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rum? nun wahrlich nicht aus Herzensluſt, aber er war eine Beſtie, die uns mit harten Frohnden quälte und mit Ruthen auf's Blut peitſchte, Gerechtigkeit und Gehör konnte man bei ihm nicht finden, und das Leben wurde unerträglich; um alſo die Gemeinde von einem ſolchen Schinder zu befreien, beſchloß ich mit Aufopferung mei⸗ ner ſelbſt, ihn zu beſeitigen. Gott hat gewollt, daß ich die Knute ausgehalten, und nun befinde ich mich hier unendlich wohler als daheim. Es thut mir nur leid um meine junge Frau, die ich zu Haus gelaſſen,— allein die kann einen Andern heiraten.“—„Aber du mußt doch jetzt bereuen, daß du einen Menſchen erſchlagen haſt.“—„Einen Menſchen? aber das war kein Menſch, ſondern der leibhaftige Satan!“
Die übrigen Gefangenen beantworteten Piotrowski's Fragen ebenſo offenherzig. Bei dem erſten begann er mit der Erkundigung, woher er ſei.„Aus Litauen. Ich habe dort einen Reiſenden erſchoſſen, bei dem ich Geld vermuthete, fand aber keines und wurde hierher geſchickt.“ Ein zweiter, den Piotrowski fragte, und der ebenfalls aus Litauen war, hatte im Walde auf ſeinen Herrn ge⸗ lauert und ihn erſchoſſen, weil er, wie er ſagte, ein ſchlech⸗ ter Kerl war. Ein dritter war deshalb hier, weil er, um ſchnell reich zu werden, falſche Banknoten gemacht hatte. Ein anderer war Brandſtifter. Noch einer hatte eine öffentliche Kaſſe beſtohlen. Ein Zigeuner aus dem Olo⸗ nieckiſchen Gubernium hatte mit ſeinem Herzensfreund in Gemeinſchaft ein Pferd geſtohlen, und als ſie ſpäter da⸗ rüber nicht einig werden konnten, wem dasſelbe zugeſprochen werden ſollte, ſo geriethen ſie in Streit, und zufällig er⸗ ſchlug er, wie er ſagte, bei dieſer Gelegenheit ſeinen Freund. Noch ein anderer hatte ſeine Geliebte erſchlagen und als Piotrowski ihn nach der Urſache fragte, erzählte er ihm wörtlich:„Ich hatte ſie im Verdacht, daß ſie treu⸗ los gegen mich war, das Herz wollte mir brechen, und ich beſchloß Rache zu nehmen und ſie zu morden. Um dies deſto leichter ausführen zu können, that ich vor ihr, als hätte ich alle Beleidigung ihrerſeits vergeſſen, bat mit ſchönen Worten um Verzeihung, und nachdem ich dieſe erhalten, lud ich ſie ein, an dem gerade bevorſtehen⸗ den Feiertage wie ſonſt mit mir einen Spaziergang außer⸗ halb Petersburgs zu machen. Lange weigerte ſie ſich, als ob ſie eine Ahnung von dem gehabt hätte, was ihr bevorſtand. Endlich willfahrte ſie, aber nur unter der Bedingung, daß eine ihrer Freundinnen uns begleite. Es war mir das zwar keineswegs gelegen, aber da ſie durch⸗ aus nicht davon abſtand, ſo willigte ich endlich ein. Mit Terzerol und Dolch bewaffnet ging ich neben ihr. Nie hatte ſie mir ſo ſchön und lieb geſchienen, und um ſo mehr wuchs meine Eiferſucht und mein Rachegefühl. Wir kamen auf eine Wieſe. Hier ſchien mir die Gelegenheit günſtig. Ich lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf einen fernen Gegenſtand, denn hätte ſie mich angeſehen, ſo wäre ich nicht im Stande geweſen, meine Abſicht auszuführen. Während ſie dorthin ſah, hielt ich das Terzerol an ihren Kopf, drückte los, aber mit zitternder Hand, ſo daß die Kugel ſie nur leicht ſtreifte. Die Freundin entfloh, meine Geliebte drehte ſich mehrere Male im Kreiſe herum, ohne einen Laut von ſich zu geben, dann fiel ſie vor mir auf die Kniee und bat mit tief erſchütternder, flehender Stimme um Vergebung, daß mir es kalt über die Haut fuhr, aber dennoch antwortete ich nur mit dem Dolche, den ich ihr bis an's Heft in's Herz ſtieß und den ich darin ſtecken ließ, als ich fortging, um mich bei der Behörde als ihr Mörder zu melden. Ich erhielt die Knute, überlebte ſie, und wurde auf Zeitlebens hierher geſchickt.“„Und be dauerſt du das nicht und macht dir dein Gewiſſen keine Vorwürfe?“„O, in meinem Leben werde ich ſie nicht ver⸗ geſſen und nie wieder eine andere lieben, was aber mein Gewiſſen aubetrifft, ſo ſcheint es mir, als habe ich ganz gewiſſenhaft gehandelt, indem ich ſie erſchlug. Sie hat „mich zuerſt zum Glücklichſten und dann zum Unglücklich⸗ ſten der Menſchen gemacht, und wenn ſie noch einmal aufleben könnte, ſo würde ich ſie noch einmal morden,
denn ſie hat mir das Glück aus dem Herzen geriſſen, ich habe ihr nur das Leben genommen. Sie hat mehr ge⸗ ſündigt als ich.“ Er wäre ein würdiger Held für Ver⸗ brecherrollen und für Lord Byron in ſeinem Haſſe und ſeiner Verachtung für die Menſchheit ein reicher Stoff zu einem Gedichte geweſen.
