ruſſiſch ſtraften. Dennoch habe ich von ſehr Vielen gehört, daß ihnen das Leben hier erträglicher wäre, als zu Hauſe oder beim Militär; bei alle dem glaube ich indeſſen, daß gewiß wenige hier geblieben wären, wenn man es ihnen freigeſtellt hätte zurückzukehren, obwohl es ihnen unzweifelhaft hier beſſer ging.“
„Indem ich die oben angegebene Summe Geldes allmonatlich verdiente und der Inſpektor mir aus meinen Fonds fünf bis zehn Rubel auf den Monat zahlte, ſo lebten wir bei der außerordentlichen Billigkeiten aller Le⸗ bensmittel ganz vortrefflich. Nie habe ich in Frankreich ſo gut gelebt. Sieſicki bekam nur drei Rubel und zwei Pfund Mehl, aber dafür brachte er oft einen Haſen, oder Auerhahn und Fiſche, die er meiſterhaft in Seen und Flüſſen zu fangen verſtand. Alles, was wir hatten, be⸗ ſaßen wir gemeinſchaftlich, das Mein und Dein hörte zwiſchen uns auf, Alles war unſer. Kartoffeln und Grün⸗ zeug hatten wir für den Winter aus unſerem Garten zur Genüge. Der eigentliche Wirth war Sieſicki, denn er verſtand das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Er war ſo zu ſagen Eigenthümer des Hauſes, er beauf⸗ ſichtigte die Wirthſchafterin, ſorgte für Lebensmittel und Holz, für das Mittageſſen und that, was ihm gefiel. Ich war damit außerordentlich zufrieden und befand mich da⸗ bei ſehr wohl; und ſo herrſchte Ordnung und Eintracht. Die Tagesordnung war ein⸗ für allemal dieſelbe. Des Morgens, ehe ich in's Bureau ging, tranken wir Thee, zu deſſen Fabrikation wir unſeren eigenen Samowar hatten, aßen dann in Butter oder Speck gebratene Kartoffeln oder ein Stück Fleiſch, oder ein friſch Gebäck. Unſerer Wirthin bezahlten wir eine Kleinigkeit, aber gaben ihr Wohnung und Tiſch. Morgens heizte ſie Ofen und Kamin und be⸗ reitete uns das Frühſtück. Nach dem Frühſtück ging's auf's Bureau. Zwiſchen 12 und 1 Uhr war Mittag, ge⸗ wöhnlich aus drei Gerichten beſtehend, Fleiſchbrühe, Fleiſch mit Gemüſe und Braten. Dann ging's wieder auf's Bu⸗ reau zur Arbeit. Abends aßen wir zu unbeſtimmter Zeit, je nachdem wir nach Hauſe kamen, das, was vom Mit⸗ tag übrig geblieben war, und tranken Thee. Was alſo materielles Leben anbetraf, ſo hatten wir alle Urſache, uns ganz behaglich zu fühlen. Freilich lebten nicht alle Gefangenen ſo wie wir, denn nicht alle verdienten ſo viel, aber beziehungsweiſe lebten alle beſſer als in ihrer Hei mat und wurden beſſer behandelt, als die Leute von vielen polniſchen und ruſſiſchen Herren in Podolien und der Ukräne behandelt werden.“
Piotrowski blieb an dieſem Orte vom Juli 1844 bis zum Februar 1846. Von der Regierung begnadigt zu werden, hatte es keine Ausſicht, und ſo entſchloß er ſich zur Flucht. Sein Plau war, als Bauer verkleidet mit einem Dokument, das ſich im Nothfalle als Paß benutzen ließ, zur Meſſe von Irbit zu gehen, und ſich von da nach Archangel am weißen Meer zu wenden. Auf dieſem Wege von 457 deutſchen Meilen, die er muthmaßlich zu Fuß machen mußte, ſuchte man ihn gewiß am wenigſten, und eben darum erwählte er ihn. In ſeinen Bauerkleidern, mit beſſern Kleidern in einem Reiſeſack und mit 190. Rubel Aſſignaten, verließ er am 8. Februar die Kolonie, in der er ſiebenzehn Monate gelebt hatte, war drei Tage ſpäter in Irbit, mitten im Gewühl der großen Februar⸗ meſſe, und ſchlug unter der Maske eines Knechts, der ſei⸗ nem Herru vorangeht, den Weg nach Norden ein. Tag und Nacht ſetzte er ſeinen Weg fort, mit Wäldern, Schnee und Eis zu ſtetigen Begleitern, meiſtens zu Fuß, zuweilen auf einem Schlitten, der ihn eine Strecke mitnahm, und ſein Nachtquartier, wie es eben paßte, im Buſch oder in einer Schenke nehmend. Als es zu thauen anfing, und die Fußreiſe in dem bodenloſen Schlamm, der im Früh⸗ ling an die Stelle der Straße tritt, zu einer Unmöglich⸗ keit wurde, befand er ſich an der Dwina und vermietheter ſich als Botsknecht nach Archangel. Auf ein fremdes
Schiff konnte er nicht gelangen, und wieder wanderte er zu Fuß weiter, bis Onega, wo er ſein altes Mittel der Vermiethung als Schiffsknecht zum zweiten Male anwen⸗ dete. So kam er nach Petersburg, aber nun war er rath⸗ los. Er kannte Niemanden und durfte, um ſich nicht zu verrathen, keine Erkundigungen einziehen, wie er es an⸗ fangen müſſe, um aus Rußland zu kommen.
