Jahrgang 
1864
Seite
310
Einzelbild herunterladen

Mediciuiſcher Humbug in England.

Dieſe Hatts bilden die eigentliche politiſche Lite⸗ ratur des Landes. Ihre Wichtigkeit macht es erklärlich, daß man die Staatsmänner unter den Literaten aus⸗ wählt. Der Korreſpondent des Athenäums gibt den guten Rath, jeden türkiſchen Schriftſteller Excellenz zu nennen; iſt er noch nicht Excellenz, ſo wird er es. Aali Paſcha, Miniſter des Auswärtigen, iſt der berühmteſte Schriftſteller des Tags, aber ein Buch von ihm iſt nie erſchienen. Der Engländer befand ſich einſt auf dem Dampfſchiffe, mit dem die erſten Beamten von ihren Jalis am Bosporus zur hohen Pforte fahren. An Bord wa⸗ ren außer Aali Paſcha der Großweſir Fuad Paſcha, Verfaſſer einer Grammatik, der frühere Großweſir Kia⸗ mil Paſcha, der den Telemach in's Türkiſche über⸗ ſetzt hat, die Hiſtoriker Sofvet Effendi, Achmet Jevdet Effendi, Edhem Paſcha, Münif Effendi, Hairullah Effendi, Kemal Effendi, der Dichter Zia Bey, der jetzt Juſtizminiſter iſt, Aghiah Effendi, Mehemed Scheriff Effendi, Kadri Bey und Dreviſch Paſcha, lauter Staatsdiener vom höchſten Rang und zugleich Schrift⸗ ſteller. Auf demſelben Dampfſchiffe wurde der Plan einer Allgemeinen türkiſchen Geſchichte verabredet, für die nicht blos die türkiſchen, ſondern auch die europäi⸗ ſchen Archive durchforſcht werden ſollen. Von den vier kaiſerlichen Bevollmächtigten, welche gegenwärtig das Reich bereiſen, um ſich zu überzeugen, ob die befohlenen Reformen ausgeführt worden ſind, und die jeden Be⸗ amten auf der Stelle abſetzen können, ſind drei Litera⸗ ten. Die ganze Umgebung des Sultans beſteht aus literariſch gebildeten Männern, alle ſeine Adjutanten ſprechen engliſch und franzöſiſch.

Der Juſtizminiſter Zia Bey iſt einer der Dichter, von denen man ſich am meiſten verſpricht. Er iſt be⸗ ſonders in Lobgeſängen groß und hat dadurch eine ſchnelle Laufbahn gemacht. Fuad Paſcha iſt ein Sohn des berühmten Jzzet Mollah, der der Lobſänger und Warner Sultan Mahmuds war und wegen der letztern Funktion verſchiedene Male in Ungnade fiel. Fuad Paſcha iſt zugleich der Neffe einer andern Berühmtheit, der Leilah Khatum, einer Sängerin der Liebe, deren zum Theil in's Franzöſiſche überſetzte Werke einen Be⸗ griff der erotiſchen Poeſie geben, die bei den Türkinnen beliebt iſt. Fuad Paſcha mußte, da ſein Vater längere Zeit aus der Ungnade nicht herauskam, als Arzt begin⸗ nen. Der Hang der Türken zur Satyre entzieht man⸗ chem jungen Dichter die allerhöchſte Huld. Kiazem Bey z. B. befindet ſich augenblicklich als Verbannter auf Cypern.

Gedruckt wird von der türkiſchen Literatur ſehr wenig. Jeder Dichter hat einen kleinen Kreis von Bewunderern, in dem ſeine Gedichte handſchriftlich um⸗ laufen. Die beſten Abſchreiber ſind in ihrer Art ebenſo berühmt wie die Dichter, und einige von ihnen kennt nicht blos Konſtantinopel, ſondern jeder Schullehrer im Reich. Das Publikum lernt die Dichter blos durch die Verſe von ihnen achten, die an den öffentlichen Bauten mit goldenen Buchſtaben auf Marmortafeln prangen. Für jeden Neubau, und wäre es nur ein Brunnen, bittet man einen Dichter um einen Spruch. An den

Hauptgebäuden der Moſcheen ſtehen Stellen aus dem Koran, über den Thorwegen lieſt man Verſe von Dichtern.

