Jahrgang 
1864
Seite
315
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Feuilleton. 315

braven, jedenfalls für einen muthigen Mann, und glau⸗ ben nicht, daß er in dem, was ihn perſönlich betrifft, ein unwahres Wort ſagt. In ſeinen politiſchen Aeußerungen wärmt er freilich verſchiedene alte Geſchichten auf, die als polniſche Erfindungen und Agitationsmittel nachgewieſen ſind, doch die Politik kümmert uns nicht, wir haben es blos mit den Schickſalen des Menſchen zu thun.

Rufin Piotrowski, ein Ruſſine(Ruthene) oder Klein⸗ ruſſe aus der Ukräne, hatte im Revolutionsheer von 1830 mitgekämpft und ſich der Emigration angeſchloſſen. Ge⸗ gen das Ende des Jahres 1842 erwachte in ihm die Sehn⸗ ſucht nach dem Valerlande, und er bot ſich dem Pariſer Revolutionsausſchuſſe als Sendling nach Polen an. Daß man ihn abwies, weil die Geldmittel erſchöpft ſeien, ſchmerzte ihn, änderte aber in ſeinem Entſchluſſe nichts. Ohne irgend welche Beihilfe einer Partei, ſelbſt ohne die allergewöhnlichſten Empfehlungsbriefe, mit einem falſchen engliſchen Paſſe und 150 Franken machte er ſich ganz allein auf, um, wie er wörtlich ſagt,Polens Unabhän⸗ gigkeit zu erkämpfen. Da haben wir den Polen in einer ſeiner Charaktereigenſchaften, in ſeiner bis zum Wahnwitz ſteigenden Hoffnungsſeligkeit. Bei keinem andern Volke der Welt kann es vorkommen, daß ein einziger Menſch ohne Geld, Anſehen und Verbindungen an einen Auf⸗ ſtand denkt, der gegen drei Großmächte zugleich durchge⸗ führt werden muß.

In der Wahl ſeines Weges bewies Piotrowski große Klugheit. Er ging durch Baden, Württemberg, Baiern, Oeſterreich, Ungarn, Galizien und die Bukowina nach Ruß⸗ land. Auf dieſer Grenze paßte man Verſchwörern am wenigſten auf, und unentdeckt gelangte er auf ruſſiſchen Boden. In Kamieniec, das er ſich zum Aufenthalt er⸗ koren hatte, verſchaffte er ſich als engliſcher Unterthan aus Malta die Erlaubniß, Unterricht in der franzöſiſchen Sprache zu ertheilen, und begann nach und nach Propa⸗ ganda zu treiben. Nach neun Monaten war er verrathen und verkauft. Es waren Polen, die ihn der ruſſiſchen Polizei anzeigten.

Die Erzählung ſeiner Behandlung im Gefängniſſe verbindet er mit Anklagen gegen ruſſiſche Härte und Grauſamkeit. Gleichwohl kann er, der immer und Alles läugnete, wenn ihm nicht Zeugen überwältigend entgegen⸗ traten, nicht umhin, zu erklären, daß ihm die Behörden Rückſicht ſchenkten. Wir erfahren ferner von ihm ſelber, daß die ruſſiſche Regierung von dem geheimſten Treiben der Emigration durch hervorragende Verbannte ſelbſt auf's genaueſte unterrichtet wurde. Es iſt immer die alte Ge⸗ ſchichte; wo ſechs Polen zuſammen find, da iſt einer von ihnen ein Verräther. Lange hatte er geläugnet, daß er ein Ruſſine ſei, und ſich geſtellt als ob er kein Wort polniſch verſtehe. Als ihm ſeine Nationalität, die er ge⸗ wöhnlich als die polniſche bezeichnet, nachgewieſen wurde, blieb er in allen Verhören und trotz aller Konfrontation dabei, daß er in Kamieniec nie als polniſcher Agent auf⸗ getreten ſei. Die Ketten, die man ihm wegen ſeiner handgreiflichen Lügen anlegte, wurden ihm bald wieder abgenommen, und ſeine Richter behandelten ihn wegen ſeiner polniſchen Geſinnung mit Achtung. Als er einmal vor ihnen geſagt hatte, daß er Polen liebe und ſein Va⸗ terland darum, weil es elend und unglücklich ſei, nicht verlaſſen werde, ſchlug einer der Richter mit der Fauſt auf den Tiſch und rief:So muß jeder ehrenhafte Menſch denken, fühlen und ſprechen, ich bin als Ruſſe geboren und als Ruſſe will ich ſterben. Dieſer Richter wurde von da an gegen den Gefangenen freundlich und aufmerk⸗ ſam.Er fragte mich, erzählt Piotrowski,nach den größten Kleinigkeiten meines Zuſtandes, ob ich in irgend einer Beziehung geſtattete Erleichterungen wünſchte, ob mir irgend was fehlte, und bot mir wiederholt ſeine Bi⸗ bliothek an, wovon ich bis zur Zudringlichkeit Gebrauch machte, denn ich verſchlang, ſo zu ſagen, ſeine ganze Bü⸗ cherſammlung.

Am 18. Juli 1844 wurde ihm ſein Urtheil verkündet, das auf lebenslängliche Zwangsarbeit in Sibirien lautete.

