Jahrgang 
1864
Seite
308
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308 Julius Roſen: Vom Prager Turnerfeſt.

aber that ſich Brem hervor. Wußte er ja doch, daß auch Louiſe ihm zuſah, wenn er ſie auch nicht finden konnte, obwohl ſeine Augen ſie überall ſuchten.

Die Turner marſchirten zurück. Als die Riege, zu welcher Brem gehörte, bei der erſten Tribüne vorbei⸗ marſchirte, fiel ein Bouquet dem jungen Manne gerade auf die Bruſt. Er fing es auf, ſah empor und ſeine Augen begegneten Louiſens Blicken. Er drückte das Sträußchen an ſeine Lippen und das über und über rothgewordene Mädchen verſteckte ſich hinter der Mutter.

Haxerls hatten nichts bemerkt und kehrten halb zerdrückt nach Hauſe zurück.

5.

Am nächſten Morgen waren die Ballkleider fertig. Louischen hatte die ganze Nacht gearbeitet und über⸗ brachte ihr Kunſtwerk den glücklichen Mädchen, welche den prächtigen Ball mitmachen durften. Sie fand je⸗ doch nur verdrießliche Geſichter. Die Zukünftigen der Haxerliſchen Mädchen mußten ſich ſehr gut unter⸗ halten haben, denn ſie waren erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe gekommen und ſchliefen noch, bis auf Brem, welcher bereits am frühen Morgen das Haus verlaſſen hatte. Es wurden ihr eine Menge Aus⸗ ſtellungen gemacht und beſonders Madame wollte mit nichts zufrieden ſein. Sie hatte die Tribünekarten noch nicht vergeſſen. Endlich war Alles in Ordnung und Louischen ging in ihr Stübchen hinunter. Es war ihr ſo recht weinerlich zu Muthe. Das junge Blut hätte gern mitgetanzt, beſonders mit dem ſchmucken Brem, welcher nach dem Turnen zu ſchließen, ein vor trefflicher Tänzer ſein mußte.Ach, er wird gar nicht an mich denken, ſeufzte ſie,und mit Mädchen tanzen, welche hübſcher und klüger ſind als ich. Warum bin ich auch gar ſo arm. Dem war jedoch nicht abzuhelfen, und ſo zwang ſie ſich denn, ruhig zu ſcheinen, um ihr Mütterchen nicht zu betrüben. Mütterchen ſchien aber gar nicht betrübt, ja ſie war ſogar recht aufgeräumt und neckte Louiſen mit dem hübſchen Turner, der ihr Bouquet geküßt hatte, und das junge Mädchen wurde ein- über das anderemal blutroth im Geſichte. Der Abend kam und eine Putzmacherin brachte einen großen Karton.

Sieh' Dir mal die Sachen an, Louischen, ſprach die Mutter.

Louiſe öffnete, nahm Ballkleid, Atlasſchuhe, Kranz, Schleier und viele, viele ſchöne Sachen heraus. Wie herrlich iſt das Alles, rief ſie,wie ſchön muß man darin ausſehen.

Es gehört einem Mädchen von Deiner Geſtalt. Du ſollſt es probiren, denn die reichen Leute befaſſen ſich nicht gerne mit dem Anprobiren der Kleider.

Schnell war Louischen dabei. Sie machte Toilette und ſelbſt die Mutter konnte ſich an dem lieb⸗ lichen Mädchen nicht ſatt ſehen, als es bräutlich ge⸗ ſchmückt vor ihr ſtand.

Da die Dame Dich in den Kleidern ſehen will,

werden wir zu ihr fahren, ſprach die Mutter, nahm aus dem Karton eine ſehr hübſche Seidenmantille, warf ſie um und führte das erſtaunte Mädchen in einen bereitſtehenden Wagen.

Louiſens Staunen wurde aber noch größer, als der Wagen hielt und ſie ſich im Sophienſaale ſah. Sie wollte eben ihre Mutter um Aufklärung bitten, als Brem auf ſie zutrat, ſie um den Tanz, der eben auf⸗ geſpielt wurde, bat, und ohne ihre Antwort abzu⸗ warten, den Arm um ſie legte und mit ihr durch den Saal flog. Ein ſchöneres Paar gab's nicht im ganzen Saale. Das ſahen ſelbſt die Haxerls ein, welche einige Augenblicke ſpäter eingetreten waren. Sie glaub⸗ ten in den Boden ſinken zu müſſen, als ſie Louiſe er⸗

kannten.

Das Mädchen muß ſchlecht ſein, wiſperte Ma⸗ dame,woher nähme ſie ſonſt den Putz.

Sie iſt ſchlecht, beſtätigten die guten Töchter.

Der Schrecken der Familie war jedoch noch nicht zu Ende. Er ſollte bald ſeinen Gipfelpunkt erreichen. Marie ſah nämlich vor Allem nach ihren Turnern aus und bemerkte alle fünf, der ſechste, Brem näm⸗ lich, führte Louiſen am Arme, mit hübſchen Frauen promeniren. Sie machte die Mama darauf aufmerkſam und dieſe kombinirte alſo:Wir ſind zu ſpät gekom⸗ men, die Turner haben uns geſucht und nicht gefunden. Sie unterhalten ſich nun mit andern. Wir müſſen ſie auf uns aufmerſam machen. Wenn ſie an uns vorbei⸗ kommen, machen wir das Freimaurerzeichen.

So geſchah es auch. Die fünf Einquartirten woll⸗ ten berſten vor Lachen, als ſie die ganze Familie an den eigenen Daumen kauend, die Köpfe hin⸗ und her⸗ bewegen ſahen. Um jedoch die übrigen Gäſte nicht auf⸗ merkſam und einen Skandal zu machen, gingen ſie alle auf die hocherfreute Familie zu.

Wir ſagten, ſo hub der eine an,daß wir Prag nicht ohne Frauen verlaſſen würden.

O ich bitte, komplimentirte Haxerl,meine Töchter freuen ſich ſchon

Wir halten unſer Wort, fuhr der Sprecher fort,unſere Frauen ſind heute Abend angekommen und wir erlauben uns dieſelben vorzuſtellen.

Madame ſank in Ohnmacht und mußte beim Büffet mit zwei Portionen Gefrorenem zu ſich gebracht werden. Es wären jedoch bei einem Haare noch weitere zwei Portionen nothwendig geworden, als ſie erfuhr, daß Louiſe mit ihren ſechs Gäſten und den Frauen derſelben um eine Tafel ſitze und champagniſire.Du gehſt augenblicklich hinauf und rächſt mich, rief ſie feuerſpeiend ihrem Gatten zu, und dieſer begab ſich ge⸗ horchend in die Reſtauration. Auch er war in Wuth, denn ſeine Hoffnung, die Töchter anzubringen, war zu Waſſer geworden.Ich will mich furchtbar rächen, brummte er und ſchritt auf Louiſens Mutter zu.

Madame, ſprach er,ich komme ich komme.

Was wünſchen Sie, Hausherr? fragte dieſe freundlich.

Ich komme, Sie zu ſteigern!