314 Feuilleton.
Stellet Euch vor, daß die Orgel Miserere aus dem Trovatore ſpielte; das war prächtig! Was lieſt Du denn da im Geheimen, Pauline?“
Pauline:„Ein kleines Buch, welches ich zufällig in der Wäſchkammer gefunden habe. Der Sekretär der Liebenden. Das iſt voller Briefe. Wollet Ihr, daß ich Euch einen vorleſe?“
Hermance:„Ja, ja. Wir werden Dich hinter uns verſtecken.“
Pauline:„Fräulein, ſeit dem Tage, wo ich die Glückſeligkeit hatte, Sie an dem Fenſter Ihres Zimmers zu bemerken, hat mein Herz, von der reinſten Liebe hin⸗ geriſſen, nie aufgehört, bei der Erinnerung an ſo viel Reize Tag und Nacht zu ſchlagen.“
Marie:„Das iſt dumm, das.“
Hermance:„Im Gegentheil, das ſcheint mir ſehr gut geſchrieben.“
Pauline(fortfahrend):„Sprechen Sie ein Wort, geben Sie ein Zeichen, und die unüberwindlichſten Hinder⸗ niſſe werden mich nicht aufhalten. Möge der unwider⸗ ſtehliche Ausdruck eines im Augenblicke entflammten Ge⸗ fühles Sie nicht gleichgiltig finden, und in Ihnen ein wenig dieſes Mitleiden erregen, das man den Unglückli⸗ chen, die man gemacht, nicht verweigern kann. Arthur.“
„Da iſt nun die Antwort der Heloiſe.“
Marie:„Fräulein, Sie leſen da ein ſchlechtes Buch, ich mag nicht weiter hören.“
Hermance:„Oh! laſſe uns die Antwort der Heloiſe anhören.“
Marie:„Sie iſt noch lächerlicher als der Brief Arthur's.“
Pauline:„Du kennſt ſie alſo?“
Marie:„Mein Gott... ich habe ſie zufällig in der Wäſchkammer geleſen.“
Hermance:„Sehet nur einmal die Duckmäuſerin.— Pauline, Du wirſt mir Deinen Sekretär borgen, bis Du ihn geleſen haſt.“
(Die Unterlehrerin, welche heimlich herangeſchlichen iſt, entreißt Paulinen geſchickt das Buch.)
Die Unterlehrerin:„Kann ich meinen Augen trauen? Der Sekretär der... Fräulein Pauline, wo haben Sie dieſes Werk hergenommen?“
Pauline:„Ich habe es auf einer Bank im Garten gefunden.“
„Sie lügen, es war in meiner...“(Hier beißt ſich die Unterlehrerin in die Lippen.)
Pauline(mit einer durchtriebenen Miene).„Wo war es, Fräulein?“
Die Unterlehrerin:„Ich hatte es einem Zögling kon⸗ fiscirt und wollte es der Madam übergeben, als es mir entwendet worden iſt. Ich beeile mich, es in die Hände der Madame Couturier z legen.— Fräulein, wenn ſo etwas noch einmal geſchähe, ſo würde ich mich gezwungen ſehen, darüber an richtigem Orte Bericht zu erſtatten.“ (Sie zieht ſich würdevoll zurück.)
