312 Literatur und Kunſt.
ſtand, die der Nähmaſchinenfabrikation ſelbſt. Allerdings iſt nicht zu läugnen, daß die Patentinhaber von Amerika und England einen viel größeren Nutzen als die deut⸗ ſchen Fabrikanten von ihren Produkten gezogen haben und ziehen, und dies liegt in dem Umſtande, daß die viel ſtrengere amerikaniſche und engliſche Patentgeſetz⸗ gebung einen wirkſameren Schutz für das geiſtige Eigen⸗ thum bietet, als die deutſche. Die amerikaniſchen und engliſchen Erfinder ſind ſo in den meiſten Fällen durch Verbeſſerungen an den Nähmaſchinen zu großem Reich⸗ thum gelangt, und es iſt bekannt, daß die Erfindung eines einfachen ſelbſtwirkenden Apparates zum Umbre⸗ chen des Zeuges beim Säumen dem Erfinder bedeuten⸗ des Vermögen eingebracht hat. Die drei großen Eta⸗ bliſſements in Amerika, welche ungefähr den fünften Theil aller in beiden Welttheilen arbeitenden Nähma⸗ ſchinen lieferten, haben in der Zeit ihres Beſtehens ein ganz ungeheures Capital als Nutzen abgeworfen. Dies geht ſchon aus folgenden Angaben hervor. Man kann recht gut annehmen, daß aus einem dieſer Etabliſſe⸗ ments wöchentlich hundert fertige Maſchinen hervor⸗ gehen; nimmt man für jede einen mittleren Verkaufs⸗ preis von 120 Thalern an, ſo ergibt ſich hieraus eine jährliche Einnahme von 600.000 Thalern. Nun ſteht aber feſt, daß die Herſtellungskoſten einer ſolchen Ma⸗ ſchine nicht mehr als fünfzig Thaler betragen, ſo daß alſo ein Reingewinn von 140 Procent erzielt wird! Daraus reſultirt ein jährlicher Nutzen von 350.000 Thalern. Trotzdem nun, daß in Europa ſelbſt eine be⸗ deutende Menge von Nähmaſchinenfabriken entſtanden ſind, iſt doch die Nachfrage nach amerikaniſchen Ma⸗ ſchinen noch immer bedeutend im Wachsthum begriffen, ſo daß die drei Hauptgeſellſchaften in Amerika kaum im Stande ſind, alle Beſtellungen auszuführen. So haben die deutſchen Fabrikanten den amerikaniſchen Maſchinen gegenüber einen ſchweren Stand, und ſie ſahen ſich des⸗ halb gezwungen, die Preiſe ihrer Fabrikate herabzu⸗ ſetzen, um dadurch das Gleichgewicht wiederherzuſtellen. Dazu ſind ſie auch durch die bedeutende Konkurrenz in Deutſchland ſelbſt genöthigt. Es gibt nur äußerſt we⸗ nige Maſchinenbauer in Deutſchland, welche einen Profit von 100 Procent erzielen; im Allgemeinen iſt der Ge⸗ winn auf 70 und 50 Procent herabgeſunken. Doch kann man wohl von der Zukunft Beſſeres erwarten, wenn nur erſt die Benutzung der Nähmaſchine bei uns eine ebenſo allgemeine geworden iſt wie in Amerika, wo im Jahre 1858 etwa 100.000 Maſchinen thätig waren und jetzt vielleicht ſchon 200.000 thätig ſind. In Eng⸗ land ſind ſeit 1856 wohl 25.000 in Wirkſamkeit, und in Deutſchland mag gegenwärtig etwas mehr als die Hälfte dieſer Anzahl exiſtiren, alſo vielleicht die Zahl von 15.000. In welch großartiger Weiſe ſich der Nutzen der Nähmaſchine, ganz abgeſehen von allen anderen Beziehungen, namentlich auch hinſichtlich einer durch ſie bewerkſtelligten Vergrößerung des Nationalreichthums manifeſtirt, beweiſt z. B. eine Berechnung, mit welcher wir unſere kurzen Auszüge aus Dr. Herzbergs Schrift⸗ chen ſchließen wollen. Angenommen alſo, daß in Eng⸗ land jetzt 25.000 Maſchinen in Thätigkeit ſind:—
macht man nur die ungefähre Schätzung, daß eine Näh⸗ maſchine, von einer Arbeiterin geleitet, fünſ Mal ſoviel zu leiſten im Stande iſt, als die Arbeiterin ohne die Maſchine fertig bringen kann, daß alſo die Einführung der Nähmaſchine die Leiſtungsfähigkeit von 25.000 Näherinnen verfünffacht, d. h. das Nationalvermögen um den vierfachen Werth der Näharbeit von 25.000 Arbriterinnen jährlich vermehrt hat, ſo ergibt ſich, wenn man den Tagelohn einer Näherin auf acht Silber⸗ groſchen pro Tag berechnet, während der ſieben Jahre ſeit 1856 eine Vermehrung des Nationalvermögens um ſechszig Millionen Thaler, in runder Summe ge⸗ rechnet.
