Die Nähmaſchine und ihre Geſchichte 311
wird zum Schluſſe der Mahlzeit mit einem mehr durch Verpflanzung des franzöſiſchen Geſetzes auf engliſchen Solidität als Geſchmack ausgezeichneten Mehlpudding Boden würde ſchwerlich dazu dienen, das wohlbegrün⸗
zugekleiſtert, und dann befindet ſich John Bull allerdings in einer Lage, in welcher er ſich Oeffnung und Raum für ein neues Mahl ſchaffen muß. Dieſem Zweck entſpricht faſt jede Art von Pillen. Die häufigen Erkältungen, die er ſich vermittelſt ſeiner Flanelljacke in dem veränder⸗ lichen engliſchen Klima zuzieht, ſind, bis ſie mit dem zunehmenden Alter ſich im nationalen Podagra konden⸗ ſiren, vorübergehender Natur, und wenn er bei einem leichten Rhenmatismus⸗Anfall zu„The World's Friend“, wie Profeſſor Halloway ſeine Salbentöpfe über⸗ ſchreibt, ſeine Zuflucht nimmt, ſo wird das harmloſe Schweineſchmalz⸗Präparat ſeinen Gliederſchmerz nicht vermehren, wohl aber darf er hoffen, daß ſein Name in der nächſten Annonce als Nr. 609.032 der Wunderkuren figuriren wird, welche„der Freund der Welt“ zu be⸗ wirken pflegt.
Die zahlreichen Intereſſenten dieſes ausgebreiteten Geſchäftsverkehrs befinden ſich gegenwärtig in großer Aufregung, da ihre wiſſenſchaftlichen Konkurrenten einen vernichtenden Schlag gegen ſie zu führen beabſichti⸗ gen. Das General Medicial Council, eine Art Medi⸗ einal⸗Kollegium, beabſichtigt den Betrieb von Patent⸗ Medieinen zu beſchränken, und hat daher im Unterhauſe beantragen laſſen, daß keine Medicin patentirt und verkauft werden ſoll, bevor nicht dem Kollegium eid⸗ liche Mittheilung über ihre Zuſammenſetzung gemacht und dann in jedem Laden, der dieſelbe verkauft, eine Kopie dieſer Analyſe zu Jedermanns Einſicht angeſchla⸗ gen iſt. Darüber herrſcht große Aufregung unter den Quackſalbern; denn wenn Dr. Barry eidlich erhärten ſoll, daß er ſeine wunderbare Revalenta Arabica aus unſchuldigem Erbſenmehl fabricirt, oder wenn Morri⸗ ſon, der große Wohlthäter der leidenden Menſchheit, auf die Bibel ſchwören ſoll, daß ſeine Pillen aus der einfachſten Miſchung von Weizenmehl und Rhabarber beſtehen, ſo hört der Reiz des Geheimniſſes auf, und Alles hat ein Ende.
So weit iſt's übrigens noch nicht. Auch die Char⸗ latane haben Freunde im Unterhauſe ſitzen, und ihr ungeheures Vermögen erlaubt ihnen, allen Einfluß un⸗ beſtreitbarer Reſpektabilität zur Geltung zu bringen. Sodann aber beruht z. B. die Wirkung der Morriſon⸗ ſchen Pillen nicht auf ihrer Zuſammenſetzung, ſondern auf den zwei ſteinernen Löwen, die der geniale Mann auf ſeinem Hauſe ſtehen hat und welche„Suffering humanity to their great benefactor“, die leidende Menſchheit ihrem großen Wohlthäter, geſetzt hat. Die⸗ ſen Löwen und dem Humbug des Vertriebs verdankt Morriſon ſeine ſtaunenswerthen Erfolge, und kein nei⸗ diſcher Medicinalrath wird ihn verhindern, auch ferner noch mit ſeinen Pillen und Salben„jedes Organ zu einem angemeſſenen Pflichtgefühl zurückzurufen“. In Frankreich beſteht ſchon ein auf Beſchränkung des medi⸗ ciniſchen Charlatanismus gerichtetes Geſetz, allein die Erfahrung hat gelehrt, daß die Intervention des Staa⸗ tes der Verwerthung des Talents der Quackſalber keine unüberſteiglichen Schranken entgegenſetzt, und die
dete Vertrauen der Spekulanten auf die menſchliche Dummheit ernſtlich zu erſchüttern. Die Welt will be⸗ trogen ſein, und die Dummheit iſt eine viel größere Macht als alle vielbewunderte Aufklärung.
