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Türkiſche Literatur. 309
Hier riefen Alle im Chore:„Bravo!l der Hausherr ſoll leben!“ Und die Gläſer klirrten zuſammen.
„Und ich kündige Ihnen die Wohnung,“ entgeg⸗ nete Louiſens Mutter.„Meine Tochter iſt mit dem Fabrikanten Herrn Brem verlobt, in acht Tagen iſt Hochzeit und ich gehe zu meinen Kindern.“
Haxer l ſtolperte zerknirſcht von dannen.
Brem aber, welcher noch am Morgen um Louiſens Hand angehalten und der Mutter Ver⸗ ſprechen erhalten hatte, umarmte ſeine erglühende Braut und ſegnete den Prager Turnertag.
Türkiſche Literatur.
— s gibt Leute genug, ſo beginnt eine Korreſpon⸗ Aew denz aus Konſtantinopel im Athenäum, die
mit der Türkei genau bekannt zu ſein glauben
und die Ihnen ſagen, daß nichts ſich geändert
hat, während doch in jeder Richtung ſichtbare
Zeichen von Veränderungen hervortreten, die vielleicht in keinem Lande Europa's größer ſind.— Die Korreſpondenz, die wir für unſere Mittheilung benutzen, geht nach dieſer Vorbemerkung zu ihrem eigentlichen Thema über, zu der literariſchen Revolution nämlich, die ſich im türkiſchen Reiche vollzieht. Die treibenden Kräfte vereinigen ſich in einer neuen Schule von Literaten, die ſich in Konſtantinopel gebildet hat und ihre Bemühungen darauf richtet, die Sprache durch Beſchränkung des Ge⸗ brauchs perſiſcher und arabiſcher Wörter zu vereinfachen und zu reinigen. Dieſe Bewegung wurde von Fuad Paſcha und einigen ſeiner Freunde in der Zeit hervor⸗ gerufen, als Fuad und Achmet FJevdet Effende mit einer neuen türkiſchen Grammatik beſchäftigt waren.
Die türkiſchen Erlaſſe des vorigen Jahrhunderts, die vom großherrlichen Diban ausgingen und deren Sprache gewöhnlich als Hochtürkiſch bezeichnet wird, wimmelten ſo von ganzen perſiſchen Sätzen, daß man ſie faſt in Teheran hätte verſtehen können. Im Sthl und Gedankengang ſtanden ſie hoch über dem Verſtänd⸗ niß der Maſſen und dies wurde als ein großer Vorzug betrachtet.„Ich habe ſchöne Leiſtungen in dieſem Styl geſehen,“ bemerkt unſer Engländer,„die kein Menſch außer dem Verfaſſer verſtehen konnte.“ Dieſe literariſchen Künſteleien ſind auch gar nicht für die Menge beſtimmt. Ihre ausgeſuchteſten Proben ſind dem Padiſchah vor⸗ behalten, der davon dem Großweſir reichlich mittheilt; an die Beamten vom Range des Paſcha's gelangen kleinere Portionen, ſo daß, wenn dieſe ſchönen Dinge die niederen Rangſtufen der Effendis erreichen, von dem urſprünglichen Unſinn wenig mehr übrig iſt und die unterſten Klaſſen das, was für ſie beſtimmt iſt, beinahe verſtehen können.
Dieſer ausländiſche und hyperboliſche Styl ſcha⸗ dete der Nation ſehr, da er die gebildeten Klaſſen von den Maſſen trennte. Die letzteren waren der Theilnahme an den geiſtigen Hilfsquellen ihrer Sprache beraubt und jener Styl war überdies dem türkiſchen Volkscha⸗
rakter entgegen. In der Türkei bringt es die Natur der Dinge mit ſich, daß die Literatur für die Regierung und den Hof ein wichtiges Wergzeug iſt. Deshalb iſt die bei den kaiſerlichen Hatts eingetretene Reform viel⸗ leicht einflußreicher als jede andere. Neuerdings ſind Erlaſſe dieſer Art in einer ſo verſtändlichen Sprache erſchienen, daß das Volk an der politiſchen Tageslitera⸗ tur Antheil nehmen kann. Die Hattihumahuns oder kaiſerlichen Reden werden mehr als reiflich erwogen und ſind etwas ganz Anderes, als die Umarbeitungen derſelben, die man im ausmärtigen Amt zur Erbauung Europa'’s in franzöſiſcher Sprache entwirft. Nachdem die Maßregel, auf welche ſich ein Hattihumahun be⸗ zieht, beſchloſſen worden iſt, wird der Hatt von den namhafteſten Literaten redigirt, unterliegt ſodann einer ſcharfen Kritik verſchiedener Kenner und wird nun noch einmal anderen Literaten übergeben, die ihn in ſeine entgiltige Form bringen. Nun erſt kann der Hatt vom Sultan öffentlich verleſen werden. Dies geſchieht im Divan. Der Sultan lieſt von ſeinem Throne herab dem Großweſir den Hatt mit leiſer Stimme vor. Der Groß⸗ weſir hat bereits eine Abſchrift erhalten, die er den ver⸗ ſammelten Würdenträgern laut mittheilt, wobei der Sultan ſeine Augen nach und nach von einer Rang⸗ ſtufe der Beamten zur andern wendet. Dies iſt ſein großherrlicher Gruß, der mit tiefen Verbeugungen er⸗ wiedert wird. Boten tragen das heilige Dokument in jede Provinz. Ein langer Tag und Nacht fortgeſetzter Ritt bringt den Tataren zu irgend einer fernen Stadt, wo er ſeinen Beutel abgibt. An einem der nächſten Tage verſammeln ſich die erſten Beamten im Hofe des ſtädtiſchen Schloſſes. Auch den erſten Jmam mit ſeinem grünen Turban, den jüdiſchen Hauptrabbi, den griechi⸗ ſchen, armeniſchen, katholiſchen Biſchof und die Vorſte⸗ her der Handelsleute ſieht man dort. Der Wali geht die Treppe hinab und ſtellt ſich auf den Stein, der zur Erleichterung des Beſteigens der Pferde daliegt. Hinter ihm auf der Treppe reihen ſich die Provinzialbehörden, neben ihm ſteht einer ſeiner Beamten mit dem ſeidenen Briefbeutel. Das Siegel wird gebrochen, der Hatt her⸗ ausgenommen und dem Wali dargereicht. Dieſer prüft die Echtheit der großherrlichen Unterſchrift, berührt den Hatt zum Zeichen ſeiner Ehrerbietung mit der Stirn und übergibt ihn dem Oefterdar oder irgend einem Kiatib, der in der Gelehrſamkeit und im Styl des Divans bewandert iſt. Das Vorleſen geſchieht lang⸗ ſam und mit weithin ſchallender Stimme. Die Kiatib bewundern die Zartheit und Feinheit der wohlgemeſ⸗ ſenen Perioden, aber mit dem Verſtändniß des zahlreich erſchienenen Volks iſt es oft übel beſtellt. Aus dieſem Grunde pflegt der Wali eine Erklärung hinzuzufügen. Zuletzt erhebt ſich ein ehrwürdiger Jmam, um zuerſt für den Sultan, ſodann für die Miniſter, weiterhin für den Wali und die übrigen Beamten der Provinz und ſchließ⸗ lich für die Bevölkerung aller Klaſſen und Religionen zu beten. Bei jedem Satze läßt die Verſammlung ein lautes Amen erſchallen und zerſtreut ſich ſodann, um ſich den Inhalt des Hatts zu überlegen und in den Kaf⸗ feehäuſern erklären zu laſſen.