Pauline:„Schaut, das Buch gehört ihr, ich möchte darauf wetten. Es hat keine Noth damit, daß ſie es der Madame übergibt. Uebrigens iſt es mir einerlei, daß ſie es mir wieder genommen hat; ich habe ohnedies nur die Briefe gern, welche an mich adreſſirt ſind.“
Hermance:„Du haſt ihrer ſchon erhalten, wirklich?“
Pauline:„Ja, Fräulein, einen.“
Marie:„Von wem? Iſt er hübſch? Liebt er Dich?“
Pauline:„Wie dieſe Marie unbeſcheiden iſt. Freilich iſt er ſchön und er betet mich an.“
Hermance:„Was fagte er Dir in ſeinem Briefe?“
Pauline:„Er bat mich, ihm drei Franken zu leihen.“
Marie(lachend):„Wie! Dein Arthur wollte Geld von Dir borgen?“
Pauline(verletzt):„Dazu kennen wir uns lange genug, er iſt mein Gevatter, wir waren zuſammen Pathen bei einem Kinde.“
Hermance:„Und haſt Du ihm die Summe vorge⸗
ſchoſſen?“
Pauline:„Ich habe mich wohl gehütet; er iſt ein zu leichtes Subjekt. Er iſt noch nicht ſechzehn Jahre alt, und hat ſich am Gymnaſium ſchon zwei Mal duellirt.“
Marie:„Iſt er verwundet worden?“
Pauline:„Sehr ernſtlich beim zweiten Gange: er hat das Auge vierzehn Tage lang ganz ſchwarz gehabt.“
Marie mmit Verachtung).„Ohl ein Duell auf Fauſt⸗ ſchläge, pfui!“
Pauline(gekränkt):„Sie hätten vielleicht gewollt, daß er ſich auf Kanonen duellirte, nicht?“
Marie:„Ich, ich möchte mich nur auf Degen ſchla⸗ gen, oder ſonſt gar nicht.“
„Da ſieht man wie Sie ſind: immer hoffärtig. Weil Ihr Vater adelig iſt.“
„Das iſt beſſer als die Tochter eines Gewürz⸗ krämers.“
„Ich ziehe einen reichen Gewürzkrämer einem Marquis ohne Groſchen vor.“
„Kleinliche Gefühle kleiner Leute.“
Pauline(den Kopf verlierend):„Uebrigens iſt mein Papa größer als der Ihrige.“
Marie:„Ja, er würde einen prächtigen Leibjäger machen.“
„Fräulein, Sie ſind unverſchämt, abſcheulich. Sie wiſſen nichts anderes als Bosheiten zu ſagen.“
Marie(ſich entfernend).„Ich bin nicht gewohnt, mich mit Perſonen Ihrer Klaſſe abzugeben.“
Hermance(Paulinen tröſtend):„Laß ſie nur, ſie wird nie ſo ein Bracelet haben wie Du.“
Pauline(weinend):„O! meine Klaſſe... Papa als Leibjäger... Warte, ich werde mich ſchon nächſten Sonntag an ihr rächen... ich werde mein neues Kleid anziehen!“
Eine ſibiriſche Gefangenſchaft.
Die Sympathien, denen die Polen nach dem Scheitern ihrer Schilderhebung von 1830 aller Orten begegneten, haben ſich verloren. Wir ſchwärmen nicht mehr gar ein Volk, das bedeutende, für die Sicherheit unſerer Grenzen unentbehrliche Bezirke, Städte wie Danzig, Elbing, Thorn und Bromberg beanſprucht. Die Zwiſtigkeiten unter den Emigranten, die galiziſchen Scenen von 1846 und vor allen die jetzigen Wühlereien gegen einen ruſſiſchen Kaiſer, der den Polen Pfänder ſeines Wohlwollens und ſeiner hochherzigen Abſichten gegeben hat, haben auch nicht dazu beigetragen, unſere Theilnahme für die unruhigſte unter den„unterdrückten Nationalitäten“ zu erhöhen. Darum verkennen wir aber das Anrecht der Polen auf Erhaltung ihrer Sprache, Sitte und Religion keineswegs, wenn wir auch täglich vor Augen haben, daß ſie dieſes Anrecht auf die verkehrteſte Weiſe geltend machen. Ebenſo wenig läugnen wir, daß es unter den Polen manchen wackern und edeln Mann gibt, deſſen Schmerz um ſein unterge⸗ gangenes Vaterland unſere volle Achtung verdient. Wir ſagen aber und berufen uns dabei auf die Geſchichte bis auf unſere Tage und auf Wielopolski herab, daß dieſe Männer nur dünn geſäet ſind und daß der polniſche Na⸗ tionalcharakter, ſo ſehr er patriotiſchen Schwärmereien und edelmüthigen Aufwallungen offen iſt, doch im Gan⸗ zen zu Neid, Eiferſucht und Treuloſigkeit, die ſich nicht ſelten zu offenbarem Verrath ſteigert, hinneigt.
Ein vor Kurzem erſchienenes Buch:„Meine Erleb⸗ niſſe in Rußland und Sibirien“, von Rufin Piotrowski, deutſch von L. Königk(Poſen, Merzbach), beſtätigt uns in dieſer Beurtheilung des polniſchen Nationalscha⸗ rakters, die nicht von heute datirt. Der Verfaſſer erzählt von vielen Verräthereien, die gegen ihn oder andere po⸗ litiſche Gefangene verübt wurden, und faſt in jedem ein⸗ elnen Falle iſt er genöthigt, zu ſagen:„Leider waren die Verräther Polen!“ Ihn ſelbſt halten wir für einen