Von zwei Gensd'armen begleitet, mit einer Kette an den Füßen wurde er in einer Kibitke fortgeſchafft. Die Pferde liefen wie losgelaſſene Drachen, die Reiſe von 578 deut⸗ ſchen Meilen wurde in dreiundzwanzig Tagen gemacht. In Omsk, der Hauptſtadt des weſtlichen Sibiriens, wurde über ſeinen Beſtimmungsort entſchieden.Ich kam in der Nacht in Omsk an und hatte auch nachher keine Gelegen⸗ heit, mich in dieſer ſogenannten Feſtung umzuſehen, allein diejenigen, welche ich danach fragte, ſagten mir, daß es eben nur eine Feſtung gegen die Kirgiſen wäre, die nur zu Pferde und ohne Geſchütz angreifen. Vor dem Thore der Citadelle wurden wir von der Schildwache mit dem Rufe angehalten:Halt! Wer da?Niesz- czastnyj(ein Unglücklicher!). So werden ſtets alle genannt, welche als Verbannte hierher geſendet werden. Auf dieſe Loſung öffnete ſich das Thor. Gleich liuks davon innerhalb war die Wohnung des Fürſten Gorcza⸗ kow; ſie ſchien, für einen General⸗Gubernator des weſt⸗ lichen Sibiriens, ärmlich genug. Wir fuhren vor, und einer der Gensd'armen ging ſofort mit der Meldung zum Feſtungskommandanten, der bereits ſchlief, nichtsdeſtowe⸗ niger aber ſehr ſchnell bereit war mit dem Gensd'armen zu Gorczakow zu gehen, den ſie ebenfalls bereits im Bette fanden. Ich mochte ungefähr zwanzig Minuten gewartet haben, als der Kommandant mit einem Officier von Gorezakow zurückkam, mich höflich grüßte und dem Offi⸗ eier befahl, mich zur Nacht auf die Hauptwache zu füh⸗ ren. Ich ging alſo dorthin, und da ſich grade kein lee⸗ res beſonderes Zimmer vorfand, ſo brachte man mich in dasjenige, in welches man Officiere für kleine Dienſtver⸗ gehen einzuſperren pflegte. Auch gegenwärtig war es nicht leer, denn ich fand daſelbſt einen jungen Lieutenant, der mir mit großer Freundlichkeit entgegenkam und offen⸗ bar erfreut war, Geſellſchaft zu erhalten; als er aber erfuhr, daß ich ein Pole, weshalb ich gefangen und wel⸗ ches Schickſal meiner harrete, da wurde er ſehr traurig, aber wie das bei der hoffnungsvollen Jugend iſt, nur auf kurze Zeit. Er ſuchte mich auf ſeine Weiſe zu tröſten und mir allerlei Rath zu ertheilen und zwar mit ſolchem Witz und Humor, daß ich faſt meine Lage vergeſſend herzlich darüber lachte und gleichfalls in fröhliche Laune gerieth. Da es natürlich hier nichts einem Bette Aehn⸗ liches gab, war mein gaſtfreundlicher junger Wirth ſehr in Sorgen, auf welche Weiſe er mir ein einigermaßen er⸗ trägliches Lager bereiten könnte, indem er bei dieſer Ge⸗ legenheit von Witz über die Annehmlichkeit des Gefäng⸗ nißlebens ſprudelte und mit Lobeserhebungen diejenigen überſchüttete, welche dafür ſorgten, daß es immer Gefan⸗ gene gäbe. Er gelangte endlich zum Ziel, mir ein ganz erträgliches Lager zurecht zu machen. Unterdeſſen brachte man mir von Seiten des Platzkommandanten Degrave ein wohlzubereitetes Abendbrod, das mir, da ich in froher Stimmung war, herrlich mundete. Mein junger Kamerad ſetzte den Samowar in Thätigkeit, und während wir ein Glas Thee nach dem andern tranken, plauderten wir ganz vertraulich über Perſonen und Zuſtände in Polen und Rußland u. ſ. w.

Es wurde entſchieden, daß Piotrowski, da ſein Ver⸗ gehen nicht erheblich ſei, im Gubernium Tobolsk bleiben ſolle. Als Aufenthalt wurde ihm die Jekaterynskiſche Kolonie angewieſen, wo eine große Regierungsbrennerei iſt. Man nahm ihm die Ketten ab und verwendete ihn zunächſt beim Reinigen und Kehren. Der erſte ſeiner Mitgefangenen, mit dem er ſich unterhielt, war ein auf Lebenszeit verurtheilter Ruſſe. Auf Piotrowski's Frage, weshalb er ſo hart verurtheilt ſei, antwortete er:Ich habe meinen Herrn erſchlagen.Aber gewiß zufallig nur fragte Piotrowski.Nun, freilich, daß ich mein Beil im Gürtel hatte, das war zufällig, allein das war nicht zufällig, daß ich es herauszog und mit der Schärfe meinem Herrn den Schädel ſpaltete. Als er ihm das ſo mit kaltem Blute erzählte, überkam Piotrowski ein Schauder, doch fragte er weiter:Und warum haſt du ihn denn ſo unbarmherzig gemordet? Wa⸗

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