Die Nähmaſchine und ihre Geſchichte.
er Civil⸗Ingenieur Dr. Rudolf Herzberg in Berlin
hat über die Nähmaſchine,„der Frauen Freun⸗ din“, wie er ſie nennt, vor kurzem(Berlin, Springer) ein ſehr leſenswerthes Schriftchen her⸗ ausgegeben, welches uns die Ausbreitung jener Erfindung als eine noch weit größere erkennen läßt, als man wohl gemeinhin zu denken pflegt. Die Nähmaſchine ſtammt aus Nordamerika und iſt jetzt nahe an dreißig Jahre alt.
Freilich die erſte von Walter Hunt ausgeführte Maſchine gerieth, nachdem ſie ſich nicht bewährt hatte, in gänzliche Vergeſſenheit, und erſt nach Jahren wurde die ſchon wieder aufgegebene Erfindung von Elias Howe neu an'’s Tageslicht gebracht und mit den nöthi⸗ gen Verbeſſerungen in das induſtrielle Leben eingeführt. Der Sieg war ein ſchneller. In kurzer Zeit bildete das Maſchinennähen faſt einen ebenſo wichtigen Zweig der Induſtrie, wie das Maſchinenſpinnen und Weben. Be⸗ ſonderen Schwung erhielt es durch die Errichtung der drei großen Nähmaſchinenfabriken von Singer u. Comp., Wheeler und Wilſon und Grover u. Baker in Newyork, welche in den Jahren 1850— 52 ihre ausgedehnte Thä⸗ tigkeit begannen und bald faſt den ganzen Handel mit Nähmaſchinen in Händen hatten. Das größte dieſer Etabliſſements, deren Fabrikate noch jetzt allen anderen den erſten Rang ſtreitig machen, iſt die Wheeler⸗ und Wilſonſſche Fabrikgeſellſchaft, die über 500 Arbeiter beſchäftigt. Drei Viertel aller in Newyork angefertigten Näharbeit wird gegenwärtig mit der Maſchine gefertigt. Manche Kleider⸗ und Wäſchelieferanten ſind heute Be⸗ ſitzer von 100— 200 Maſchinen und nähren über ein halbes Tauſend Arbeiter und Arbeiterinnen durch Näh⸗ arbeit. In Europa wurde die Erfindung erſt durch die Londoner Ausſtellung von 1851 populär. Den mäch⸗ tigſten Vorſchub leiſtete ihrer Verbreitung in England die Nachfrage nach Militärkleidern im Krimkriege. Ver⸗ hältnißmäßig ſpät kam die Nähmaſchine nach Deutſchland und verſchaffte ſich hier nur ſehr langſam Eingang. Man wird ſich erinnern, daß noch vor ſieben Jahren eine ar⸗ beitende Nähmaſchine auf Jahrmärkten für Geld gezeigt wurde. So iſt es nicht zu erwarten, daß der Einfluß, welchen die Einführung der Nähmaſchinen in Deutſch⸗ land auf die Induſtrie ausübt, ſchon in den wenigen Jahren ſo erheblich geworden wäre, daß er in allen Gewerbszweigen, in denen die Nähmaſchine thätig iſt, ſich offenbar machte. Von vornherein iſt aber zu be⸗ merken, daß mit dem Bekanntwerden dieſer Maſchinen in Deutſchland eine ganz neue Induſtrie hierſelbſt ent⸗