Aus mehreren Stellen des Buches, die wir anein⸗ ander reihen, ergiebt ſich die milde Pragis, die in Sibirien gegen die Gefangenen geübt wurde. Jeder Gefangene bekam außer ſeinem Arbeitslohn achtzig Pfund Mehl mo⸗ natlich und wohnte entweder bei einem Wirth, oder rich⸗ tete ſich ein eigenes Haus ein. Das letztere that Piotrowski in Gemeinſchaft mit einem andern Polen, Sieſieki.
„Das Haus ſtand unmittelbar am Walde am Ende der Querſtraße, die grade beim Hauſe des Inſpektors vorbei nach der Brennerei führte. Es beſtand aus einer kleinen Vorhalle, die mit gut ſchließender Thüre verſehen war, einem großen Flur, deſſen einer Theil zur Speiſe⸗ kammer und zur Küche diente, und zwei neben einander liegenden Zimmern. Flur und erſtes Zimmer wurden durch einen Ofen erwärmt, der zum Kochen und Brod⸗ backen diente, das zweite Zimmer, gleichſam unſer Salon, hatte ein ziemlich anſehnliches untermauertes Kamin, nach dortiger Sitte rund, man nennt es auf tatariſch Czulan, und ein Tatar hatte uns dasſelbe gebaut. Auf ihm mach⸗ ten wir Abends, wenn wir nach gethaner Arbeit heim⸗ kehrten, ein luſtig Feuer und erwärmten uns, ſo gut es eben gehen wollte. Dennoch war trotz Ofen und Kamin und der Menge von Holz, das wir verbrannten, die Kälte ſehr empfindlich, da die Holzwände, die nur mit Moos in den Fugen verſtopft und nicht getüncht waren, den Wind leicht hindurchließen ſo daß am Morgen die Wände immer froſtweiß waren und oft dicke Eiszapfen daran hingen, was natürlich große Feuchtigkeit verurſachte. Die Feuſter waren einfach und immer dicht zugefroren. In⸗ deſſen ertrugen wir das Alles mit der größten Leichtig⸗ keit, denn alle Unannehmlichkeiten waren verſüßt durch das ſtolze Gefühl, in unſerem Eigenthume zu ſitzen, und durch die Hoffnung, im kommenden Sommer durch gründ⸗ liche Nachhilfe Alles in Ordnung zu bringen. Die größte Schwierigkeit beſtand darin, eine ordentliche zuverläſſige Wirthin zu finden, die keine Säuferin wäre und das Haus hütete. Ich war den ganzen Tag im Bureau(Pio⸗ trowski war in dieſem ſtatt mit Handarbeiten beſchäftigt), kam nur zu Mittag und zur Nacht nach Hauſe, Sieſicki mußte zuweilen wochenlang abweſend ſein, um ſeinen A piiichtnge nachzukommen, es war alſo durchaus je⸗ mand nöthig, der das Haus hütete. Aus Mangel an gehöriger Wachſamkeit wurden wir zweimal von Dieben heimgeſucht, einmal ſtahl man uns Mehl und das andere Mal den Thee.“.
„Der Lohn, den uns die Pächter der Branntwein⸗ brennerei zahlten, war verſchieden, je nach der Wichtig⸗ keit der Arbeit. Unter den Böttchern waren ſolche, welche monatlich 15, auch mehr Rubel verdienten, andere Ar⸗ beiter erhielten 5, 8— 10 Rubel. Mir zahlte man au⸗ fänglich 5, dann 10, darauf 15 und endlich wieder 10 Rubel. Ein Theil der Strafgefangenen wohnte in höl⸗ zernen nicht großen Kaſernen, da aber nicht alle darin Platz fanden, ſo dislocirte ſich der größere Theil zu den Bauern oder Koloniſten. Der Strafgefangene gab ſeinem Wirthe die achtzig Pfund Mehl und dieſer fpeiſte ihn dafür und erlaubte ihm in einer warmen Stube zu ſchla⸗ fen, doch mußten ſie dem Wirthe, ſoviel ihre Zeit erlaubte, bei ſeinen Feldarbeiten helfen. Diejenigen, die in den Kaſernen wohnten, kochten ſich ſelbſt ihre Speiſen und holten dazu Holz aus dem Walde, der ringsum lag. Dort herrſchte ſelten Friede und Eintracht, und oft mußte die Garniſon einſchreiten. War einer der Gefang enen impertinent, ungehorſam oder faul, ſo mußte das an den Inſpektor gemeldet werden, dem allein das Strafrecht zu⸗ ſtand, aber ihn ohrfeigen, an den Haaren reißen und dgl. das durfte jeder, dem es gefiel. Im Ganzen, muß ich indeſſen ſagen, wurde bei der Geſetzloſigkeit, die darüber