Wie ihm der Zufall behilflich war, erzählt er auf folgende Weiſe:„Ich wußte ſehr wohl, daß von Peters⸗ burg ein Dampfſchiff nach Havre geht, aber ob das grade jetzt geſchehen würde und wo das Schiff zu finden ſein möchte, davon hatte ich keine Ahnung. Ich wagte natür⸗ lich Niemanden zu fragen und hoffte bei meinen Spazier⸗ gängen an der Newa ſelbſt Alles ausfindig zu machen. Ich machte alſo förmlich Jagd zunächſt auf dieſes Fahr⸗ zeug; allein leider fand ich auf dieſer Seite der Newa nur lauter kaiſerlich ruſſiſche Dampfer, endlich traf ich auch einige welche Handelskompagnien gehörten, die aber nach dem Aushängeſchild einen andern Cours vorhatten, als ich brauchen konnte. Ich wanderte zurück, ging über die Brücke an das andere Ufer, und dort wieder den Strom entlang nach der Mündung zu. Nicht fern von der Brücke, am Ufer dem Muſeum der ſchönen Künſte gegenüber fand ich wieder ein Dampfſchiff, auf deſſen Aushängeſchild ich las:„Riga morgen früh!“ Ich hätte vor Freude laut aufſchreien mögen. Uebung macht den Meiſter, und mit meiner gewöhnlichen dummen Bauermiene guckte ich mir das Fahrzeug an, indem ich darüber nachdachte, wie ich wohl da hinaufgelangen könnte. Es war etwa ſieben Uhr Abends. Ich bemerkte Niemanden auf dem Schiffe, außer einen Matroſen im rothen Hemde:„No, vielleicht willſt du nach Riga,“ ſagte er zu mir,„wenn dem ſo iſt, dann eil' dich, morgen früh geht's fort.“—„Freilich möcht' ich dorthin, aber wie wuͤrde ich eine Fahrt mit dem Dampfer bezahlen können, das iſt nicht für uns Bauern.“—„Ch! fürcht, dich nur nicht, von dir nimmt man nicht viel.“—„Und wie viel etwa?“— Er nannte mir einen ſo geringen Preis, daß ich darüber erſtaunte. „No, worüber ſinnſt du denn nach, hol' deine Sachen und komm.“—„Ja, das iſt kein großes Kunſtſtück, und der Preis iſt nicht groß, das iſt Alles richtig, aber“—— „No und was?“—„Was? Ich bin heut früh angekommen und hab' meinen Paß noch nicht angemeldet, und das muß ich doch erſt thun.“—„Ha, ha, ha, ha! wenn du das erſt thun willſt, dann kommſt Du in drei Tagen nicht fort da kenn' ich die hieſige Polizei beſſer— und morgen geht's fort.“—„Ja, was iſt nun dabei zu thun?“— „Zu thun?— Na ohne Meldung zu reiſen.“—„Um nachher in's Unglück zu gerathen?“—„O! was ſolch' ein Bauer für ein Eſel iſt! er will mich lehren! Wenn ich dir ſage: komm und geh mit, ſo folge mir, ich weiß, was ich thu, verlaß dich auf mich.“—„Meinetwegen, mir recht, wenn du nur gewiß biſt.“—„Na das verſteht ſich. Und wo haſt du deinen Paß, zeig' her!“— Ich holte ihn aus der Taſche und begann ihn aus dem Tuche zu wickeln, in das ich ihn nach Landesſitte eingeſchlagen hatte.— „Ch! laß nur ſein, ich ſeh' ſchon, daß er gut ſein muß.“— „Aber wird man mich hier auch annehmen, wenn ich komme?“—„Sei ohne Sorgen, komm nur zur rechten Zeit und ſieh dich um, wo ich ſein werde. Und nun auf!“
Ich war glücklich und froh, wenn gleich noch nicht ganz ſicher. Früh ſtand ich auf, bezahlte meine Wirthin, nahm von ihr Abſchied und war zur beſtimmten Zeit am Dampfſchiffe, wo ich eine Maſſe Menſchen fand und unter ihnen auch meinen Mentor entdeckte. Als ich mich ihm näherte, rief er mir zu:„Na, nun gib Geld!“ und nachdem ich es ihm gegeben, verſchwand er ſofort. Ich wartete ziemlich lange, und ſchon ſtieg Verdacht in mir auf, als er mir ein Paſſagierbillet letzter Klaſſe Vorderdech brachte. Obwohl ich ſehr genau wußte, was dieſe Kanke zu bedeuten hatte, ſo fragte ich ihn dennoch, was ich da⸗ mit machen ſollte?—„O! du biſt ein Rindvieh! ſteh, ſchwatz nicht, ſondern thu, was ich dir ſagen werde.—
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