Julius Roſen: Vom Prager Turnerfeſt.
„Sie lachen vor Freude über den Scharfſinn Ihrer Familie, welche es ſogleich weg hatte, daß ſie Frei⸗ maurer ſind,“ entgegnete Brem.
Nun begann erſt recht das Halloh. Die Turner erkannten, daß Brem ein luſtiges Stückchen im Sinne habe und wollten es nicht ſtören. Sie ahmten demnach der Familie nach, ſteckten ebenfalls die Daumen in den Mund und wackelten mit den Köpfen. Darüber gab's nun große Freude in der Familie, denn man hielt dies für ein Zeichen des vollkommenſten Einverſtändniſſes. Unter Lachen und anregenden Geſprächen, deren Stoff Mama und die Töchter waren, ohne daß ſie es merkten, verſchwand der Abend und man begab ſich zur Ruhe,
3.
Im Erdgeſchoſſe des Haxerlſchen Hauſes wohnte eine arme Witwe mit einer wunderhübſchen ſiebzehn⸗ jährigen Tochter. Louischen war der reizendſte blond⸗ gelockte Engel, den man ſich denken konnte. Mit ihren friſchen ſchwarzen Augen ſah ſie munter in die Welt und jede Gelegenheit gab ihr, wenn auch unbewußt, Anlaß, ihren herrlichen Korallenmund im Lächeln zu öffnen und zwei Reihen ſchneeweißer kleiner Zähne ſehen zu laſſen. Ihr Lachen wirkte wohlthuend wie das Ge⸗ zwitſcher der fröhlichen Lerche, und ſie lachte viel, denn ihre Weltanſchauung war eben ſo roſig wie ihre Wan⸗ gen. Der Vater war Privatbeamte geweſen, war bald geſtorben und hatte eine Witwe mit einem achtjährigen Mädchen zurückgelaſſen. Nun galt es freilich fleißig ſein. Die Mutter arbeitete Tag und Nacht, nähte, ſtickte in die Gewölbe und bekannten Häuſer und verdiente ſo viel, daß ſie Louischen eine anſtändige Erziehung geben konnte. Freilich ſpielte das Mädchen nicht Klavier und ſprach nicht franzöſiſch, aber dafür ſprach ſie gut deutſch und in dem frommen, einfach kindlichen Ge⸗ müthe heerſchte die ſchönſte, ungetrübteſte Harmonie. Als Louischen vierzehn Jahre alt geworden war, mußte ſie an den Mühen und Beſchwerden ihrer Mutter theilnehmen. Ohne Murren, ja fröhlich that ſie das. Sie liebte Mütterchen, Mütterchen hatte ſich geplagt, um ſie erziehen zu laſſen, nun wollte ſie ſich plagen, um der ältlichen Frau Erleichterung zu verſchaffen. Putz und Luxus kannte ſie nicht. Einfache Kattunkleidchen um⸗ ſchloſſen ihren zarten Körper und Sammt und Seide kannte ſie nur darum, weil ſie damit arbeiten mußte. Den Haxerlſchen Töchtern war das Mädchen ein Dorn im Auge. Ihre Schönheit machte ſie neidiſch, ihre Engelsgüte verdroß ſie, da ihnen hiedurch jede Gelegen⸗ heit benommen war, mit ihr anzubinden, und ihre Fröhlichkeit vollends machte ſie raſen, da ſie im Gegen⸗ ſatze zu ihrer mannsſüchtigen Verdroſſenheit ſtand. Den⸗ noch nützten ſie das gute Mädchen öfter aus, Da näm⸗ lich Louischen ſchön und billig arbeitete, gaben ſie ihr alle jene Putzſachen, welche geſchmackvoll ſein ſoll⸗ ten, zum arbeiten und die Gute übernahm gerne ſolche Mühe, weil ihr der Verdienſt beim Abſtatten des Mieth⸗
zinſes zu Gute kam. So hatte ihr denn auch das Tur⸗
nerfeſt Arbeit gebracht. Sie putzte die Ballkleider der Haxerlſchen Mädchen auf, hatte jedoch ihre liebe Noth damit, denn die Megären ſaßen ihr den ganzen Tag über am Halſe und beſchworen ſie, ja mit der Ar⸗ beit fertig zu werden.