Literatur und Kunſt.
— Durch die Unterſtützung der Landesvertretung in Steiermark und des dortigen Geſchichtsvereins u. ſ. w. iſt das Erſcheinen eines von Dr. Friedr. Pichler heraus⸗ gegebenen„Repertoriums der ſteiriſchen Münzkunde“ er⸗ möglicht worden, das aus zwei bis drei Bänden beſtehen wird und deſſen erſter Band als Einleitung noch im Laufe dieſes Jahres erſcheinen, das Ganze aber im Jahre 1865 beſtimmt abgeſchloſſen werden ſoll. Dem Werke wird eine celtiſche Fundkarte, eine Tafel Abbildungen celtiſcher Mün⸗ zen und ein Mionnet'ſcher Münzmeſſer mit dem veralte⸗ ten Maße von Wellenheim und Appel beigegeben werden.
— Die ſeiner Zeit als„Jubiläumsausgabe“ ange⸗ kündigte Shakeſpeare⸗Ueberſetzung von Ludwig Seeger, die durch den Tod des Verfaſſers vereitelt wurde, findet nun doch ihre Verwerthung, indem die nachgelaſſenen Stücke jener Ueberſetzung in die einen Theil der in Hildburg⸗ hauſen herauskommenden„Bibliothek ausländiſcher Klaſ⸗ ſiker“ bildende Shakeſpeare⸗Ausgabe aufgenommen ſind.
— Unter den in Ausſicht ſtehenden Neuigkeiten des engliſchen Buchhandels ſind bemerkenswerth: Tuscan Sculp- tors; their Lifes, Works and Times, von Perkins; The Hidden Wisdom of Christ, von Ernſt v. Bunſen; Ballads of Brittany, von Tom Taylor; Letters on England, von Louis Blanc; Ueberſetzungen von Karl Maria v. Weber's Biographie und von Hermann Grimm'’s Leben Michel Angelo's.— Dem Poeta laureatus, Alfred Tennyſou, ſoll ſeine neueſte Dichtung: Enoch Arden, ſchon 10.000 Pfd. St. eingebracht haben. Wilkie Collins erhält für den erſten Abdruck eines neuen Romans im Cornhill Magazine ein Honorar von 3000 Pfd. Sterl.
— M. von Schwind und C. Piloty ſind wieder mit bedeutenden neuen Schöpfungen vor das Publikum ge⸗ treten. Der Romantiker Schwind wählte diesmal die Sage von der Rückkehr des Grafen v. Gleichen aus mor⸗ genländiſcher Gefangenſchaft und hat ſeinen Stoff in poeſie⸗ voller, tief empfundener und charakteriſtiſcher Weiſe behan⸗ delt.— Karl Piloty's neueſtes Werk iſt ſein drittes Wal⸗ lenſteinbild. Der große Feldherr iſt auf ſeinem letzten Wege nach Eger dargeſtellt. Mit gedankenvoll aufgeſtütz⸗ tem Haupte ſitzt er in der Sänfte; voran ſchreiten gewaff. nete Soldaten, daneben reitet Seni, der Aſtrolog, auf einem Maulthier, und hinter der Säufte kommt Buttler zu Pferde, den verhängnißvollen Blick auf den General gerichtet. Die Nacht ſenkt ſich bereits vom bewölkten Himmel herab und das Ganze erhält eine düſtere Deutung durch die Geſtalten zweier Todtengräber, welche von einem offenen Grabe aus den vorübergehenden Zug. betrachten. Während Schwind's Gemälde zum Schmuck der Schack⸗ ſchen Galerie beſtimmt iſt, wandert Piloty's Schöpfung nach Petersburg.
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