Mediciniſcher Humbug in England.

3 ie Flanelljacke und die Pillenſchachtel gehören zu den ausnahmsloſeſten und unzertrennlichſten At⸗ tributen eines echten Engländers; die ganze, durch

und durch männliche, kühne, ausdauernde, that⸗ kräftige britiſche Nation iſt vom Kopf bis zum

Fuße in Flanell gewickelt und verſchlingt viel⸗

leicht die Hälfte aller in Europa angefertigten und ver⸗ brauchten Patent⸗Arzneien, Pillen und Lebenselixire! Die Zahl der Apotheken in London iſt Legion; außer⸗ dem iſt jeder Arzt, nur die physicians vom höchſten Range ausgenommen, ſein eigener Apotheker, und bei vielen iſt die ärztliche Praxis nur eine Reklame, ein Puff, oder höchſtens eine Agentur zum Vertriebe von Arzneien. Die Apothekerei iſt die Hauptſache;Consultation gratis iſt eine ſtehende, meiſt durch rothe oder grüne Laternen verklärte Inſchrift, durch welche der Arzt der mittlern und untern Klaſſen Kunden für ſeine Pillen

und Miyturen anlockt. Auf den Gehalt dieſer in unge⸗

heuren Mengen verbrauchten Arzneien läßt der Umſtand ſchließen, daß mehrere Aerzte alle Arzneien ohne Unter⸗ ſchied zu einem gleichmäßigen Preiſe verkaufen. Daß der Arzt, der ſeine Beſuche umſonſt gibt, auf möglichſt bedeu⸗ tenden Abſatz ſeine Quackſalbereien ſehen muß, wenn er ein Geſchäft machen will, iſt klar, und ſo ſind denn die Quantitäten, welche den unglücklichen Bewohnern Lon⸗ dons eingepumpt werden, koloſſal. Glücklicherweiſe ſind alle dieſe Subſtanzen meiſt ſehr harmloſer Art, wie denn auch London unter allen großen Städten die geringſte Sterblichkeit aufzuweiſen hat.

Die großen Erfolge, deren ſich die Erfinder von Patentmedicinen in England erfreuen, wenn ſie nur einigermaßen Geſchick und Energie für den Humbug be⸗ ſitzen, hängen übrigens nicht blos mit der Harmloſigkeit: der Präparate zuſammen. Dieſe einfachen Mehl⸗ und Rhabarber⸗Pillen, mit denen die Morriſon, Halloway, Cockle, und wie die Fürſten des Pillen⸗Humbug alle heißen mögen, koloſſale Vermögen gemacht haben und noch immer fürſtliche Einnahmen realiſiren, entſprechen wirklich einem Bedürfniſſe. Die Maſſe der Bevölkerung lebt bis in die Mittelklaſſe hinauf ſehr einfach, und ihre ge⸗ wöhnlichen Beſchwerden rühren davon her, daß die Leute zu viel gegeſſen oder getrunken haben; doch überladet John Bull ſich den Magen ohne Raffinement mit den primitivſten Nahrungsmitteln, die in der unſchuldigſten Urſprünglichkeit aus ſeiner Naturküche hervorgehen. Halb⸗ rohes, ohne alle civiliſirte Chikanen am Feuer geröſtetes Beef oder Mutton, ein paar trockene Kartoffeln und, wenn es hoch kommt, in Waſſer abgekochte Greens (Kohl), die im barbariſchſten Urzuſtande ſervirt werden, bilden einen Tag wie den andern den Speiſezettel in den Familien und Reſtaurationen der Mittelklaſſe wie des Arbeiterſtandes. Der hiermit überfüllte Magen