Jahrgang 
1864
Seite
307
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Julius Roſen:

Vom Prager Turnerfeſt. 9

gen nieder, da ſie gerade nichts anderes niederzuſchla⸗ gen hatten.

Dieſe Turner ſind herrliche Menſchen, ſtöhnte Haxerl und verarbeitete ein Stück Kugelhupf, das ihm nur mit Rückſicht anf die bevorſtehende Vermälung. der Töchter benmt worden war.

Es iſt ſo, wie Freund Brem ſpricht, ſprachen die Turner wie aus Einem Munde.Wir verlaſſen Prag nur am Arme unſerer Gattinnen.

Man ging zur Fahnenweihe. Bei dieſer ereignete ſich nichts auf unſere Geſchichte Bezug habendes, denn die jungen Haxerln waren nicht dahnenfungranen geworden und ſaßen demnach zu Hauſe. Während man in dem obern Geſchoſſe vergeblich die Gäſte zum Mit⸗ tagseſſen erwartete, klopfte es an der Thür Louis⸗ chens und auf ihr glockenhelles Herein trat ſchüchtern und achtungsvoll Brem herein.

Die Mutter ging ihm entgegen, um nach ſeinem Begehren zu fragen, und Louischen ſah halb er⸗ ſtaunt halb freudig den hübſchen jungen Turner ein⸗ treten, ohne ſich über dies Gefühl Rechenſchaft geben zu können.Wen ſuchen Sie, mein Herr? fragte die Mutter artig.Sie werden ſich wahrſcheinlich geirrt haben.

Nicht doch, entgegnete Brem, gnädige Frau.

Mich?

So iſt es. Ich bin hier im Hauſe einquartirt. So wurde ich heute Morgens Zeuge eines Geſpräches, worin Ihr Fräulein Tochter den Wunſch äußerte, das Schauturnen zu ſehen. Ich bin nun im Beſitze von zwei Karten für die Tribüne und kenne Niemand, dem ich ſie geben könnte. Da dachte ich denn, daß vielleicht Sie

Sie ſind zu freundlich, mein Herr, die Mutter.

Ach nehmen Sie die Karten doch an, bat Brem,Sie ſind mir ja deßhalb keinen Dank ſchuldig.

Mütterchen, ſtotterte Louiſe,ich Du

Warum ſollen wir ſpröde ſein, entgegnete die Mutter lächelnd.Daß wir es gern ſehen würden, haben Sie gehört, und da Sie überdies unſer Nachbar ſind, ſo nehme ich Ihr freundliches Anerbieten an.

Louischen küßte der Mutter die Hand, Brem übergab ſeine Karten und verabſchiedete ſich mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

ich ſuche Sie,

entgegnete

4.

Tauſende von Menſchen ſtrömten nach dem Baum⸗ garten hinaus, wo das Schau⸗ und Kürturnen der in Prag verſammelten Turnvereine ſtattfinden ſollte. Unter dieſen Tauſenden intereſſiren uns freilich nur zwei Fa⸗ milien, u. z. die Familie v. Haxerl,welche mit Aufbot aller Toilettenkünſte, als da ſind: Bänder, Spitzen, Schnürleibchen, Watte, Reismehl und Kölner Waſſer herausſtaffirt war und mit dem glücklichen Bewußtſein herausſchritt, nicht nur im Allgemeinen, ſondern auch

im Beſonderen bewundert zu werden, und Louiſe mit ihrer Mutter, welche im höchſt beſcheidenen Sonntags⸗ ſtaate, deſſen Hauptputz die Reinlichkeit war, durch die Alleen hüpfte, glücklich darüber, die ſchmucken Männer zu ſehen, von denen ſie nach Marias Anſicht nicht wußte, wozu ſie auf der Welt ſeien. Und ſie wußte es in Wahrheit doch, oder beſſer geſagt, ſie begann es zu wiſſen, denn der bildſaubere Brem mit ſeiner aufmerk⸗ ſamen Schüchternheit hatte einen größern Eindruck auf ſie gemacht, als er ſich träumen ließ. Sie konnte nicht anders, als immer an ihn denken und ihm im Stillen zu danken für das Vergnügen, deſſen ſie nur durch ſeine Hilfe theilhaftig werden konnte. Louischen trug ein kleines aber hübſches Bouquet. Sie hatte keine Abſicht gehabt, als ſie es band, es gelüſtete ihr, die Kinder des Frühlings bei ſich zu haben, um ſich an ihrer Farben⸗ pracht, an ihrem Dufte zu erquicken. Es waren ja Schweſtern und ſie liebte dieſelben, ſie, die ſchmuckloſe und doch ſo reizende Blume des Lebensfrühlings.

Die beiden Familien trafen ſich erſt im Baum⸗ garten, beim Eingange zu den Tribünen. Haxerls hatten keine Karten und waren demnach recht t zeitig hinausgekommen, um wo möglich in erſter Reihe zu ſtehen und die Uebungen zu ſehen. Es galt ja ihre zukünftigen Männer zu bewundern und da opferten ſie mit Vergnügen die Steif⸗ und Reifröcke, denen im Ge⸗ dränge allerdings übel mitgeſpielt wurde. Am ärgſten war Madame daran. Ihre Fülle machte ihr das Stehen beſchwerlich und der Herr Gemal mußte demnach ein leeres Fäßchen requiriren, das ihm ein ambulanter Wirth gegen eine gute Bezahlung überließ, und darauf thronte nun die Haxerliſche Familienkönigin.

Hinter dem Fäßchen ſtand Papa und bildete die Lehne, auf welche ſich ſeine ſchwerere Hälfte anlehnte. Die Mädchen gruppirten ſich maleriſch um ihre Erzeuger.

Seht nur, liſpelte Marie,da kommt Louiſe mit ihrer Mutter.

Kommt das auch, flötete Madame.Ich möchte wiſſen, was ſo ein Volk hier zu ſchaffen hat.

Vielleicht wünſcht die Jungfer auch zu heiraten, kicherte Käthe.

Die kann lange warten, meinte Madame,ſie hat ja nichts. Uebrigens hoffe ich, daß ſich dies Volk nicht in unſere Nähe ſtellt. Ich bin die Hausfrau und werde doch nicht neben einer Nähterin ſitzen?

Aber Louischen und ihre Mutter machten die Befürchtungen der Haxerls bald ſchwinden. Sie gin⸗ gen auf den in der Umzäunung gelaſſenen Eingang zu, wieſen ihre Karten vor und nahmen auf einer der Tri⸗ bünen Platz.

Ach, ach, ich ſterbe, jammerte Madame.

Was iſt Dir, Engel? fragte beſorgt der Alte.

Da ſchau dieſes Nähtervolk an. Der Plebs hat Eintrittskarten und wir müſſen unter den Schuſterjun⸗ gen ſtehen. Mich trifft der Schlag.

Der Schlag traf ſie aber nicht und die Turner kamen. Das Schauturnen begann, man applaudirte und die fremden Turner, darunter auch die Erwählten Haxerls, leiſteten Anerkennungswerthes. Unter Allen

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