Am Sonntag Morgen, die Turner hatten ausge⸗ ſchlafen und rüſteten ſich zur Fahnenweihe, hörte Brem weibliche Stimmen im Hofraume. Da ein Fenſter des Zimmers dahin führte, öffnete er es und ſah hinaus. Louischen war im Hofe und begoß ihre Blumen. Fröhlich wie ſie war, hielt ſie mit ihren Blumen ganze Geſprähe. Die Reſeda vorzüglich würdigte ſie einer längeren Unterredung, in welcher ſie jedoch durch Haxerls Marie geſtört wurde, welche im ſchmutzig⸗ ſten Negligé zu ihr trat und Auskünfte über ihr Kleid verlangte.
„Ich hoffe doch, Louiſe, daß Sie fertig wer⸗ den? fragte ſie. 7
„Gewiß, Fräulein, und wenn ich die ganze Nacht arbeiten müßte, entgegnete Louiſe.
„Ganze Nacht? Sie ſagten ja, daß wir noch heute unſere Kleider erhalten.“
„Sie brauchen ſie ja doch erſt morgen am Abend,“ entgegnete Louischen,„und ich möchte doch auch etwas von dem Feſte ſehen.“
„Sie wollen zum Feſte?“ fragte ſpöttiſch Marie.
„Freilich nicht zum Balle, dazu bin ich zu arm und unbedeutend, aber zum Freiturnen will ich mit Mütterchen. Ich will den ſchmucken Männern zuſehen, wie ſie ſo gewandt und keck ſpringen und laufen und ihre Stärke zeigen. Ich freue mich recht darauf.“
„Ei, Sie ſprechen auch ſchon von Männern? Wiſſen Sic denn, wozu Männer auf der Welt ſind?“
„Ei freilich weiß ich das,“ entgegnete Louiſe, welche Mariens Frivolität ärgerte,„ich halte dafür, daß es die ſchönſte Aufgabe der Männer ſei, arme Frauen zu ſchützen gegen den rohen Uebermuth unzarter Perſonen. Morgen bekommen Sie Ihre Kleider fix und fertig.“ Mit einer Verbeugung ging Louischen in ihre Stube und ließ die verdutzte Marie zurück, welche aus Wuth, ſo abgefertigt worden zu ſein, kicherte.
Brem trat vom Fenſter zurück.„Freunde,“ ſprach er zu den Turnern,„das iſt ein Mädchen! Friſch, fromm, fröhlich, freil— Die muß ich kennen lernen.“
„Wen willſt Du kennen lernen?“ fragten Alle.
„Den Gegenſatz zu unſeren Haustöchtern. Die ſollen ſich ärgern, daß ſie ſchwarz werden.“
Es klopfte an der Thüre. Auf das Herein der Turner kam Papa Haxerl und fragte, ob das Früh⸗ ſtück gefällig ſei. Die bejahende Antwort machte ſogleich Mama und ihre drei Grazien erſcheinen, deren jede zwei rieſige Kaffeegläſer trug, während Mama einen grandiöſen Kugelhupf producirte. Man ſetzte ſich und aß. Brem war ausgelaſſen luſtig.„Wiſſen Sie,“ wen⸗ dete er ſich zu Mama,„was wir heute Nacht beſchloſſen haben? Wir verlaſſen Prag nur am Arme unſerer Gattinnen!“—
„Ach!“ ſeufzte Mama,„das iſt herrlich!“ „Ach!“ ſeufzten die Töchter und ſchlugen die Au⸗


